30.12.2009 · Handwerklich brillant und unterhaltsam: „Moment, das wird Sie interessieren!“ ist das Hörspiel des Jahres 2009. Es erzählt von den Verdammten einer gruseligen Kommunikationswelt: dem Irrsinn der Call Center und den Leiden seiner Agenten.
Von Jochen HieberDass das Hörspiel „Moment, das wird Sie interessieren!“ des Autors Stefan Weigl und des Regisseurs Thomas Wolfertz bei den ARD-Hörspieltagen, die Anfang November in Karlsruhe stattfanden, sowohl den Preis der unabhängigen Fachjury als auch jenen der übers Internet abstimmenden Zuhörer erhielt, zeugt für beides: für handwerkliche Brillanz und außergewöhliche Unterhaltsamkeit.
Wobei das Unterhaltsame in diesem Fall alle Aggregatszustände des Zuhörens durchläuft. Man lacht mithin über Witz und Irrwitz des im Zentrum stehenden Dialogs zweier Dauertelefonierer, zugleich leidet man schrecklich mit, weil man sich eigener Erfahrungen mit Hotline- oder Call-Center-Mitarbeitern erinnert und sich deshalb mit dem hoffnungslos gebeutelten Telefonkunden dieses Hörspiels auch heillos identifiziert - im Grunde weiß man von der ersten Minute an, dass dieser Mensch mit Namen Reini Jessen keine Chance hat und am Ende der große Verlierer sein wird.
Nicht erst seit Günter Wallraffs jüngst erschienenen Reportagen „Aus der schönen neuen Welt“ aber weiß man auch, dass die Angestellten der Call Center sowohl arbeitsrechtlich als auch in Sachen Arbeitsfreude zu den Parias des Beruflebens zählen. Weshalb einem eben auch der Agent in Stefan Weigls realabsurder Hörhölle durchaus leid tut, ist er trotz aller malizösen Tricks in der Technik der Gesprächsführung schließlich doch der eigentliche Verdammte einer komplett gruseligen Kommunikationswelt.
Sinnvoll verschachtelter Unsinn
Um die Leistung von Autor und Regisseur angemessen zu würdigen, stellt man sich am besten einen ins Heute versetzten und dialektlosen Karl Valentin vor, der zusammen mit Liesl Karlstadt in einem seiner allerbesten Sketche auftritt, also etwa in der „Orchesterprobe“, in den „Semmelnknödeln“ oder im „Firmling“. Denn nach den Mustern einer klassischen Valentinade ist auch „Moment, das wird Sie interessieren!“ gebaut: Präganz und permanente Steigerung des Grotesken also, zugleich das Gespür für Kürze, die gerade deshalb unendlich lang anmutet, schließlich die hanebüchene Dramaturgie des Dialogs, bei dem sich immer sinnloser werdende Argumente immer sinnvoller ineinander verschachteln und verhaken.
Reini Jessen, ein schlichter und netter Volkswirt, möchte mit dem Anruf im Call Center nichts anderes erreichen als die ordnungsgemäße Kündigung seines Internet-Accounts: Boris Aljinovic, der die Rolle spricht, legt denn auch alle Entschiedenheit und zugleich alle Engelsgeduld in die Ausführung dieses Plans. Bis Jessen sein Gegenüber - eben den Agenten, dem Matthias Matschke eine gnadenlos sanfte Stimme leiht - aber überhaupt erreicht, muss er durch eine automatisierte Ansage-Wüste ziehen („zur Zeit ist unser Team mit Anfragen beschäftigt“), in der ihn zunächst Warteschleifenmusik martert und dann die Werbung für ein tarifliches „Rundumsorglos-Paket“ verhöhnt.
Der Horror nimmt kein Ende
Der wichtigste, stets aufs Neue wiederholte Satz des Agenten wird in der Folge lauten: „Das ist überhaupt kein Problem, Herr Jessen!“ Dies jedoch führt in der stringenten Logik des Hörspiels dazu, dass sich Problem auf Problem häuft. Warum ihm denn die Warteschleife nicht gefallen habe, will der Agent wissen. Und da Jessen leichtsinniger Weise einmal antwortet, sitzt er von nun an dauerhaft in der Falle. Seine Antwort bringt ihm erst „eine Gutschrift“ ein, die er nicht will, dann ein „kostenloses Dankeschön-Paket“, vor dem ihm graut. Es hilft alles nichts. Der Horror ist jetzt unaufhaltsam.
Das Hörspiel dauert genau siebenunddreißig Minuten, keine Minute zu wenig, keine zu viel. Nach etwa zwei Dritteln ist auch der Agent mit seinem Latein am Ende - Jessen hat das Angebot, „Homeseller“ zu werden, ebenso abgelehnt wie die Offerte einer „Homepage“ auf Kosten des Unternehmens. Jetzt bleibt nur noch die Flucht nach vorne: Warum Jessen denn überhaupt kündigen wolle, wo er doch dauernd online sei, im „letzten Monat 298 Stunden und 46 Minuten, um genau zu sein.“ Was nun folgt, führt in der Tat in die Hölle. Sie heißt „Vorratsdatenspeicherungsgesetz“ und konfrontiert den armen Jessen nun mit seinen Internetleben des vergangenen halben Jahres.
Nein, am Ende sind beide nicht verrückt. Das Leben geht weiter - im Großraumbüro für den Agenten, für Jessen mit dem „Rundumsorglos-Paket“. Und der Zuhörer ist erschöpft - dies aber bestens.