30.08.2008 · Der Schauspieler Manfred Zapatka spricht mit Furor und Hingabe, Klaus Buhlert führt Regie: Die „Ilias“ kommt ins Radio. Es ist ein Werk, das Epoche macht, der wohl wagemutigste Versuch, einen Text der abendländischen Literatur zu entstauben.
Von Christian DeutschmannSie gehört zu den größten Projekten des deutschen Radios und ist der wohl wagemutigste Versuch, ein Werk der abendländischen Literatur zu entstauben. Schon bevor in Kürze Homers „Ilias“ in der Fassung des österreichischen Schriftstellers Raoul Schrott dreifach (als Hörspiel, Hörbuch, Buch) das Licht der Öffentlichkeit erblickt, hat sie Wogen geschlagen. Schrotts Thesen zu Homer und das Echo, das sie hervorriefen, sind in dieser Zeitung ausführlich dokumentiert worden.
Doch auch die Werkgestalt von Schrotts „Ilias“ hat die Gemüter in Wallung gebracht. Gesorgt hat dafür die Vorabveröffentlichung einzelner Teile nebst akademischen Stellungnahmen in der Zeitschrift „Akzente“ im vergangenen Jahr. Über mehrere Nummern hinweg zog sich der Streit. Wenn Raoul Schrott angesichts herkömmlicher Übersetzungen in Rage gerät, ihr „Verfallsdatum“ überschritten sieht, ihr „antiquiertes Vokabular“ rügt, sie „nachgemachte Klassik“ mit „gepuderter Perücke“ schilt, wird klar, dass er damit bei der akademischen Zunft nicht nur Freunde gewinnt. So kam es denn auch zum Bruch mit dem Gräzisten Joachim Latacz, seinem ersten Berater, der in den „Akzenten“ höflich einige Qualitäten lobte (“höchst originell“, „poetisch ansprechend“), um dann umso erbitterter „gravierende Beschneidung der Größe Homers“, „Herabstimmung auf Schulaufsatzniveau“, „Steilabfall“ des von Schrott gesetzten Jargons anzuprangern.
Ein packendes Drama der Leidenschaften
Nach inzwischen zweijähriger Arbeitsphase und kurz vor Fertigstellung der vierundzwanzig Gesänge mit ihren 16 000 Versen lässt sich nun eines absehen: In ihrer tönenden Gestalt mit dem Sprecher Manfred Zapatka und der Regie des Komponisten und Radiokünstlers Klaus Buhlert verspricht die Schrottsche „Ilias“ ein Meilenstein in der Geschichte des Radios und der literarischen Adaption zu werden. Und ein Abenteuer dazu, das Schwellenängste gegenüber diesem Kernstück humanistischer Bildung tilgt.
Das gewaltige Schlachten- und Sittenepos entpuppt sich als packendes Drama der Leidenschaften, das sich auch seiner zeitweiligen Soap-Opera-Anklänge nicht zu schämen braucht. Denn bei aller Wissenschaftlichkeit - neben Latacz standen die Gräzisten Edzard Visser, Peter Mauritzsch und Thomas Poiss Textfassung und Aussprache beratend bei - gehen Autor und Regisseur entschieden eigene poetische Wege. Spricht Schrott von einer „zivilisatorischen Aufladung“ der „Ilias“ im Sinne ihrer Annäherung an heutiges Vorstellungsvermögen, so setzt Buhlert auf eine Umgestaltung des linearen Textes in eine akustisch gestaffelte Räumlichkeit, etwa wenn er Sätze ins „Innere“ der Figuren verlegt, durch Geräuschakzente archaische Fremdheit bemüht oder fernes Echo von Schlachtgesängen einfügt.
Eine große Last für den Erzähler
In ihrer akustischen Fassung entwickelt diese „Ilias“ jenes Leben, das ihr Übersetzungen alter Zeiten nicht gönnen wollten. Wo die Göttin Hera (bei Schadewaldt) „eifert“, Troia zu vernichten, während sie nun (bei Schrott) „darauf brennt“, dies zu tun; wo Agamemnons „geflügelte Worte“ nurmehr an Büchmanns Zitatenschatz erinnern, während sie hier im Sinne von „pfeilschnell“ oder „weithin schallend“ Körper erhalten. Ganz zu schweigen vom rüden Kriegerjargon in beiden Lagern, da man sich „Weicheier“, „Saufköpfe“, „geile Köter“ und dergleichen nennt, einem vorhält, den „Schwanz einzuziehen“ oder sich „ins Hirn geschissen“ zu haben. Oder dem drastisch erotischen Vokabular, so bei Paris und Helena, die sich lieben, „dass die Bettpfosten wackelten“.
Doch es sind nicht Worte allein, die diese „Ilias“ so aufregend machen. Schon erste Beobachtungen bei den Aufnahmen im Studio beseitigen jeden Zweifel: Hier geht es nicht um eine gewöhnliche Lesung, sondern um ein Stimmereignis. Zielt schon Schrotts freie, vom Hexameter gelöste Textfassung deutlich auf den mündlichen Ursprung der „Ilias“, so arbeiten Buhlert und Zapatka Stimmlagen heraus, die deren Vielstimmigkeit entsprechen. Dem Sprecher wird eine gewaltige Last aufgebürdet: Er hat den großen Atem der Erzählungen zu halten und zugleich das wimmelnde Treiben auf dem Kampfplatz vor Troia bis hin zum kleinlichen Gezänk unter Menschen und Göttern wiederzugeben. Er hat die Figuren lebendig zu machen, ohne sie zu spielen. Er muss wendig genug sein, plötzlichen Stimmungs-, Orts- und Blickwechseln Stimme zu geben. Und bei alledem bleibt er der Rhapsode, der in einer weit schwingenden Rhythmik keinen Hauch mehr vom Deklamieren alter Zeiten übrig lässt.
Mal ist er lakonisch, mal schneidend scharf
Zapatka, bestens vorbereitet und seit nahezu zwei Jahren an der Arbeit, scheint das alles aus dem Ärmel zu schütteln. Die metallene Schärfe, die er seinem Grundton gibt, birgt einen unerhörten gestischen Reichtum. Mal ist er lakonisch, mal schneidend scharf, mal erklärt er, mal deutet er mit Pathos voraus („sie werden nicht davonkommen, diese Narren“), mal verliert er sich in schauerlichen Details des Abschlachtens, mal zieht er den Bogen vom Sterben zum Trauern, wird sanft und voller Poesie. Alles blitzschnell, jeden Augenblick des Geschehens erfassend. Auf höhnische Attacken folgt eine lächerliche Episode, so wenn die von Diomedes' Pfeil getroffene Göttin Aphrodite das Hasenpanier ergreift, um sich bei ihresgleichen auszuheulen. Unvermittelt stehen das Barbarische und das Komische nebeneinander.
Doch zusammen mit Buhlert, der eisern Kontrolle hält und auch mal bremsen muss („Du hast 'nen Joke daraus gemacht, mach es vielleicht so“), wird gerungen: um Nuancen des Tons, Tempo, Haltungen. Überraschungen sind nicht ausgeschlossen. Wenn Zapatka dem Helden Hektor Stimme gibt, der seinen mutlosen Troianern mit den Goebbelsschen Worten „Wollt ihr den totalen Krieg“ Kampfeswillen einbläut, dann mischt sich eine Ironie ein, die der Anleihe an die Moderne alles Peinliche nimmt.
Unter Kraftprotzen, Schlaumeiern, Weiberhelden und Schwächlingen
Überhaupt ist es die Ironie, die über alle Stilbrüche und Disparatheiten trägt. Zum Schrecken gesellt sich gleichsam ein Augenzwinkern. Wir wissen, dass es all dies nicht wirklich gab, aber wir geben uns gerne und mit Vergnügen den Vorstellungen hin, die sich uns auftun. Die Heroen rücken uns nahe, wir bewegen uns unter Kraftprotzen, Schlaumeiern, Weiberhelden und Schwächlingen, wohnen dem „voyeuristischen Zynismus der Götter“ (Schrott) bei, ohne unser moralisches Urteil strapazieren zu müssen. So, glauben wir zu wissen, werden die Helden nie gesprochen haben. Oder vielleicht doch? Mehr noch als in ihrem Sprachgebrauch liegt in dieser offenen Form die Modernität der Inszenierung, die die Spannung auf den Fortgang nicht abreißen lässt.
Für diese Leistung stehen der Hessische Rundfunk und der Deutschlandfunk als Produzenten Pate. Ihren Auftrag erhielten Schrott und Buhlert von dem HR-Hörspieldramaturgen Manfred Hess. Dessen gründliche Vorarbeit hat das Konzept der Inszenierung wasserdicht gemacht. Aufgenommen wird seit zwei Jahren, zuletzt im brandneuen Berliner Hörspielstudio von Deutschlandradio Kultur, aber auch in den wunderbar gestrigen Räumen des alten DDR-Rundfunks in der Berliner Nalepastraße.
Erst kurz vor ihrem Sendetermin wird die letzte Folge fertig sein. Vorab wurden zum Jahreswechsel die ersten acht Folgen vom DLF gesendet. Bei HR 2 läuft nun über einen Monat das komplette Werk, unterstützt von einem ausgedehnten Programmschwerpunkt „Mythos Troja“. Auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren der Hanser Verlag und der Münchener Hörverlag Buch und Hörbuch. Eine deutschlandweite Ausstrahlung hat der DLF für nächstes Jahr angekündigt.