http://www.faz.net/-gqz-734p8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 26.09.2012, 16:13 Uhr

Im Fernsehen: „Alcatraz“ Der große Gefängnisausbruch

Ein Serienmeister allein reicht nicht für eine gute Serie. Das jüngste Beispiel ist „Alcatraz“ von J. J. Abrams. Spannung sucht man hier vergebens.

von Lars Reusch
© RTL Schauen Sie sich das an: Die Ermittler Rebecca Madsen (Sarah Jones) und Emerson Hauser (Sam Neill) sichten Unterlagen

RTL Nitro, der digitale Spartensender von RTL, baut sein durchaus nicht uninteressantes Programm aus: Mit der Serie „Alcatraz“, die aus der Produktionsfirma von J. J. Abrams stammt und mit prominenten Namen wie Sam Neill („Jurassic Park“) und Jorge Garcia („Lost“) aufwartet, soll das Serienkontingent des Senders um das Mystery-Genre erweitert werden. Schaut man sich die Pilotfolge von „Alcatraz“ an, kommt schnell ein neuerliches Verlangen nach der Gründungslegende der modernen Mystery-Serie auf: Man verspürt plötzlich Lust, Mulder und Scully aus ihrem wohlverdienten Ruhestand im DVD-Schrank zu reaktivieren.

„Alcatraz“ handelt von dem Gefängnis auf der gleichnamigen Insel vor San Francisco. 1963 wurde der Hochsicherheitstrakt wegen zu hoher Betriebskosten geschlossen, die Insassen kamen in andere Gefängnisse - so die offizielle Version, die aber nicht der Wahrheit entspricht, wie Sam Neill aus dem Off im Vorspann erklärt. Vielmehr sind alle Häftlinge und anwesenden Wärter mit einem Mal spurlos verschwunden. Erst knapp fünfzig Jahre später tauchen sie wieder auf, um keinen Tag gealtert, von einer mysteriösen Macht im Hintergrund zum Morden angewiesen.

Nach einem bekannten Konzept

In einem dieser Mordfälle ermittelt Detective Rebecca Madsen (Sarah Jones), deren Ziehonkel Wärter und deren Großvater Häftling in Alcatraz war, die also mittendrin ist in der geheimnisvollen Geschichte um das Gefängnis. Bei ihren Ermittlungen stößt sie auf den FBI-Agenten Emerson Hauser (Sam Neill). Der nimmt sie auf in sein Team, das an dem Fall der 1963 verschwundenen und nun wiederauftauchenden Figuren arbeitet, sagt ihr aber nicht alles, was er weiß. Fortan wird in jeder Folge einer der „63er“ gejagt.

Das Konzept ist bekannt: Die Verknüpfung von Krimi, Science-Fiction und Horror, die Balance zwischen einzelnen zu lösenden Fällen und der Verschwörung, welche die Serie als roter Faden durchzieht, die Protagonisten, die einander mal abstoßen, mal zusammenfinden, mal resignieren, mal antreiben - mit diesen Elementen prägt „Akte X“ das Fernsehen bis heute. Zu den Meistern, die diese Faszination zu inszenieren wissen, zählt J. J. Abrams ohne jeden Zweifel.

„Alias“, „Lost“, „Fringe“ - die von Abrams produzierten Serien nehmen das Konzept auf und führen es weiter, treiben die übernatürliche Verschwörung ins beinahe Absurde. Sie bauen Ebenen und Meta-Ebenen und lassen den Zuschauer mit der verworrenen Handlung so wenig mitkommen, dass sie ihn unweigerlich in ihren Bann zieht. „Alcatraz“, Abrams’ aktuellster Streich, knüpft dort an, geht von Folge zu Folge und Fall zu Fall, immer von mysteriösen Hintergrundumständen begleitet, deren Auflösung das Publikum ersehnt, damit es endlich versteht, worum es denn eigentlich geht.

Ein Star als trauriges Helferlein

„Alcatraz“ ist längst nicht so verworren wie „Lost“ oder „Fringe“. Das mag freilich damit zu tun haben, dass man nicht genügend Zeit hatte, einen entsprechenden Handlungskomplex zu konstruieren: Der Sender Fox hat die Serie nach dreizehn Folgen abgesetzt. Die anfangs noch zufriedenstellende Zuschauerquote hatte sich recht rasch halbiert. Es verwundert nicht allzu sehr, denn trotz der interessanten Idee kommt keine Spannung auf, weder kurzfristig binnen einer Folge noch langfristig über die Hintergrundgeschichte. Die dramaturgische Aufbereitung ist in ihrer Unvorhersehbarkeit einfach zu vorhersehbar, der Inszenierung fehlen Tiefe, Intelligenz und Humor.

Mehr zum Thema

Und welche Schauspieler in „Alcatraz“ verheizt werden: Der stämmige „Lost“-Star Jorge Garcia als Comicnerd und Alcatraz-Experte, dessen traurige Helferlein-Rolle darauf beschränkt ist, Detective Madsen hinterherzudackeln. Oder Sam Neill, der als verschwörerischer FBI-Agent mit so bedeutungsschwerer, in Stein gemeißelter Mimik durch die Szenerie läuft, dass man sich wehmütig den Urheber dieser Rolle, den geheimnisvollen Raucher aus „Akte X“, herbeiwünscht. Mit einem Griff ins Regal ist dieser Wunsch zum Glück schnell erfüllt.

Alcatraz läuft mittwochs um 20.15 Uhr bei RTL Nitro.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Fox-Serie 11.22.63 Lasst uns Präsident Kennedy retten!

Was wäre, wenn Kennedy überlebt hätte? In der Stephen-King-Serie 11.22.63 reist James Franco durch eine Hintertür in die Vergangenheit und greift ins Rad der Geschichte. Er hat kein leichtes Spiel. Mehr Von Hans Hütt

23.04.2016, 17:22 Uhr | Feuilleton
Berlin Helene Fischer räumt beim Echo ab

Helene Fischer konnte vier Trophäen mit nach Hause nehmen. Doch auch Joris, Sarah Connor und Udo Lindenberg hatten Grund zum Jubeln. Mehr

08.04.2016, 16:28 Uhr | Feuilleton
TV-Serie Secrets and Lies Geheimnisvoll geht anders

Die Serie Secrets and Lies bei Vox zeigt, was man alles falsch machen kann. Anders als der Titel verheißt, liegt die Lösung des Falles so nahe, dass man sich fragt: Stört das die Macher nicht? Mehr Von Ursula Scheer

04.05.2016, 18:05 Uhr | Feuilleton
Mysteriöses Verschwinden Schicksal der 43 vermissten Studenten im Mexiko weiter ungeklärt

Der Fall der 43 vermissten Studenten hat Mexiko noch immer fest im Griff. Am Mittwoch haben Experten einer unabhängigen Menschenrechtskommission ihren Abschlussbericht vorgelegt. Darin heißt es, die Regierung habe versucht ihre Untersuchung zu stören. Mehr

28.04.2016, 17:47 Uhr | Gesellschaft
Fernsehserien Wo ist da der besondere Dreh?

Neue Twists und Turns sollen her: Auf dem Serien-Gipfel in Köln reden Fernsehmacher über die Zukunft und landen doch bei der alten Frage. Warum sind deutsche Produktionen so schlecht? Mehr Von Oliver Jungen

03.05.2016, 12:45 Uhr | Feuilleton
Glosse

Schöner Scheitern

Von Felix Simon

Ein Professor stellt einen alternativen Lebenslauf ins Netz, sein „CV of failure“. Darin aufgeführt: die Rückschläge der eigenen Karriere. Aufmunternd ist das für Leidensgenossen jedoch nicht. Mehr 1