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Im Fernsehen: der „Tatort“ aus Berlin Zehn Millionen für das Kind

Er nimmt das Lösegeld und verteilt die Beute unter den Passanten. Im „Tatort. Machtlos“ fällt ein Entführer aus dem Raster. Leichtes Spiel für die Ermittler?

© rbb/Hardy Spitz Vergrößern Linda Steiner (Lena Stolze) und die Kommissare (Dominic Raacke, Boris Aljinovic, von links) warten auf ein Zeichen des Entführers

Benjamin ist neun Jahre alt. Seine Mutter liefert ihn nachmittags beim Schlagzeugunterricht ab, alles ist an diesem Tag wie immer. Doch als sie ihn wieder abholen will, ist Benjamin verschwunden. Der Musiklehrer liegt gefesselt am Boden, ein maskierter Mann habe an der Wohnungstür geklingelt, ihn überwältigt und Benjamin entführt, erzählt er den Kommissaren Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic).

Was nun beginnt, sind die Fahndung nach einem Kidnapper und die Suche nach dem entführten Kind, und man glaubt natürlich zu ahnen, wie sich die Dramaturgie dieses Films entwickeln wird und welche Attribute zum Tragen kommen. Doch so, wie der Regisseur und Drehbuchautor Klaus Krämer diesen Fall inszeniert, ist im „Tatort“ wohl noch nie eine Entführung erzählt worden.

 © rbb/Hardy Spitz Vergrößern Kurz vor der Geldübergabe: der Entführer Uwe Braun (Edgar Selge) und die Mutter des Jungen Frau Steiner (Lena Stolze). Beobachtet werden sie ...

Der Film beginnt ruhig, und dieses Tempo wird bis zuletzt beibehalten: Es gibt nicht die üblichen schnellen Autofahrten, mit denen dem Wettlauf gegen die Zeit Nachdruck verliehen werden soll; es gibt keine Szenen zwischen Entführer und Kind, um die Monstrosität der Tat zu unterstreichen; es gibt keine verzweifelten Verhandlungen der Eltern mit der Bank, die unterstreichen, wie unglaublich hoch die geforderte Summe des Lösegelds ist; es werden keine Türen geknallt, keine Verdächtigen mit Fäusten bedroht oder angeschrien, und genauso wenig gibt es gutgemeinte Gesten oder fallen flaue Trostworte.

Wir ahnen den nervlichen Zusammenbruch der Eltern, aber wir sehen ihn nicht. Und genauso wenig sehen wir emotionale Ausbrüche der Kommissare, die betonen könnten, wie sehr ihnen das Wohl des Kindes am Herzen liegt, wie erschöpft sie sind und wie groß der Druck ist, unter dem sie stehen. Es fehlen die Unruhe und Hektik, die das Genre normalerweise pflegt.

Geldübergabe auf dem Alexanderplatz

Die Punkte, auf die sich dieser außergewöhnliche Film stattdessen konzentriert, sind die fast bürokratisch anmutende Befragung der Eltern und das zermürbende Verhör mit dem Entführer - und so ist die Arbeit des Berliner Kommissarduos im „Tatort. Machtlos“ sicherlich näher an der Wirklichkeit von Polizeiarbeit angesiedelt, als wir das normalerweise bei deutschen Fernsehproduktionen erleben. Der Plot scheint unglaublich, wirkt wegen der sozialkritischen Brisanz, die dem Motiv des Täters zugrunde liegt, aber lange in einem nach.

 © rbb/Hardy Spitz Vergrößern ... auch von den Beamten Ritter und Stark (Dominic Raacke und Boris Aljinovic)

Dass der Entführer nicht aus bloßer Habgier handelt, zeichnet sich schon bei der Geldübergabe ab. Linda Steiner (Lena Stolze), die Mutter von Benjamin (Mika Seidel), soll die erste Hälfte des Lösegelds mitten am Tag auf dem Alexanderplatz übergeben. Der Entführer erscheint, nimmt die Tasche mit den 500.000 Euro, doch er verschwindet nicht damit. Stattdessen zieht er ein Geldbündel nach dem anderen aus der Tasche und verteilt sie: an eine bettelnde Roma-Frau, an Straßenmusikanten, an einen Rikschafahrer, an eine junge Frau, die für eine Werbeaktion im Hasenkostüm Flyer verteilt, und an die Verkäufer einer Obdachlosenzeitung, die in Wirklichkeit zwei der Polizisten sind, die sich wegen der Geldübergabe überall auf dem Alexanderplatz postiert haben. Danach setzt sich der Entführer seelenruhig auf eine Bank und isst ein Butterbrot. Er weiß, dass die Polizei ihn beobachtet. Mit Gesten deutet er an, dass sie ihn jetzt bitte verhaften soll. Das tun die erstaunten Kommissare auch.

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Im Präsidium stellt der Mann seine zweite Lösegeldforderung: Zehn Millionen Euro soll man ihm bringen und ihn mit dem Geld gehen lassen. Nur dann werde er verraten, sagt er, wo er den Jungen gefangen hält - ohne Essen und mit nur einem minimalen Vorrat an Wasser, mit dem das Kind höchstens vierzig Stunden überleben kann. Danach sitzt er da und schweigt einfach. Doch Ritter und Stark lassen sich davon nicht provozieren. Sie finden heraus, dass Uwe Braun (herausragend gespielt von Edgar Selge) Hartz-IV-Empfänger ist, ohne festen Wohnsitz, ohne Bankkonto und ohne Kontakt zu seiner Familie. Vor zwanzig Jahren wurden sein Unternehmen und sein Leben durch die undurchsichtigen Geschäfte seiner Bank ruiniert. Der junge Bankangestellte, dem Uwe Braun damals vertraute, war - Benjamins Vater.

Der Tatort. Machtlos läuft am Sonntag, den 6. Januar, um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 06.01.2013, 16:14 Uhr

Dr. Acula

Von Gerhard Stadelmaier

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