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„Tatort“-Kritik : Hier gibt’s keinen Karneval

  • -Aktualisiert am

Kraftlos auf der Zielgerade: Simone Thomalla und Martin Wuttke als Ermittlerpaar Bild: MDR/Steffen Junghans

Selten war Leipzig so kalt und hässlich: Der Leipziger Tatort „Blutschuld“ legt mit brutaler Gewalt das Innenleben einer zerfallenden Familie frei.

          Der Hund schafft es nicht. Er hätte überleben können, aber die Polizei, als Retter diesmal programmatisch zu früh oder zu spät, lässt nicht zu, dass Sofie Kosen (Natalia Rudziewicz) ihn rechtzeitig zum Tierarzt bringt. „Geht’s hier um ’n Hund?“ fragt Sofies Mutter ungerührt, was man verstehen kann, denn nebenan liegt der ermordete Vater Sofies. Es handelt sich dabei, das wissen wir bereits, um den cholerischen Inhaber einer korrupten Recyclingfirma. Dass es der Hund nicht schafft, ist aber durchaus ein Wink. Schließlich gilt er als Symbol der Treue, der Loyalität, der bedingungslosen Liebe, und all das fehlt hier. Den Takt geben Winkekatzen vor, ein gut eingesetztes, bedrohlich irrsinniges Detail. Überall stehen sie herum, wir sehen sogar ein ganzes Schaufenster voller Winkekatzen.

          Man hätte den Arbeitstitel „Im Lauf der Zeit“ beibehalten sollen, denn das jahrelange Anhäufen von Verletzungen steht im Zentrum des Films, das Ticken der Uhr, Schlag für Schlag, das man erst im Nachhinein als Ticken der Bombe erkennt.

          Blutmale der Gesellschaft

          Selten war Leipzig so kalt, trist und hässlich wie in diesem düsteren Familiendrama, in dem viel gebrüllt und gestritten wird, und zwar erstaunlich glaubhaft: „Pass bloß auf, du, du, du Dumm du!“ Die ganze Stadt unterscheidet sich in Optik und Atmosphäre nicht von dem kaputten Abfallunternehmen Kosen. Straßenbahnschienen, Graffiti, Strommasten ragen halb ins Bild, ein Nagelstudio, der öde Innenhof einer Klinik, traurige Einbauküchen. Die Kamera kriecht immer wieder am Boden entlang. Manchmal blickt sie, wie stürzend, in den Himmel.

          Vielleicht die beste Szene ist gleich die allererste: Ein blutender Mann wankt mitten auf der Straße durch die Innenstadt. Aus seinem Hals ragt ein Messer, niemand reagiert. Dazu plärrt Pete Townshend über satten Gitarrenriffs „Can You See The Real Me? Doctor?!“ Und tatsächlich sehen wir danach in die Figuren hinein, blicken aber meist nur in einen dunklen Schacht. Geht es hier um Psychologie? Um die Schändung des echten Ich? Nein, auch das nicht wirklich, eher um die Blutmale, die eine kranke, rücksichtslose Gesellschaft ausbildet.

          Verantwortlich für das radikale Drehbuch und die radikale Regie zeichnet Stefan Kornatz, den man als „Tatort“-Regisseur schon kennt. Unter seiner Ägide ist vor drei Jahren die so gewaltstrotzende wie überzeugende Frankfurter Psychopathen-Folge „Es ist böse“ entstanden. Ein Jahr später hat er die eher dröge „Mord auf Langeoog“-Episode mit einem viel im Wind stehenden Wilke Wotan Möhring beigesteuert. „Blutschuld“ ist gewissermaßen die Synthese aus beiden Vorgängern. Die Gewalt ist martialisch, krankhaft und ausweglos, aber zugleich seltsam intim. Zudem bewegt man sich in kleinem Radius, dem Inselkosmos Familie sozusagen.

          Erste Indizien - es wurde viel Geld gestohlen - deuten für Hauptkommissarin Eva Saalfeld (Simone Thomalla) auf einen Raubmord. Aber ihr Kollege Andreas Keppler (Martin Wuttke) bringt seine These eines persönlichen Motivs mit so viel Verve vor („Der wollte den Kosen ausradieren, auslöschen“), dass Saalfeld nachgibt. Fortan geht es um vier Verdächtige, die alle ein astreines Motiv haben. Drei von ihnen gehören zur Familie: Sofies Bruder Patrick (Tino Hillebrand), der mit dem Messer im Hals, den der Vater persönlich ins Gefängnis gebracht hatte, dann der als Ehemann Sofies wie als Geschäftspartner Kosens aufs Abstellgleis geschobene Frank Bachmann (Alexander Khuon) und schließlich die labile Sofie selbst.

          Eine Familie zerfällt

          Als vierter Kandidat - irritierenderweise gespielt von Uwe Bohm, der im „Tatort“ vom vergangenen Sonntag auch als Hauptverdächtiger auftrat - kommt Kosens Ex-Kompagnon Christian Scheidt in Betracht, dessen Tochter der Unternehmer vor Jahren überfahren hat. Das wirkt übersichtlich, doch der Hass ist schneller als die Polizei. Mehr und mehr Opfer gibt es, eine Familie zerfällt.

          Dass die Entwicklung der Handlung spannend wirkt, obwohl die Aufklärung des Falls keine Überraschung bietet, liegt an der Konsequenz, mit der das Drehbuch ins Brutale vordringt: Wo Erlösung gesucht wird, gibt es keine Hemmungen. Dröge jedoch gerät Regisseur Kornatz der Umgang mit dem gelangweilten Ermittler-Duo: Keppler ist abermals der ruppig Introvertierte, Saalfeld die starke Einfühlsame. Ihre Streitigkeiten und Flirts, die Indizienrekapitulationen und das Herunterspielen der Befragungsszenen ist „Tatort“-Ware von der Stange. Da tröstet einzig, dass es sich um den vorletzten Fall dieser beiden Kommissare handelt.

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