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Im Fernsehen: „Boss“ : Der Chef zieht dir die Ohren lang

  • -Aktualisiert am

Schleift Kollegen schon mal durchs Büro: Kelsey Grammer ist der „Boss“. Bild: A Starz Original Series

Flughafenbau? Geht doch! Die amerikanische Politserie „Boss“ zeigt, wie man als Bürgermeister weiterkommt. Verschiedene Krankheiten machen die Sache spannend.

          Weil die Sache mit dem Berliner Flughafen doch so verfahren ist: Mehdorn und wer sonst noch zuständig sein wird in der nächsten Runde könnte sich diese Politserie anschauen. Natürlich sind die Methoden, die in „Boss“ gezeigt werden, nur bedingt nachahmenswert. Ein Stadtrat, der den Bau neuer Landebahnen verzögert, bekommt richtig heiße Ohren. Das ist wörtlich gemeint: Der Bürgermeister packt sich den Kollegen und schleift ihn durchs Büro. Man nennt das „Politik im Chicago-Stil“, Sean Connery hat den Begriff in „The Untouchables“ geprägt, und so mancher entnervte Zeitgenosse wünscht sich derart drastische Hollywood-Methoden an die Spree.

          Kommt er denn davon, dieser Bürgermeister, der mit Nachnamen heißt wie einer der größten Machtmenschen, den die Filmfiktion je gesehen hat: Kane? Kann dieser Kane wirklich Politikern die Ohren langziehen, ohne aus dem Amt gejagt zu werden? Und wie! Der Mann ist zupackend, auch wenn es darum geht, Gegner aus dem Feld zu schlagen oder Journalisten einzuschüchtern. Kane ist der Tatmensch, den man sich in Stammtischrunden zwecks Aufmischung der politischen Klasse ausmalt, einer mit Charisma und rhetorischer Verve und dem nötigen Geld, dass man ihm keine merkantilen Interessen unterstellt. So gesehen wäre Boss eine hemdsärmelige Projektion zur Bestätigung der gängigen Klischees: Politiker sind Gangster - warum nicht einen Gangster zum Politiker machen?

          Die Stadt als Versteinerung des Willens zur Macht

          Aber dann gibt es diese Diagnose: degenerative Nervenkrankheit. Der Boss wird sterben, zwei, maximal drei Jahre hat er noch. Das Zittern hat schon angefangen. Erste Aussetzer bei öffentlichen Auftritten. Niemand darf davon erfahren, man will schließlich wiedergewählt werden, um jeden Preis. Medikamente werden illegal in schattigen Parks erworben, der eigene Lebensstil nähert sich bedenklich dem der Tochter an, einer Süchtigen, die mit Dealern verkehrt - eine weitere Krankengeschichte, welche die Serie schon in der ersten Folge in Gang setzt.

          Nun ist der private Körper nicht vom politischen zu trennen, hier schon gar nicht. Das System hat es an den Nerven und ist dem Tod geweiht, kämpft aber um Pfründe und Ressourcen, das ist an sich schon tolle Metaphorik. Und der Regisseur Gus Van Sant bebildert dieses doppelte Spiel von struktureller und individueller Pathologie mit einem faszinierenden Look. Zum einen: Blicke von oben, die Übersicht suggerieren, die Welt aus der Perspektive von Wolkenkratzern, blaugraue Fassaden aus Granit und Stahl, die Stadt als Versteinerung des Willens zur Macht. Oder: Blicke in die Plenumssäle hinab, durch spiegelnde Glasfronten, in denen die Akteure der Demokratie als buchstäblich gebrochene Figuren erscheinen. Und dann, im scharfen Gegensatz zur hochfahrenden Inspektion: extreme Nahaufnahmen, vorzugsweise auf die Augen der Darsteller. Was gemeinhin als Seelenspiegel galt, erscheint nun als blinder Monitor, in dessen Tiefen Gefahren lauern.

          Ein bisschen erotische Erhitzung

          Man kriegt so eine Erzählung nur mit besonderen Darstellern hin, und Kelsey Grammer ist für den Boss die treffende Besetzung. Die Koketterien, die er sich im Lauf seiner Sitcom-Karriere angewöhnt hatte - er war zehn Staffeln lang der schrullig-snobistische Psychiater Frasier aus der gleichnamigen Reihe -, sind verschwunden. Die Doggen-Physiognomie und der edel knarzende Bass stehen ganz im Dienst dieses modernen Machiavelli-Porträts.

          Connie Nielsen, in filmischer Ranküne bestens erprobt, siehe ihre Rolle der Kaisertochter in „Gladiator“, perfektioniert hier weiter die Kunst des Tiefkühllächelns. Sie zeigt es als Bürgermeistergattin vorzugsweise jenen, deren Untergang beschlossene Sache ist. Und wenn sie ihrem Mann erklärt, die süchtige Tochter sei eine „liability“, ein Risiko gewesen, man habe sich zu Recht von ihr „distanziert“, dann begreift man, wie geschlechtsneutral der Begriff Boss am Ende ist.

          Befremdend, weil kompiliert aus den Versatzstücken der Altherrenphantasie: die Darstellung der wichtigsten Beraterin des Bosses. Kitty (Kathleen Robertson) hat ein Gesicht wie aus dem 3D-Drucker und ein Faible für masochistischen Sex. Hierfür lässt sie sich von einem angehenden Gouverneur bespaßen, in den Gängen des Rathauses wohlgemerkt. Soll das ein Kommentar zur Work-Life-Balance im öffentlichen Dienst sein? Viel Zeit zwischen Meetings und Briefings bleibt diesen Leuten nicht. Wahrscheinlicher: Die Marketing-Abteilung bestand auf ein bisschen erotische Erhitzung. Dabei wären die heißen Ohren vollends ausreichend gewesen.

          Boss startet heute beim Abosender Fox, 20.15 Uhr.

          Quelle: F.A.Z.

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