Home
http://www.faz.net/-gsb-75kq7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Hindenburg-Dokumentation Greis ohne Schmuck

Von der hohlen Hoffnung, den Diktator zu zähmen: Arte zeigt ein gelungenes Porträt des Mannes, der Hitler zum Reichskanzler ernannte.

© © Bundesarchiv Vergrößern Paul von Hindenburg mit seinem Enkel Hubertus, der in dem Film als Zeitzeuge von Hitlers Hausbesuchen berichtet.

Was bedeutete Hindenburg den Deutschen? Hätte man dazu vor etwa zehn Jahren eine zeitgeschichtliche Dokumentation von Arte gesehen, wäre vornehmlich mit der Sicht der Alliierten und einer entsprechenden rückblickenden Beurteilung zu rechnen gewesen. Der Film von Christoph Weinert, den der Kulturkanal heute Abend zeigt, ist anders. Das verdankt der Zuschauer vor allem dem Historiker Wolfgang Pyta, der gelassen seine Analysen zur Person Paul von Hindenburgs und seiner sowohl militärischen wie politischen Karriere vorträgt. Auch Anna von der Goltz, die an der Georgetown-Universität Deutsche Geschichte lehrt und einer Offiziersfamilie entstammt, hat ihren Anteil am Gelingen des Films von Christoph Weinert.

Lorenz Jäger Folgen:    

Was Hindenburg den Deutschen bedeutete, hat Stefan George 1917 in seinem Gedicht „Der Krieg“ ausgesprochen, zu einer Zeit, als die offizielle wilhelminische Rhetorik fadenscheinig geworden war: „Wo zeigt der Mann sich der vertritt? das Wort / Das einzig gilt fürs spätere gericht? / Spotthafte könige mit bühnenkronen · / Sachwalter · händler · schreiber - pfiff und zahl. / Auch in verbriefter ordnung grenzen: taumel · / Dann drohnde wirrsal .. da entstieg gestützt / Auf seinen stock farblosem vororthaus / Der fahlsten unsrer städte ein vergessner / Schmuckloser greis .. der fand den rat der stunde / Und rettete was die geberdig lauten / Schliesslich zum abgrundsrand gebracht: das reich ... / Doch vor dem schlimmren feind kann er nicht retten.“

Der unbedingte Wille zur Einheit des Reichs

Was George hier verdichtete, breitet der Film historisch und kulturwissenschaftlich aus. Vor allem das Rätsel von Hindenburgs wachsender Beliebtheit - er wurde eine Identifikationsfigur, eine lagerübergreifende Alternative zu Wilhelm II. - wird plausibel gelöst. Dass, wie George sagte, „in verbriefter ordnung grenzen“ der „taumel“ ausbrach, weist auf den Sommer 1914, als russische Heere ins südliche Ostpreußen eingedrungen waren, bevor sie in der Schlacht von Tannenberg von Hindenburg (allerdings nach einem Schlachtplan Erich Ludendorffs) zurückgeschlagen wurden. Die „fahlste unsrer städte“ - das war Hannover, wo Hindenburg, der „schmucklose greis“, positiv abgesetzt vom leicht erkennbaren „spotthaften könig“ mit der „bühnenkrone“, nach seiner Pensionierung gelebt hatte. Dass Hindenburg aber, bei allen fraglosen Qualitäten, „vor dem schlimmren feind“ nicht retten konnte, sah George, wie man zugeben muss, einigermaßen prophetisch voraus. Denn Hindenburg war es, der am 30. Januar 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannte.

Mehr zum Thema

Georges großes Gedicht wird in dem Film nicht erwähnt, aber die Atmosphäre, die es schildert, kommt doch sehr gut heraus. Man beginnt zu verstehen, dass Hindenburg nach dem Tode Friedrich Eberts zum Reichspräsidenten gewählt werden konnte: Er versprach schon durch seine eindrucksvolle und stabile Physis, seine ruhige Wesensart eine Stabilisierung der Republik. Nur die Krise der Weimarer Demokratie, die der „Machtergreifung“ vorhergegangen war, erscheint in dem Film vielleicht etwas zu einseitig als Resultat des präsidialen Wunsches nach einem autoritären Regiment, während ein gewisser Anteil an der Verantwortung doch auch jene Parteien der Mitte trifft, die 1930 eine große Koalition platzen ließen - die letzte Regierung mit parlamentarischer Mehrheit. Sehr einleuchtend wird aus Hindenburgs Lebensgeschichte - er war unmittelbarer Zeuge der Kaiserkrönung in Versailles 1871 gewesen - sein unbedingter Wille abgeleitet, die Einheit des Reiches zu wahren. Selbst dann noch, als jede Hoffnung, den neuen Diktator „zähmen“ und „erziehen“ zu können, sich als hohl erwiesen hatte.

Hindenburg. Der Mann, der Hitler zum Kanzler machte läuft heute um 20.15 Uhr bei Arte.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
BBC Gurlitt-Dokumentation Komplizenschaft, Verschleierung und Verneinung

Der Fall Gurlitt ist eine verworrene Geschichte: Der britische Sender BBC zeigt nun eine zweiteilige Dokumentation und suggeriert, die Deutschen hätten sich eben nicht geändert Mehr Von Gina Thomas, London

30.10.2014, 21:52 Uhr | Feuilleton
Anführer der Volksrepublik Donezk übergibt an Militärchef

Der selbst ernannte Ministerpräsident, Aleksander Borodai, gibt seine Führerschaft ab, Alexander Wladimirowitsch Zakharchenko übernimmt. Unterdessen hat die ukrainische Armee den Abschuss zweier Militärflugzeuge bestätigt. Mehr

08.08.2014, 10:50 Uhr | Politik
Wein neu entdeckt Die Rückkehr des Rheinweins

Lange hatte die Weinregion zwischen Bingen und Bonn nicht mehr viel zu bieten. Jetzt arbeitet sie wieder am Mythos. Der Klimawandel hilft. Neues Selbstbewusstsein auch. Mehr Von Daniel Deckers

28.10.2014, 16:37 Uhr | Stil
Schweinsteiger wird Kapitän

Bundestrainer Joachim Löw ernannte den 30-Jährigen vom FC Bayern München zum Nachfolger von Philipp Lahm. Die Nachfolge von Hans-Dieter Flick als Co-Trainer wird Thomas Schneider, ehemaliger Bundesliga-Coach beim VfB Stuttgart antreten. Mehr

03.09.2014, 20:06 Uhr | Sport
Dokumentation zur Finanzkrise Des Kaisers neue Kleider

Gut sieben Jahre ist es her, seitdem die globale Finanzkrise ihren Lauf nahm. Regisseur Michael Winterbottom will mit Russell Brand ergründen, warum sie begann und bis heute spürbar ist. Mehr Von Felix-Emeric Tota

28.10.2014, 15:49 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 07.01.2013, 17:21 Uhr

Sesam öffnet sich

Von Michael Hanfeld

Monatelang bemühte sich der Strafrechtsexperte Walter Grasnick um eine Veröffentlichung der schriftlichen Urteilsgründe im Fall Hoeneß - eine vergebliche Mühe, wie es schien. Aber siehe da: Auf einmal werden sie publiziert. Mehr 43 37