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Im Fernsehen: „Das dunkle Nest“ : Ein Dorf jagt den Priester

  • -Aktualisiert am

Pfarrer Reinberg (Christian Berkel) muss erleben, wie sich ein ganzes Dorf gegen ihn wendet Bild: dapd

„Das dunkle Nest“ zeigt die Macht der Vorurteile, sobald allgemeine Ängste alarmiert werden. Christian Berkel spielt hier einen Pfarrer, den jeder für einen Mörder hält.

          So ein anheimelndes Dorf. Diese uralten Steinmauern, Bach und Steg, Gassen, Winkel, Wege. Alles atmet Geborgenheit. Die Regisseurin Christine Hartmann und Christoph Wahls Kamera haben das in Bildern, so wunderschön wie Veduten und Stillleben des Biedermeier, festgehalten. Doch dann sickert Beklemmung ein, lauernder Schrecken, bis am Ende die Idylle als stumme Hölle dasteht.

          „So voll hab ich’s bisher nur im Wirtshaus gesehn“, sagt anfangs der neue Dorfpfarrer Reinberg (Christian Berkel, so still-intensiv wie lange nicht mehr). Die Gemeinde, ihm, dem Städter, von Herzen zugetan, lacht. Doch dann wird im Morgengrauen eine seiner Ministrantinnen, die zwölfjährige Lydia (Chiara Feldberger, traumwandlerisch sicher und unaffektiert), die ihn unentwegt anhimmelte, erschlagen im Wald gefunden, nackt, wie ein Bündel Lumpen in ein Tuch geschnürt.

          Bevor Sie gekommen sind, war alles gut

          Oder wie Jesus, das Opfer kollektiver Verblendung, von Angst und Hass, sagt die Sprache der Bilder. Und Jesu Worte sind Grundelement der Dialoge: Strafen sei das Recht des Menschen, nicht aber, zu richten, antwortet der Priester, der auch promovierter Psychologe ist und Triebtäter behandelt hat, der Kommissarin Esther Fromm (Katharina Müller-Elmau als verzweifelt um Vernunft Ringende), die ihm zu milde Urteile vorwirft. Rascher urteilt ihr Assistent (Andreas Schmidt, endlich wieder und gewohnt präzise). Er verdächtigt, wie bald das gesamte Dorf, sofort den Pfarrer.

          „Bevor Sie gekommen sind, war alles gut“, bricht es aus dem gutwilligen jungen Organisten heraus, als Reinberg ihn fragt, warum man ihn plötzlich ächtet. In jedem Haus, selbst im Pfarrhof, herrscht Misstrauen. Pubertäre Eifersucht und erwachsene Engstirnigkeit, uralte Vorurteile und die allgemeine Wut über das widersprüchliche Verhalten der Kirche angesichts der haarsträubend vielen Missbrauchsfälle in jüngster Zeit brauen sich zusammen.

          Vielleicht hat er dem Mädchen doch nicht widerstanden

          Es beginnt eine Hexenjagd mit umgekehrten Rollen. Nicht die Kirche, sondern die Gemeinde übt die Inquisition aus, angeführt vom Vater des Opfers (Johann von Bülow, beeindruckend in einer Mischung aus Entsetzen und selbstgerechter Wut), halbherzig beschwichtigt vom besonnen wirkenden Großvater (Peter Lerchbaumer souverän) und hilflos beobachtet von der erstarrten Mutter (Petra Schmidt-Schaller gibt die Studie einer zwischen Trauma und Fassung schwankenden jungen Frau).

          In diesen Passagen entwickelt der Film atemberaubende Dichte und erschreckenden Realismus. „Jemand, der jahrelang seinen Schwanz einklemmt, muss irgendwann explodieren“: Das schreit kein dickfelliger Dörfler oder Dorfnazi, sondern Esther Fromms Kollege. Die eben noch zutraulichen Ministranten denunzieren den Pfarrer, eifrige Kirchgänger von gestern schmähen erst verhohlen, dann offen das „Psychogetue“ des „Rattenfängers“. Und die Kommissarin, der klar ist, wie viel Ressentiment in diesen Anschuldigungen steckt, spricht zwar offen vom „Eros des Priesteramts“, das den Unberührbaren unfreiwillig zum Versucher machen und mit Zurückweisung bei den Betroffenen Hass und Rachsucht wecken kann. Doch sie erwägt auch die Möglichkeit, dass Reinberg dem Mädchen nicht widerstanden haben könne.

          Das allgemeine Lauern entlädt sich in einem Lynchversuch am Pfarrer. Selbst die Komparsen des glänzend besetzten Films agieren erschreckend glaubwürdig. Doch die Handlung - Drehbuch: Andreas Dirr - ist da schon auf dem Niveau des Schauerromans gelandet: Dunkle Familiengeheimnisse kristallisieren sich als Motiv heraus, haarsträubend konstruierte Zufälle führen auf die Spur des Täters, von Inzest bis Hörigkeit wird jeder aktuelle Gemeinplatz bedient. Eines aber bleibt davon unberührt: die Einsicht in die verheerende Kraft von Vorurteilen und Hysterie, die Schwäche der Vernunft, sobald allgemeine Ängste und Instinkte alarmiert werden. Hilflos wie der Priester klammert man sich zuletzt an eine der zentralen, im Film mehrfach zitierten Aussagen Jesu Christi: „Die Wahrheit wird euch frei machen."

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