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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Illegaler Download Neunhundert Euro für eine AC/DC-Scheibe?

 ·  Ein junger Mann lädt etwas aus dem Internet und bekommt prompt Post vom Abmahnanwalt. Neunhundert Euro soll er für ein Lied bezahlen, das er nicht einmal wirklich toll findet. Eine Aufzeichnung.

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© dpa Wie in einem Supermarkt, den niemand bewacht: Eltern machen sich scheinbar keine Gedanken darüber, wo all die Musik ihrer Kinder herkommt

Es war vor einem Jahr, als mein Vater abends nach Hause kam, den Briefkasten leerte und plötzlich sehr wütend wurde. Er knallte ein Schreiben auf den Tisch und schrie: „Jetzt reicht es aber!“ Das Schreiben stammte von einer Münchner Anwaltskanzlei, die für ihre Abmahnwut bekannt ist. Sie forderte meinen Vater auf, eine Strafe von neunhundert Euro zu bezahlen, weil er illegal Musik der Band AC/DC aus dem Internet heruntergeladen und gleichzeitig angeboten, also file-sharing betrieben hatte, was in Wahrheit gar nicht stimmte, weil ich es gewesen bin und nur der Anschluss auf seinen Namen läuft. Außerdem sollte er eine Unterlassungserklärung unterschreiben. Der Ton des Schreibens war scharf. Mein Vater sagte: „Die neunhundert Euro bezahlst du von deinem Taschengeld.“

Ich war geschockt. Neunhundert Euro sind eine Stange Geld. Wie sollte ich das bezahlen? In Gedanken rechnete ich schon mal aus, wie lange ich dafür mein Taschengeld und den Lohn fürs Zeitungsaustragen sparen müsste. Ich war damals fünfzehn Jahre alt. Ich habe mir nichts dabei gedacht, als ich die Diskographie von AC/DC über das torrent-Netzwerk runtergeladen habe. Und auch mein Vater machte sich offenbar keine Gedanken darüber, woher ich eigentlich die ganze Musik hatte, die ich permanent hörte. Ich sah jedenfalls diese vier Buchstaben, erinnerte mich, dass ich die Band AC/DC früher gern gehört hatte, das wars. Es geht so unheimlich leicht, zwei Klicks und man besitzt die Musik. Ich fühlte mich wie ein kleiner Junge im Süßigkeitengeschäft, der vor lauter mit bunten Leckereien gefüllten Töpfen steht und fröhlich zugreift. Ich wusste zwar, dass es illegal ist, aber was dieses Wort mit all seinen Konsequenzen tatsächlich bedeutet, war mir nicht bewusst. Warum ich mir die AC/DC-Alben nicht gekauft habe? Ich konnte sie mir einfach nicht leisten. Ich hätte sie mir zum Geburtstag wünschen müssen, aber das wollte ich nicht, weil ich kein AC/DC-Fan bin.

Muss ich wirklich bezahlen?

Das Abmahnwesen ist ein lukratives Geschäft. Die Kanzleien bauen darauf, dass die Betroffenen panisch unterschreiben und das Geld sofort überweisen, damit sie die Sache schnell wieder vom Tisch haben. Schließlich sind sie total erschrocken, dass sich ihre Kinder im Netz strafbar gemacht haben, und fürchten schlimme Folgen. Diese Angst ist die Geschäftsgrundlage von Anwälten wie jenen aus München.

Da das torrent-Netzwerk mittlerweile sehr populär ist, verschicken einige Kanzleien inzwischen am laufenden Band Abmahnbriefe. Ich habe mich im Internet erst mal schlaugemacht: Muss ich bezahlen? Und welcher Betrag ist gerechtfertigt? Mir war schnell klar, dass die Forderung an meinen Vater exorbitant ist und in keinem Verhältnis zur Schwere des Vergehens, zu dem Schaden steht, den ich angerichtet habe. Mein Vater beauftragte einen Anwalt, der mit der gegnerischen Partei einen außergerichtlichen Vergleich in Höhe von 250 Euro aushandelte. Er selbst berechnete uns für seine Arbeit 250 Euro. Am Ende kostete meinen Vater das Ganze fünfhundert Euro. Einen Teil davon werde ich bezahlen. Wie viel genau, darüber sind wir uns bislang nicht einig.

Jeder zahlt, was er für richtig hält

Dass ich Diebstahl beging, als ich mir AC/DC runtergeladen habe, war mir nicht klar. Ich hatte nie das Gefühl zu klauen. Es ist, als würde man in einen Laden gehen, in dem sich sonst kein Mensch befindet. Heute, nachdem ich mich mit dem Urheberrecht beschäftigt und die Debatte am Rande mitverfolgt habe, sehe ich vieles in einem ganz anderen Licht - obwohl ich sagen muss, dass ich gegenüber AC/DC keine Schuldgefühle empfinde, weil ich immer Respekt vor Künstlern und ihrem kreativen Schaffensprozess hatte. Ich glaube, dass für die meisten Künstler an erster Stelle die Freude an ihrer Kunst steht - und erst danach das Geld kommt. Die meisten wären sicherlich sauer, wüssten sie von dem rüden Vorgehen einiger Anwälte. Die, die den krassen Druck ausüben, sind die großen Player wie Sony oder Warner. Für sie zählt nur das Geld, das in ihre Kassen fließt. Deshalb führen sie den Begriff des geistigen Diebstahls ja auch so gern im Mund.

Ich kenne einige Künstler, die ihre Musik kostenlos ins Netz stellen. Das finde ich toll. Zum Beispiel die polnischen Hiphopper Gramatik. Eines ihrer Alben heißt „Digital Freedom“. Meine Lieblingsseite im Netz ist bandcamp.com. Dort kann sich jeder kostenlos Songs runterladen und dafür den Betrag bezahlen, den er für angemessen hält, je nachdem, wie sehr der Konsument die Musik mag. Ich gebe gern Geld für gute Musik aus wie zum Beispiel für den Berliner Rapper Amewu. Sein Album, das ich mir runtergeladen habe, war mir fünfzehn Euro wert. Für einen Siebzehnjährigen ist das nicht wenig Geld. Wenn ich mich bei meinen Freunden umhöre, habe ich nicht den Eindruck, dass sie das Internet als Selbstbedienungsladen begreifen und nehmen, worauf sie gerade Bock haben. Im Gegenteil. Es existiert ein Bewusstsein für den Wert guter Kunst.

Das torrent-Netzwerk nutze ich seit meinem unschönen Erlebnis nur noch für legale Downloads. Auf den Seiten von sogenannten One-click-Hostern wie rapidshare oder megaupload, der letzten Firma des berüchtigten Kim Schmitz, habe ich mich sowieso nie rumgetrieben. Meine Generation ist nicht mit dem Internet aufgewachsen, sie ist mit ihm verwachsen. Deshalb glaube ich, dass in Zukunft noch viel intensiver nach einer Lösung gesucht wird, mit der am Ende sowohl die Künstler als auch die Verwerter und Konsumenten gut leben können. Die technische Entwicklung verläuft so rasend schnell, dass uns gar nichts anderes übrigbleibt. Und es wird auch höchste Zeit.

Aufgezeichnet von Melanie Mühl

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