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Hörspielpreis der ARD Die erste und die späte Liebe

14.11.2011 ·  Bei den Hörspieltagen der ARD in Karlsruhe erscheint das Radio nicht als Medium von gestern, sondern als Plattform für alles Neue. Das Publikum kam in Scharen.

Von Eva-Maria Lenz
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„Versäumen Sie auf keinen Fall, Ihr - wie heißen sie noch, diese altmodischen Dinger? - Ihr Radio einzuschalten, und hören Sie ... ,Dickie Dick Dickens’.“ Die witzige Werbung für die akustische Krimiparodie weist über sich hinaus auf eine mediale Entwicklung: Das Radio hat längst kein Monopol mehr, aber seine Königsdisziplin, das Hörspiel, ist quicklebendig. In der Substanz beharrlich, erreicht es durch CD-Editionen und Internet neue Hörer.

Wie viele Spielräume die Reduktion aufs Akustische freisetzt, war nun bei den ARD-Hörspieltagen zu erleben. Im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) lockte ein weitgespanntes Angebot, vom Rahmenprogramm mit Live-Attraktionen, Klangexperimenten und Kultserien bis zum Wettbewerb. Die Hörspieltage waren ein Fest, ein Magnet für Besucher und Treffpunkt von Experten. In den Vorführräumen kamen sie zusammen auf der Suche nach dem Zauber von Texten und Tönen.

Dieser Zauber tauchte beispielsweise in „Alice im Wunderland“ (NDR) auf: Henrik Albrechts frische Version fasziniert als Muster musikalischen und mündlichen Erzählens, das elementare Emotionen ausschwingen lässt. So verwandelt sich Lewis Carrolls viktorianisches Papiertheater in ein echtes Märchen, in dem Metamorphosen und Mutproben leuchten. Die Aufführung mit Schauspielern und Orchester, ein Höhepunkt des Festivals, zog mehr als tausend Besucher in Bann und Radiohörer im ganzen Land. „Winnetou I“ (RBB) live von und für Karl-May-Fans kam daher als naive Präsentation, zu der Geräuschemacher Max Bauer mit Pferdegetrappel und Bärengebrumm Wildwest-Atmosphäre bot.

Weitere Horizonte umriss der Weltreisende Werner Fritsch im mythologischen Welttheater „Faust Sonnengesang“ (BR). Wenn er Bilder von Katastrophen und von glücklichen Augenblicken montiert, sieht er den Abglanz von Goethes „Faust“ in der Gegenwart. Fritschs Fusion von Film, Theater und Hörspiel passte ins intermedial ambitionierte ZKM, das als Gast- und Impulsgeber glänzte.

Spannung weckte das Kernereignis des Festivals, der ARD-Hörspielwettbewerb. Die Jury (unter Vorsitz von Jochen Hieber, Feuilleton-Redakteur dieser Zeitung) diskutierte öffentlich über zehn konkurrierende Beiträge. Als „virtuose Stimmensymphonie“ zeichnete sie mit dem ARD-Hörspielpreis Jan Georg Schüttes „Altersglühen“ (NDR) aus. Dieser bestechende Reigen kontrastiert beim Speed Dating von Senioren flotten Durchlauf mit langer Erfahrung. Die Spielregel - jeder der fünf Männer trifft sich mit jeder der fünf Frauen - prägt die Episodenstruktur mit Reprisen und Variationen. Doch innerhalb dieser lässt Schütte Raum für Improvisationen. So laden sich Dialoge und innere Monologe mit Formeln für Glück und Unglück, Vorlieben und Abneigungen bald mit tragischen Untertönen, bald mit komischen Pointen auf. Gerade weil Authentizität so kunstvoll hergestellt werde, so die Jury, wirke „Altersglühen“ so „real wie lebenswahr“.

Den ARD-Online-Award des Publikums erhielt Sabine Worthmanns „Rätsel der Qualia“ (HR), eine Versuchsanordnung in 5.1-Surround-Sound, die den umschallten Hörer in die Position des Probanden instrumentierter Gehirnexperimente versetzt. Ein Problemstück, in dem Ruhe beunruhigt, gelingt Paul Plamper mit „Tacet“ (WDR/DLF): Einer jungen Frau, die plötzlich nur noch schweigt, reden Freunde, Kollegen und Eltern zu, ohne ihr die Zunge zu lösen. Auch Experten richten nichts aus. Plamper entwirft ein prägnantes Gesellschaftsstück um eine Leerstelle herum. Während sonst im Radio Figuren nur durch ihre Stimme existieren, gewinnt hier eine Verstummte Dasein, indem andere zu ihr sprechen.

Auf dem Berg der Bedeutung

Gleich drei Hörspiele kreisten um desorientierte Jugendliche. Gesine Schmidts Zweipersonenstück „liebesrap“ (DLF) begleitet ein junges deutschtürkisches Paar durch extreme Problemfelder und Berlin-Neukölln. Ein Amokschütze, fünf Tote: David Paquet schafft in „2 Uhr 14“ (SR/NDR) mit Bruchstücken aus Biographien Betroffener mehr Problemwust als Problembewusstsein. In „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ (SWR) sucht Janne Teller Klarheit, und dies auf schockierende Weise. Da bombardiert ein Teenager seine Mitschüler vom Pflaumenbaum aus mit Früchten und Nihilismus. Um den Aggressor zu widerlegen, opfert jeder von ihnen für den „Berg der Bedeutung“ ein Lieblingsstück. Doch dabei schrauben sie sich hoch von Zumutungen zu Mutproben, Tabubrüchen und Fanatismus, bis die Gewalt eskaliert. Leonhard Koppelmanns kluge Hörspielversion reißt mit durch dosierte Horrordramaturgie. Sie entwickelt drastisch, dass es hier um mehr als bloße Argumentation geht. Was auf dem Spiel steht, ist die Existenz schlechthin.

Thilo Reffert, der im vorigen Jahr beide Hauptpreise gewann, errang den von ARD und Filmstiftung NRW getragenen Deutschen Kinderhörspielpreis für „Nina und Paul“ (Deutschlandradio Kultur). Das Erstaunen der Titelhelden, die ihr Interesse aneinander entdecken, schildert der Autor selbstverständlich und subtil. Quer zu allen möglichen Krisen und Moden hat Reffert Mut: Er stellt eine glückliche erste Liebe vor.

Altersglühen - Speed Dating für Senioren“ läuft am 18. November um 21.03 Uhr bei BR2; und dann am 30. November um 21.30 Uhr bei HR2.

Quelle: F.A.Z.
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