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Veröffentlicht: 19.05.2015, 07:16 Uhr

TV-Kritik: „heute +“ Kindernachrichten für Große

Mit „heute +“ will das ZDF das herkömmliche Nachrichtenformat beerdigen und das Internet mit dem Fernsehen verbinden. Das führt bei der Premiere zu einigen Kurzschlüssen. Da ist noch viel Luft nach oben.

von Carolin Schwarz
© dpa Moderator Daniel Bröckerhoff

Kaum angefangen und auch schon wieder vorbei: Extrem schnell war sie, die erste Live-Sendung von „heute +“. Zumindest der Moderator Daniel Bröckerhoff schien sehr erleichtert zu sein, dass er es hinter sich hatte und „Premiere feiern“ konnte. Die Nervosität war ihm anzumerken. Am liebsten hätte man Claus Kleber zu ihm reingeschickt, damit der dem Kollegen, wie im Werbeclip zu „heute +“, beruhigend auf die Schulter klopft: „Das wird schon.“

Das wurde es allerdings nicht. Daniel Bröckerhoff trat frei ins Bild, ohne lästigen Moderatorentisch und gab sich aufgeschlossen. Dabei geriet ihm die Begrüßung samt Anmoderation des ersten Beitrags so endlos lang, dass man sich bald schon am Ende der Sendung wähnte. Es ging um die Vorzüge des neuen Sendekonzepts, besonders die Möglichkeit der Interaktion über die sozialen Netzwerke. Unterdessen zog das animierte Studiodesign bunte Lichtbahnen durchs Bild. Das wirkt zwar dynamisch, ein oder zwei unterstützende Grafiken oder Bilder zur Erläuterung wären jedoch hilfreich gewesen.

Rambo und die „akzeptierende“ Drogentherapie

Schon war die Rede von „Rambo“ mit Blick auf das Vorhaben der EU, gegen die Schlepperbanden auf dem Mittelmeer vorzugehen. So plakativ ging es weiter – in der Moderation und in den Beiträgen. In dem folgenden Stück ging es um ein Einzelschicksal. Das soll für die gesamte Problematik stehen, beim Thema Flüchtlinge ebenso wie beim Thema Drogensucht, birgt aber die Gefahr, nicht mehr als an der Oberfläche zu kratzen.

Das wurde besonders deutlich bei dem Stück, das von einem Drogenkranken handelte, dem der Umstieg auf einen Ersatzstoff gelungen ist. Doch wünscht er sich – und das war auch der Tenor des Beitrags – eine „akzeptierende“ Drogentherapie, also eine, bei der es nicht darum geht, die Sucht zu bekämpfen. Abhängige bräuchten Akzeptanz, hieß es dazu bestimmend aus dem Off, die Gesellschaft müsse darüber eine Debatte führen. Dass man auch anderer Meinung und davon überzeugt sein kann, dass Drogenabhängigen durch die Bekämpfung der Sucht geholfen ist, vermag sich die „heute+“-Redaktion offenbar nicht vorzustellen. Hatte sie sich nicht vorgenommen, keinen „Journalismus von der Kanzel herab“ zu machen und den Zuschauern „auf Augenhöhe“ zu begegnen?

Von der vermeintlichen Interaktion mit dem Publikum, von der so viel gesprochen wurde, war in der Sendung herzlich wenig zu spüren: keine eingeblendeten Tweets oder Posts, keine Reaktionen auf die Beiträge auf Facebook oder Twitter. Vom Aufbau her ähnelt „heute+“ der großen Schwester „heute-journal“ sehr: das wichtigste Thema des Tages, ein zweites, ein drittes, ein paar Kurznachrichten und am Ende etwas eher Leichtes. So leicht wie Daniel Bröckerhoff  bei der Moderation des Kurznachrichtenblocks sollte man es sich allerdings nicht machen. Nach zwei, drei Sätzen zum neuerlichen Bahnstreik leitete er zum nächsten Minibeitrag mit den Worten über: „Schlimmere Nachrichten kommen aus dem Irak“. Dort hat die Terrorgruppe IS die Stadt Ramadi erobert und mehrere hundert Menschen ermordet. Da stößt der gewollt lässige Tonfall von „heute+“ an seine Grenzen.

Und was die Schwerpunkte angeht, die „heute+“ setzen will – die ähneln von ihrem erklärerischen Gestus her doch sehr der Kindernachrichtensendung „logo“. So war beim Thema Klimawandel davon die Rede, dass uns bald aufgrund der Austrocknung Schokolade und Kaffee fehlen werden, danach Weißwein und Bier (Hopfen). Schön plakativ ist auch das, allerdings ebenso kurzatmig und fragwürdig.

Was fehlt: das Wetter

Die Zuschauer haben sich indes schon fleißig gemeldet. Auf Facebook und Twitter sind sowohl die Redaktion als auch die Leser sehr aktiv. Einige bemängelten die späte Sendezeit um kurz vor Mitternacht: „Leider zu spät. Morgen steht wieder eine Prüfung an.“ Die Redaktion konterte das mit dem Hinweis, dass die Inhalte der Sendung vorab online zur Verfügung stünden.

Die Beiträge sind in der Sendung in voller Länge zu sehen, online sind einige auf das Wesentliche gekürzt, was unweigerlich zu der Frage führt: Wozu brauche ich eine Live-Sendung, wenn sowieso alles online jederzeit abrufbar ist? Und wenn es unbedingt eine Sendung sein soll, warum läuft diese dann nicht über einen eigenen YouTube-Kanal? Wäre „heute +“ als reiner Internetauftritt dem ZDF ein Schritt zu viel? Die Wettervorhersage jedenfalls hat „heute+“ schon gestrichen, was nicht allen Zuschauern gefallen hat.

Glosse

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