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Im Fernsehen: „Das große Schunkeln“ : Spiel mir das Lied von den Knebelverträgen

Immer schön lächeln: Die Volksmusikprofis Michael und Marianne Hartl mit Florian Silbereisen (von links). Nur der Hund will nicht so recht. Bild: dpa

Was geschieht hinter den Kulissen der schillernden Welt der Volksmusik? Beteiligte sprechen von Scheinproduzenten, 360-Grad-Vermarktung und ominösen Zahlungen.

          Wann, wann, wann? Wann endlich, fragt man sich die ganze Zeit, kommen die Reporter auf die Rolle, die das Fernsehen bei dem skandalträchtigen Treiben spielt, von dem ihre große Recherche handelt? Im letzten Drittel kommen die „Panorama“-Mitarbeiter Birgit Wärnke, Lutz Ackermann und Christian von Brockhausen darauf, sie heben sich das Beste auf bis zum Schluss. Das mutmaßlich Kriminelle bestimmt das Finale ihres Films „Das große Schunkeln“, der vom Geschäft mit der Volksmusik handelt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Mutmaßlich kriminell sind die ominösen Zahlungen, zu denen der einstige Unterhaltungschef des Mitteldeutschen Rundfunks, Udo Foht, Musiker und Produzenten veranlasst hat. Insgesamt 1,5 Millionen Euro sollen hin und her geflossen sein, warum gezahlt wurde und wo die Summen letztlich blieben, muss die Staatsanwaltschaft klären. 180 000 Euro zahlte allein der Musikmanager Hans R. Beierlein, das Management von Florian Silbereisen zahlte und das der Sängerin Helene Fischer auch. Aus reiner Menschenliebe? Das Geld sei nur „geliehen“ gewesen, sagt der Musikmanager Beierlein. Die NDR-Reporter haben eine lange Liste mit den Namen derer, die zahlten. Es ist ein Who’s who der deutschen Volksmusik. Das Erbe des Strippenziehers Foht, der beim MDR federführend für die ARD die Fernsehvermarktung der Volksmusik leistete, ist längst nicht bewältigt.

          Der Fernsehmoderator Andy Borg (Mitte) posiert für ein Foto mit den „jungen Zillertalern“.
          Der Fernsehmoderator Andy Borg (Mitte) posiert für ein Foto mit den „jungen Zillertalern“. : Bild: dapd

          Ein Leben im schönen Schein. Alles heile Welt?

          Doch Foht steht mit seinen fragwürdigen Methoden vielleicht an der Spitze, aber nicht allein für ein Geschäftsgebaren, das den schönen Schein und die heile Welt, welche die Volksmusik verkauft, auf das härteste konterkariert. Nachwuchstalente klagen über Knebelverträge, mit denen ihnen Produzenten ganze fünf Prozent der Gage lassen wollen, „Scheinproduzenten“ bitten die Musiker um Vorkasse in fünfstelliger Höhe und verschwinden. Die Fälle finden sich in einem „Archiv der zerbrochenen Träume“, das die NDR-Reporter auch aufsuchen. Sie fragen Musikmanager, die erst nicht reden wollen, aber dann doch verraten, wie das Geschäft läuft. Man braucht eine „360-Grad-Vermarktung“, also alle nur erdenklichen Rechte, die man einem Protagonisten abnehmen kann, von der CD über den Auftritt bis zum bedruckten Kaffeebecher.

          Echte Gefühle oder nur Schein? Das Ehepaar Hartl diesmal ohne Hund während eines öffentlichen Liebesbeweises beim „.Winterfest der Überraschungen“.
          Echte Gefühle oder nur Schein? Das Ehepaar Hartl diesmal ohne Hund während eines öffentlichen Liebesbeweises beim „.Winterfest der Überraschungen“. : Bild: STAR-MEDIA

          Und Kinderstars braucht man, nach denen sehnt sich das Publikum und giert die Branche, ob sie nun Trompete spielen können oder nicht, wie das bei dem Volksmusikanten Stefan Mross doch sehr die Frage war. Es zählt der schöne Schein, und der ist so einige Scheinchen wert. Für seinen Geschmack, sagt der für ARD und ORF wirkende Moderator Andy Borg, wüssten die Zuschauer schon viel zu viel über das, was hinter den Kulissen vor sich geht. Sie sollten sich doch einfach hinsetzen und - genießen.

          „Immer schön lächeln“

          Genießen? Wer mit der ihm im Schunkelkosmos zugedachten Rolle nicht mehr klarkommt, stürzt ab. Im schlimmsten Fall zerbricht er an dem von Publikum, Managern und Fernsehleuten errichteten Fröhlichkeitsdiktat, so wie Erich Mathias Mayer, genannt „Hias“, der irgendwann nicht mehr den Trottel der Nation mit Spitzhut spielen wollte. Er nahm sich das Leben.

          Dem jungen Volksmusikanten Johannes Weinberger, den die NDR-Reporter bei seinen Auftritten begleiten und an dem sie beispielhaft zeigen, welche Träume und Erwartungen am Beginn einer Karriere in dieser ganz und gar nicht heilen Welt stehen - diesem jungen Mann wünscht man, dass ihm erspart bleibt, wovon der Film handelt. Sein Vater weiß, worum es beim „großen Schunkeln“ geht. „Immer schön lächeln“, aber „hintenrum“ geht es „brutal hart“ zu. Doch ob die Freunde der Volksmusik, die beglückten Damen und Herren, die eingangs der Reportage von ihrer „Seelennahrung“ sprechen, davon etwas wissen wollen? „Das große Schunkeln“ sollten auch sie sich unbedingt ansehen. Das ist Aufklärung - mittelbar auch über die eigene Zunft und den eigenen Sendeverbund, nämlich die Dudelfraktion im MDR - erster Güte. Nur zum Schunkeln ist es nicht.

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