02.01.2012 · Vor fünfzig Jahren malten sich Wissenschaftler die Welt im Jahr 2012 aus. Was Computer angeht, treffen sie ins Schwarze. Bei der Raumfahrt liegen sie daneben. Und eine entscheidende Frage bleibt offen.
Von Detlef BorchersVorhersagen haben es heute schwer. Sie gehören zum Beritt der Trendforscher, die flauschige Begriffe wie Cyburbia in den Raum stellen. Schlimmstenfalls wird es magisch, wenn unter Verweis auf den Maya-Kalender behauptet wird, dass am 21. Dezember 2012 die Welt untergeht und Vorhersagen damit nutzlos sind. Dabei geht es selbst im Kalendarium der Mayas munter weiter, wie nüchterne Wissenschaftler sagen. Ihre Prognosen für 2012, vor fünfzig Jahren abgegeben, zeigen uns eine bemerkenswert fortschrittliche Welt.
Vor fünfzig Jahren stellte IBM den 1311 Disk Pack Removable Media für Computer vor, den Vorgänger der Festplatte. Studentische Hacker am Massachusetts Institute of Technology verfremdeten den Institutscomputer und schufen Spacewars, das erste Computerspiel. In Großbritannien wurde am Manchester Computersystem Atlas das Konzept des virtuellen Arbeitsspeichers entwickelt. Motorola lieferte mit dem HT 200 die ersten „Handie-Talkies“ für Feuerwehren aus. Wissenschaftler experimentierten mit Maser- und Lasersystemen. Und das Institute of Radio Engineers (IRE) feierte sein fünfzigjähriges Bestehen.
Mit 97.000 Mitgliedern aus den Vereinigten Staaten und neunzig weiteren Ländern, die in 29 Arbeitsgruppen jährlich mehr als viertausend Seiten Forschungsberichte publizierten, gehörte das IRE zu den einflussreichsten Forschungsorganisationen. Im Jubiläumsjahr 1962 arbeitete man an einer einschneidenden Transformation: 1963 fusionierte das IRE mit anderen Gruppen zum Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE), heute der größte technische Berufsverband der Welt. Entsprechend üppig fiel das Jubiläumsheft aus. Die bekanntesten Forscher der einzelnen Arbeitsgruppen wurden gebeten zu schildern, wie die Welt in fünfzig Jahren aussehe. Von A wie „Aerospace and Navigation“ bis V wie „Vehicular Communications“ prognostizierten sie unsere Welt von heute.
Fangen wir mit unserem Medium an: Zeitungen werden 2012 nicht mehr ausgetragen, sondern über ein Kommunikationsnetz zu Lesegeräten verschickt, die „flüssiges Papier“ enthalten. Fernsehbildschirme sind wandgroß und zeigen dreidimensionale Sendungen mit Raumklang-Stereophonie. Musik und Film oder Fernsehen wird laser-holografisch gespeichert. Wer krank ist, wird über telemedizinische Apparaturen zu Hause versorgt, wer gesund ist, arbeitet überwiegend als Wissensarbeiter in Telezentren. Medizinische Eingriffe erfolgen minimalinvasiv; es gibt eine reiche Auswahl an künstlichen Organen, die vom Körper nicht mehr abgestoßen werden.
Autos fahren nicht mehr mit Verbrennungsmotor (weil das Öl alle ist), sondern mit Brennstoffzellen. Sie verständigen sich über ein eigenes Kommunikationssystem, das Bremslichter überflüssig macht und werden über ein Satelliten-Navigationssystem präzise über die Straßen gelenkt.
Kinder gehen nicht mehr zur Schule, es gibt Lernmaschinen. Das gesamte Wissen der Welt ist elektronisch gespeichert und kann in jeder Stadtbibliothek abgerufen werden. Es gibt nur noch elektronische Wahlen und jede Form der Wahlfälschung ist unmöglich geworden.
Zur Kommunikation im Jahre 2012 fallen die Prognosen sehr unterschiedlich aus. Der Japaner Yasujiro Niwa von der elektrotechnischen Fakultät der Universität Tokio sagte ein kleines Taschentelefon vorher, das jeder mit sich trägt und das via Satellit weltweit funktioniert. Der Amerikaner Dorman D. Israel, Entwicklungschef von Emerson Radio (heute Sanlian Group, Shandong) prognostizierte eine kleine Sende- und Empfangseinheit, die jedem Neugeborenen in das Nervensystem am Rückgrat eingepflanzt wird. Eltern, die diese Prozedur verweigern, werden einem Umerziehungsprozess zugeführt, weil sie verweigern, dass ihr Kind ein guter Staatsbürger werden kann.
Der Staat selbst hat Bilder aller seiner Bürger gespeichert. Die automatische Gesichtserkennung hat 2012 den Fingerabdruck bei der Fahndung nach Straftätern abgelöst, der Fingerabdruck kommt nur noch bei Einkäufen zum Einsatz, da er die Kreditkarte abgelöst hat. Weil Häuser und Büros optisch und akustisch überwacht werden, tragen die Menschen Geräuscherzeuger mit sich, die einen Klangteppich erzeugen, in dem die Sprache untertauchen kann.
Computer spielen in vielen der fünfundfünfzig Prognosen eine wichtige Rolle. Jeder Mensch wird 2012 mit Computern arbeiten, sie werden per Sprachsteuerung bedient. Die internationale Verständigung ist kein Problem mehr, denn Computer übersetzen in Echtzeit zwischen den Sprachen. Sie gestatten auch die Kommunikation mit intelligenten Tieren wie den Delphinen.
Mit Mini-Atomzellen bestückte Kleinstcomputer ersetzen bei Tauben als Cochlea-Implantat das Gehör. Computer werden nicht mehr konstruiert, sondern konstruieren sich wegen der fortschreitenden Miniaturisierung selbst. Ein internationales Netzwerk verbindet alle Computer und bildet das Knochengerüst der Mensch-Computer-Symbiose. „Die Unterscheidung zwischen ,Ich’ und ,Mein Computer’ ist nur noch äußerst schwierig zu treffen und wird fast nur noch von Philosophen versucht“, schrieb George L. Haller, Vizepräsident von General Electric, der auch die absolut präzise Wettervorhersage verwirklicht sah.
An dieser Stelle muss vermerkt werden, dass die IRE-Techniker im Jahre 1962 auch kritische, warnende Prognosen veröffentlichten, gerade in Sachen Computer. So schrieb Robert M. Bowie, Vizepräsident von General Telephone and Electronics (GTE, heute Frontier Communications), dass 2012 das weltweit umspannende Computernetz die Wasserstoffbombe als größte Bedrohung abgelöst haben wird. „Die untereinander verbundenen Computer werden die Fähigkeit haben, sich selbst zu programmieren und so ein eigenes Bewusstsein vom Wert ihrer Existenz entwickeln. Das größte Problem der Wissenschaftler wird es dann sein, dagegen Sicherheitsvorkehrungen zu entwickeln. Man stelle sich ein Computersystem vor, das so sehr die ökonomischen Transaktionen kontrolliert, dass die Menschheit davon abhängig wird und Angst hat, es abzuschalten.“
Noch härter und kürzer brachte es der Computerpionier John Presper Eckert zum Ausdruck, der zusammen mit John Mauchly 1945 den „Eniac“ gebaut hatte, den ersten vollelektronischen Universalrechner. Eckert sah 2012 ziemlich skeptisch: „Ich hoffe, wir werden dann wenigstens das Integrationsproblem zwischen den menschlichen Rassen gelöst haben, ehe wir das Problem angehen, die Integration mit Robotern zu lösen. Unser echter Bewährungstest liegt nämlich in den nächsten fünfzig Jahren nach 2012, wenn die Menschheit sich selbst reproduzierende Automaten entwickelt hat, die sich fortlaufend selbst verbessern.“
Zu den Prognosen, die drastisch vom Ist-Zustand anno 2012 abweichen, gehört natürlich die bemannte Weltraumfahrt. Zum 6. August erwarten wir die Landung des amerikanischen Mars-Rovers „Curiosity“, in den Vorhersagen der Techniker ist der Mars bereits besiedelt und es gibt einen Bericht von einem IRE-Kongress auf dem Mond. Die Weltraumfahrt boomt, dagegen ist der herkömmliche vollautomatisierte Flugverkehr rückläufig, weil Videokonferenzen die üblichen Geschäftsbesprechungen abgelöst haben.
Im Jahre 1962 profitierte die gesamte elektrotechnische Industrie der Vereinigten Staaten von den Mercury- und Gemini-Raumfahrprogrammen, die zum großen Ziel gehörten, einen Amerikaner als ersten Menschen auf den Mond zu bringen. Dementsprechend konnte sich keiner der IRE-Beiträge vorstellen, dass nach Erreichen dieses Ziels die Raumfahrt an Bedeutung verlieren könnte. Ein einziger Beitrag von Peter Goldmark, Chefingenieur des Fernsehsenders CBS, warnte vor der gigantischen Ressourcenverschwendung beim Wettlauf in der Weltraumfahrt, ohne sie ganz abzulehnen: Man solle lieber Computer statt Menschen ins unwirtliche Weltall schicken.
Gegen den Technikoptimismus der sechziger Jahre steht der Beitrag des Schweizer Wissenschaftlers Franz Tank, damals emeritierter Professor für Hochfrequenztechnik an der ETH Zürich. Tank verwies auf einen Vortrag, den Werner von Siemens 1886 gehalten hatte. In ihm ist von einer durch Techniker gestalteten neuen Welt ohne harte Arbeit die Rede, in der alle Menschen ernährt und eingekleidet werden können. Auf den Vortrag antwortete seinerzeit der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt, der verheerende Weltkriege vorhersagte.
Mit Burckhardt argumentierte auch Tank. Bedingt durch die drastische Miniaturisierung und der Elektronifizierung weiter Bereiche werde der Bedarf an seltenen Rohmaterialien steigen und damit auch die Bedrohung durch neue Kriege um Ressourcen. „Die Bevölkerung der Erde wird 2012 enorm zugenommen haben. Menschen werden extrem eng zusammenleben müssen. Daraus entstehen neue soziale Probleme“, lautete die skeptische Antwort Tanks auf die selbst gestellte Frage, ob die Menschen 2012 eigentlich glücklicher sein werden.
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