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Veröffentlicht: 12.05.2017, 12:42 Uhr

„I Love Dick“ bei Amazon Nichts brennt heißer als die Abfuhr

Chris Kraus’ Roman „I Love Dick“ läuft bei Amazon als Serie an. Kevin Bacon spielt darin das Objekt der Begierde, über das sich die entfesselte Weiblichkeit in starken Bildern erkennen will.

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© Amazon Traumpaar vor texanischer Kulisse: Dick (Kevin Bacon) und Chris (Kathryn Hahn) scheinen nicht füreinander geschaffen zu sein. Oder doch?

Vielleicht glaubt auch nur noch der hoffnungslose Romantiker, der Liebesakt müsse als eine Art emotionaler Naturgewalt auch etwas mit großen Gefühlen zu tun haben. Sex ist - mitunter - zu einem selbstverständlichen Konsumgut degeneriert. Doch das macht die Sache nicht weniger kompliziert. Immerhin ist das Ungleichgewicht der Begierde und ihrer Erfüllung seit jeher eine verlässliche Quelle künstlerischer Inspiration. Oft entzündet sich daran die Frage: Wer bin und was will ich, nachdem ich mit dem Objekt meines Begehrens zusammen war?

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Die amerikanische Filmemacherin Chris Kraus hat diese erotische Existenzfrage aus weiblicher Perspektive vor zwanzig Jahren in ihrem Buch „I Love Dick“ gestellt. Verlustfrei lässt sich der Titel nicht übersetzen. Er ist die englische Abkürzung des Namens Richard, kann aber auch eine wüste Beschimpfung oder das männliche Geschlechtsteil meinen. „I Love Dick“ ist eine Mischung aus Briefen, Tagebuch und Essay. Es wird als mutiges feministisches Manifest gefeiert. Chris Kraus schildert darin ihr Leben an der Seite ihres Partners, des Literaturkritikers und Verlegers Silvère Lotringer, und auch wie sie sich Hals über Kopf in dessen Kollegen, den Kulturtheoretiker Dick Hebdige, verguckt. Die Figuren des Buches sind real.

© Amazon Prime Video Serientrailer: „I Love Dick“

Ein Blick, in dem die Sünden aller gefallenen Engel verborgen sind

Nach der positiven Resonanz auf die filmische Umsetzung durch Jill Soloway mit einer ersten Pilotfolge für Amazon im August 2016 geht der Stoff nun in Serie – explizit in Form und Inhalt, aber auch mit einer gehörigen Portion Satire. Die Serie verlegt den Ort der Handlung von New York und Los Angeles ins „Waste Land“, in das texanische Städtchen Marfa. Chris Kraus – bis auf wenige überzeichnete Momente mit furioser Energie gespielt von Kathryn Hahn – und ihr Mann Silvère (Griffin Dunne) sind nach Marfa gezogen, damit Silvère sein Buch über den Holocaust beenden kann. Ermöglicht hat ihm das sein Kollege Dick mit einem Stipendium. Denn in der Serie ist dieser offenbar liebenswerte „Arsch“ ein vermögender Kunstguru, der auf einer Ranch lebt, deren Größe er nur ungern verrät: „Das ist so, als würde ich eine Frau nach ihrem Alter fragen.“

Gespielt wird Dick von Kevin Bacon, der für die Rolle einen Blick entwickelt hat, in dem die Sünden aller gefallenen Engel verborgen zu sein scheinen. Darüberhinaus darf Bacon einen Cowboyhut tragen, reiten, Bourbon trinken, hingebungsvoll Zigaretten drehen und das Gummi Arabicum der Blättchen-Klebefläche anlecken. Kurz, Bacon verkörpert jenes Männerbild, das der aufgeklärte Mann von heute ostentativ ablehnt – weil es zu antiquiert, zu aufgesetzt und zu stressig ist –, ihm insgeheim aber gerne entspräche, weil er immer noch glaubt, er müsse. Denn schließlich zeigt auch Dick: Es funktioniert.

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Kraus beginnt, ihm flammende Briefe zu schreiben, und als ihr Mann davon erfährt, entfacht es sogar ihr Liebesleben aufs Neue. Fast schon verzweifelt versucht er Chris’ Begierde zu entsprechen. Doch nichts brennt heißer als die Ablehnung. Als ihre Briefe durch einen Zufall in den Händen von Dick landen, nimmt die Geschichte noch einmal Fahrt auf. In ihren Briefen stellt Kraus ihr Verlangen dar und ihre damit sporadisch einhergehende Hilflosigkeit. Immer wieder werden Zitate in fetten weißen Buchstaben auf rotem Grund eingeblendet. „Game on, Dick“, heißt es etwa nach einer formvollendet spröden Abfuhr seinerseits.

Eine große Stärke der Serie ist, dass sie es schafft, die Subjektivität der Schriftstellerin aus dem Buch in satten Bildern aufzufangen. Da werden noch die Essensreste auf Dicks Teller zu einem Kunstwerk – obwohl der Zuschauer bereits nach der ersten Folge weiß, dass zumindest der Serien-Dick ein selbstverliebter Windbeutel ist. Videoschnipsel von Frauenfilmen flimmern in Millisekunden über den Schirm, als Dick zu Chris sagt, keine Frau habe je einen guten Film gemacht – womit sich Jill Soloway gekonnt selbst auf die Schippe nimmt. Groß ist aber auch ihre Komposition des Absurden: In einer Szene – Silvère hat einen Brief gelesen und bemerkt, dass er an Boden verliert – übergibt sich ihr Mann in Dicks verlassener Wohnung auf der Toilette. Derweil sie ihm aus dem Wohnzimmer tröstende Worte zuruft, nur um sich gleichzeitig hektisch Dicks Deo unter die Achseln zu reiben.

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Je mehr der dreißigminütigen Folgen man schaut, je mehr man sich einlässt auf diese Sammelausstellung von Einsamkeit, weiblichem Verlangen, Dominanz, Kontrollverlust und künstlerischer Selbstfindung, desto mehr begreift man, dass Dick nur eine Projektionsfläche ist, auf der die sich Entfesselnde zu erkennen versucht, wer sie ist und was sie will – vom Leben, von der Kunst und von den Männern. Und das ist eben doch mehr als „just Dick“.

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