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Hindenburg-Dokumentation Greis ohne Schmuck

 ·  Von der hohlen Hoffnung, den Diktator zu zähmen: Arte zeigt ein gelungenes Porträt des Mannes, der Hitler zum Reichskanzler ernannte.

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Was bedeutete Hindenburg den Deutschen? Hätte man dazu vor etwa zehn Jahren eine zeitgeschichtliche Dokumentation von Arte gesehen, wäre vornehmlich mit der Sicht der Alliierten und einer entsprechenden rückblickenden Beurteilung zu rechnen gewesen. Der Film von Christoph Weinert, den der Kulturkanal heute Abend zeigt, ist anders. Das verdankt der Zuschauer vor allem dem Historiker Wolfgang Pyta, der gelassen seine Analysen zur Person Paul von Hindenburgs und seiner sowohl militärischen wie politischen Karriere vorträgt. Auch Anna von der Goltz, die an der Georgetown-Universität Deutsche Geschichte lehrt und einer Offiziersfamilie entstammt, hat ihren Anteil am Gelingen des Films von Christoph Weinert.

Was Hindenburg den Deutschen bedeutete, hat Stefan George 1917 in seinem Gedicht „Der Krieg“ ausgesprochen, zu einer Zeit, als die offizielle wilhelminische Rhetorik fadenscheinig geworden war: „Wo zeigt der Mann sich der vertritt? das Wort / Das einzig gilt fürs spätere gericht? / Spotthafte könige mit bühnenkronen · / Sachwalter · händler · schreiber - pfiff und zahl. / Auch in verbriefter ordnung grenzen: taumel · / Dann drohnde wirrsal .. da entstieg gestützt / Auf seinen stock farblosem vororthaus / Der fahlsten unsrer städte ein vergessner / Schmuckloser greis .. der fand den rat der stunde / Und rettete was die geberdig lauten / Schliesslich zum abgrundsrand gebracht: das reich ... / Doch vor dem schlimmren feind kann er nicht retten.“

Der unbedingte Wille zur Einheit des Reichs

Was George hier verdichtete, breitet der Film historisch und kulturwissenschaftlich aus. Vor allem das Rätsel von Hindenburgs wachsender Beliebtheit - er wurde eine Identifikationsfigur, eine lagerübergreifende Alternative zu Wilhelm II. - wird plausibel gelöst. Dass, wie George sagte, „in verbriefter ordnung grenzen“ der „taumel“ ausbrach, weist auf den Sommer 1914, als russische Heere ins südliche Ostpreußen eingedrungen waren, bevor sie in der Schlacht von Tannenberg von Hindenburg (allerdings nach einem Schlachtplan Erich Ludendorffs) zurückgeschlagen wurden. Die „fahlste unsrer städte“ - das war Hannover, wo Hindenburg, der „schmucklose greis“, positiv abgesetzt vom leicht erkennbaren „spotthaften könig“ mit der „bühnenkrone“, nach seiner Pensionierung gelebt hatte. Dass Hindenburg aber, bei allen fraglosen Qualitäten, „vor dem schlimmren feind“ nicht retten konnte, sah George, wie man zugeben muss, einigermaßen prophetisch voraus. Denn Hindenburg war es, der am 30. Januar 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannte.

Georges großes Gedicht wird in dem Film nicht erwähnt, aber die Atmosphäre, die es schildert, kommt doch sehr gut heraus. Man beginnt zu verstehen, dass Hindenburg nach dem Tode Friedrich Eberts zum Reichspräsidenten gewählt werden konnte: Er versprach schon durch seine eindrucksvolle und stabile Physis, seine ruhige Wesensart eine Stabilisierung der Republik. Nur die Krise der Weimarer Demokratie, die der „Machtergreifung“ vorhergegangen war, erscheint in dem Film vielleicht etwas zu einseitig als Resultat des präsidialen Wunsches nach einem autoritären Regiment, während ein gewisser Anteil an der Verantwortung doch auch jene Parteien der Mitte trifft, die 1930 eine große Koalition platzen ließen - die letzte Regierung mit parlamentarischer Mehrheit. Sehr einleuchtend wird aus Hindenburgs Lebensgeschichte - er war unmittelbarer Zeuge der Kaiserkrönung in Versailles 1871 gewesen - sein unbedingter Wille abgeleitet, die Einheit des Reiches zu wahren. Selbst dann noch, als jede Hoffnung, den neuen Diktator „zähmen“ und „erziehen“ zu können, sich als hohl erwiesen hatte.

Hindenburg. Der Mann, der Hitler zum Kanzler machte läuft heute um 20.15 Uhr bei Arte.

Quelle: F.A.Z.
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