09.02.2010 · Vordenker der permanenten digitalen Revolution, kunstsinniger Verleger, erfolgreicher Unternehmer: Der Verleger Michael Krüger gratuliert seinem vielbegabten Freund Hubert Burda zum siebzigsten Geburtstag.
Von Michael KrügerUm fünf Uhr morgens steht er auf und liest mit Begeisterung und klarem Verstand Bücher: Kunstgeschichte, eine Geschichte der Seewege im Mittelalter, Poesie. Hubert Burda ist der einzige Abonnent „meiner“ Zeitschrift „Akzente“, der sie seit Jahrzehnten liest und kommentiert, aber er ist auch der einzige Mensch, den ich kenne, der mit einer gewissen Wollust Luhmann im Bett lesen kann. Wenn man Pech hat, ruft er gegen sieben an, um seinem Entzücken Ausdruck zu verleihen: „Ich lese gerade, dass Goethe...“ Dann Körperertüchtigung (was er Yoga nennt), Frühstück, danach geht er zur Arbeit. Steht unsereiner unter der Dusche, hat er bereits der ganzen Welt einen guten Morgen gewünscht und seine Geschäfte gemacht. In Russland gibt es viel zu tun, in der Türkei muss eine Druckerei eingeweiht werden, in Amerika gilt es auf der Hut zu sein, irgendwo, wo es noch dunkel ist und kalt, wird etwas geschlossen. Trotzdem wird seine Firma nie kleiner, sondern immer größer, und alles geht immer schneller.
Das hat mit dem Internet zu tun, dessen Heraufkunft er von Anfang an (oder sogar schon kurz davor) mit unerhörter Präzision vorausgesagt hat: vom Anzeigenschwund bis zu den veränderten Informationsbedürfnissen. Das Gelächter der Ungläubigen, das er damals ertragen musste, ist heute einer gewissen Schockstarre gewichen. Ihn hat es stärker gemacht. Seit zwanzig Jahren ist aus dem Laienprediger ein ernsthafter Theoretiker der digitalen Revolution geworden, die leider eine permanente genannt werden muss: anders als ordentliche Revolutionen kann sie nicht aufhören (uns in Atem zu halten).
Kunstsinniger Verleger
Er selbst braucht übrigens am wenigsten elektronische Hilfsmittel, weil er alles im Kopf hat und blitzschnell miteinander verknüpfen kann. Wenn es ihm in Gesellschaft zu fad wird, fängt er an zu zaubern. Dann kann er mühelos das Christentum, Paulus, die Gonzaga, das Problem des Schattens in den Gärten der Renaissance, die Fugger, Gutenberg und Gruner + Jahr in einer Satzperiode unterbringen. Seine Tischreden sind berühmt. Er ist – das rechnet er seinem böhmischen Erbe zu – ein geborener Geschichtenerzähler. Wenn ihm bei seinen rhetorischen Eskapaden keiner mehr folgen kann, beginnt er zu singen. Tatsächlich hat er einen enormen Fundus von Volks- und Kunstliedern, Schlagern und Songs auf Lager. Ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie er der verblüfften Gattin eines Industriemanagers ohne jede Scheu ein gutes Dutzend italienischer Partisanenlieder in Originalsprache vorgetragen hat. Unvergessen ist auch, wie er mit Madame Jaccottet französische Schlager zum Vortrag gebracht hat – oder sein Versuch, gemeinsam mit Zbigniew Herbert und Lars Gustafsson den Liedern von Schubert neue Töne abzugewinnen. Mit einem Wort: ein Entertainer, der seine Gäste zu unterhalten weiß.
Eigentlich wollte er Maler werden – und ist es, auf Umwegen, auch noch geworden. Seine Liebe zu Bildern ist unerschöpflich, seine Kenntnisse der Kunstgeschichte bis heute grundsolide. Seine Dissertation über „Die Ruinen in den Bildern von Hubert Robert“ wird in den einschlägigen Werken zur französischen Akademie in Rom immer noch zitiert. Unterm Dach seines Hauses hat er ein Atelier eingerichtet, in dem am Wochenende gemalt wird. Nur seine ausgeprägte Selbstironie verhindert, dass er einige seiner Bilder als gelungen betrachten kann.
Der Unternehmer als Privatmann
Hubert Burda, mit dem ich seit vierzig Jahren befreundet bin, ist seit Jahren der Präsident der deutschen Zeitschriftenverleger. Außerdem ist er Senator, Professor, Ehrendoktor und ehrenhalber, und alles doppelt und dreifach. In seiner Firma Hubert Burda Media gibt es siebentausend Mitarbeiter, die einen Umsatz erwirtschaften, der so groß ist, dass man ihn nicht so einfach hinschreiben kann. Und da er offenbar Gewinne erzielt, teilt er auch gern und generös.
Aber trotz aller dieser Auszeichnungen, Tätigkeiten und philanthropischen Aktivitäten fällt es mir schwer, ihn in einer öffentlichen Rolle zu sehen. Ein Abendessen mit Freunden ist ihm lieber als das offizielle Bankett. Gerade ihm, der so verschwenderisch mit seinen Gaben umgeht, ist Zeit das höchste Gut.
Manchmal gehen wir am Sonntagabend zusammen ins Hamam, um zu schwitzen. Danach der deprimierende Blick auf die Waage. Aber wenn ich dann die große Klage anhebe über das unumkehrbar zunehmende Körpergewicht, arbeitet er bereits an der Erfindung einer Waage, die prinzipiell fünf Kilo weniger als das Idealgewicht anzeigt.
Heute wird Hubert Burda siebzig. Herzlichen Glückwunsch.