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Im Fernsehen: „Borgen“ : Wir tun Dinge, die uns nicht gefallen

Brigitte Nyborg (Sidse Babett Knudsen) will die dänischen Soldaten aus Afghanistan zurückholen. Und dann geschieht ein Anschlag Bild: Arte/Mike Kollöffel/DR

Die beste Fernsehserie der Welt kommt aus Dänemark: Bei Arte läuft die zweite Staffel von „Borgen“ an. Es ist ein faszinierendes Lehrstück darüber, was die Politik mit Menschen macht.

          Warum bringt das deutsche Fernsehen nichts Vergleichbares hervor? Warum werden bei uns die drängenden Fragen der Gegenwart in den Krimimantel gezwängt. Da muss in den ersten anderthalb Minuten eines Fernsehfilms erst einmal eine Leiche auftauchen, dann darf auch über alles andere nachgedacht werden. Eine Serie des staatlichen dänischen Rundfunks führt uns vor, wie man Hollywood, immerhin Geburtsort von „The West Wing“, die Show stiehlt.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Selten zeigt sich das Fernsehen so auf der Höhe wie in „Borgen“, selten macht Fernsehen so viel Spaß. Den missglückten deutschen Titel „Gefährliche Seilschaften“ sollte man gar nicht erst ins Spiel bringen. „Borgen“ nennen die Dänen ihren Kopenhagener Regierungssitz im Schloss Christiansborg, und die Burg mit ihren verwinkelten Gängen und antiquierten Büros ist der zentrale Schauplatz des Geschehens. Im Mittelpunkt steht die Premierministerin Birgitte Nyborg, die in der ersten Staffel als Außenseiterin überraschend die Wahl gewann.

          Postfeministisches Arrangement

          Im Laufe der nächsten zehn Folgen hatte sich die Vierzigjährige von der engagierten Politikerin mit Familie zur Machtpolitikerin mit geteiltem Sorgerecht gewandelt. Ihr gemütliches Haus am Stadtrand hat Birgitte noch immer, alles andere hat die neue Rolle längst verändert. Auch die große Behüterin Birgitte hat inzwischen eine Kinderfrau engagiert, die sich um den neunjährigen Magnus und seine ältere Schwester Laura kümmert. Auch fährt sie nicht mehr mit dem Fahrrad zum Dienst, obwohl das durchaus Stimmen brachte, auch bei ihr schleichen Leibwächter und Personenschützer im Hintergrund jedes noch so privaten Gesprächs herum, und der smarte Gatte, er ist nun auch auf und davon.

          Das postfeministische Arrangement von Birgitte und Philip, wonach zuerst sie sich fünf Jahre um die Kinder kümmern sollte und dann er, hat nicht lange gehalten. Der Wirtschaftsprofessor hat nicht nur einen lukrativen Job angenommen. Nun hat er auch noch eine neue Freundin. Doch Fragen wie die, wann der beste Zeitpunkt ist, den Kindern die neue Flamme des Vaters vorzustellen, streift das exzellente Drehbuch von Tobias Lindholm nur am Rande. Im Zentrum stehen diesmal mehr denn je der Kampf der Politiker um Macht, die Gier der Medien nach Geschichten und die Schwäche der Menschen, die auch dann noch die eigenen Ideale verraten, wenn sie es gar nicht wollen.

          Ein Leben zwischen politischer Macht und persönlicher Ohnmacht: Brigitte will die Scheidung nicht akzeptieren
          Ein Leben zwischen politischer Macht und persönlicher Ohnmacht: Brigitte will die Scheidung nicht akzeptieren : Bild: Arte/Mike Kollöffel/DR

          Intelligent und auf witzige Weise böse deckt der Regisseur Jannik Johansen die Spielregeln der Politik auf und zeigt den Preis, den die Betroffenen für ihre Ranküne zahlen müssen. Der Stoff ist hochaktuell, sachliche Konflikte und parlamentarische Entscheidungsprozesse hat man selten so spannend erzählt bekommen, wobei das selten auf Kosten der Komplexität geht. Da erleben wir die Premierministerin, wie sie vor der kaum zu beantwortenden Frage steht, welche Afghanistan-Politik sie verfolgen soll, angesichts acht toter dänischer Soldaten, die einem Taliban-Anschlag zum Opfer fielen.

          Zwischen raschem Rückzug und der Verstärkung der Truppen werden sämtliche Varianten durchgespielt. Birgitte Nyborgs moralisches Dilemma ist dabei so beklemmend erzählt, wie die Berufung ihres einstigen Mentors zum EU-Kommissar zum Lehrstück wird über Intrige, Verrat und die Frage, ob Brüssel nun Auf- oder Abstieg bedeutet. In der dritten Folge kommt es zum Königsmord an Marrot, dem Vorsitzenden der Partei der Arbeiterbewegung. Dass es vorbei ist, weiß die Journaille früher als er. Witzelte man doch in der Hauptstadt des dänischen Wohlfahrtsstaats, dass seine Partei nur zwei Probleme habe: dass niemand mehr arbeite und sich niemand mehr bewege.

          Tägliche Kompromisse

          Das „Borgen“-Ensemble mit Mikael Birkjaer, Pilou Askaek und Birgitte Hjort Sorensen rettet die Geschichten über gefährliche Klischeeklippen und drohende Thesenhaftigkeit hinweg. Vor allem die schleichende Wandlung der idealistischen Neueinsteigerin zur handelnden Regierungschefin ist auf beklemmende Weise überzeugend. In ihrem zweiten Regierungsjahr ist Birgitte nicht mehr unschuldig. Ohne Strippenzieherei wäre sie nicht mehr auf ihrem Posten, und sie weiß das: „Manchmal müssen wir Dinge tun, die uns nicht gefallen“, spricht Philip die unangenehme Wahrheit aus, als sie sich weigert, die Scheidungspapiere zu unterschreiben.

          Seltsam, dass kaum eine Ehe im Schloss glücklich ist. Denn was die Staatsmänner in ihrem beruflichen Alltag täglich umsetzen, durch Vermittlung und Annäherung zum Ausgleich zu finden, gelingt ihnen im Privatleben längst nicht. „Borgen“ ist deshalb nicht nur eine Serie über die Mechanismen der Macht, sondern mindestens so sehr über die Kompromisse, die auch wir jeden Tag aufs neue bereit sind einzugehen.

          Der Versuch, den Berliner Regierungsbetrieb in Serie zu erzählen, hat es vor Jahren tatsächlich einmal gegeben. Beim ZDF startetete 2005 „Kanzleramt“, und so schlecht, wie die Serie mit Klaus J. Behrendt in der Rolle des fußballbegeisterten Kanzlers und Robert Atzorn als bärtigem Kanzleramtschef damals gemacht wurde, war sie nicht. Im Vergleich zu „Borgen“ aber wirkt sie angestaubt und blieb in ihrer Wirkung blass. Das lag vielleicht auch an den allzu altbekannten Fernsehgesichtern. Die Dänen setzen hingegen auf ein überwiegend fernsehunerfahrenes Ensemble.

          Vor allem die Theaterschauspielerin Sidse Babett Knudsen in der Hauptrolle führt uns bei ihrem Bildschirmdebüt eine moderne und komplizierte und widersprüchliche Frauenfigur vor. Diese Birgitte Nyborg trifft als Premier, als Mutter und als Exfrau bisweilen harte Entscheidungen. In der ersten Staffel fragt sie Philip einmal, ob ihr Rock wohl zu eng sei: „Willst du die nette oder die ehrliche Antwort?“, fragt er zurück. Als Birgitte antwortet, sagt er galant: „Der Trockner hat den Rock geschrumpft.“ Heute würde Birgitte Nyborg so etwas niemanden mehr fragen. Es gibt aber auch niemanden mehr, der ihr antworten könnte.

          Borgen läuft vom 22. November an donnerstags um 20.15 Uhr bei Arte.

          Quelle: F.A.Z.

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