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Herausgeberwechsel beim Merkur : Die Jahre der Plötzlichkeit und der deutschen Provinz

Ihre Kritik betraf alle - gemeint fühlte sich keiner. Unsere Jahre mit Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel waren explosiv. Nun hören beide auf, Herausgeber des „Merkurs“ zu sein.

          Wenn man dem „Merkur“ etwas wünschen dürfte, zum Jahres- und Epochenwechsel, zum Abschied der alten Herausgeber und zum Amtsantritt der neuen Mannschaft: Dann wäre das ein kleines, aber stimmungsvolles Fest, vielleicht im notorisch sogenannten Berliner Zimmer der „Merkur“-Redaktion am verslumenden Ende der Charlottenburger Mommsenstraße - in jenem Raum also, in welchem, wie man im Dezemberheft des „Merkurs“ lesen darf, sich sonst die ernstesten Köpfe der ganzen Stadt versammeln, um die allerernstesten Themen zu verhandeln. Es gäbe Drinks und amerikanische Musik, es käme, nach Mitternacht, zu berauschtem Lärm und ersten Ausschweifungen. Und gegen vier Uhr morgens stünde die Polizei an der Tür: herbeigerufen wegen Ruhestörung und der Erregung öffentlichen Ärgernisses.

          Unverdrossene Ruhestörung intellektueller Milieus

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Genau das ist nämlich dem „Merkur“, der auf seine Streitlust, seine Unversöhntheit mit den bestehenden geistigen Verhältnissen und seine Gegnerschaft zum linkssentimentalen intellektuellen Milieu fast noch stolzer als auf seine Bildung, seine Intelligenz und sein präzises Deutsch ist, genau das ist dem „Merkur“ seit zehn Jahren nicht mehr gelungen: die Ruhe zu stören, der literarischen und akademischen Öffentlichkeit ein Ärgernis zu sein.

          Gleichgültigkeit, allenfalls Genervtheit, manchmal auch Spott: Das waren in den vergangenen Jahren die üblichen und vermutlich ganz angemessenen Reaktionen angesichts der Unverdrossenheit, mit welcher der „Merkur“ längst verschwundene Milieus, fast vergessene Haltungen und Überzeugungen immer weiter dafür tadelte, wie klein, wie hässlich, wie deutsch sie doch seien.

          Vom untoten Außenminister

          27 Jahre lang, von 1984 bis zu diesem Jahreswechsel, war Karl Heinz Bohrer der Herausgeber des „Merkurs“; Kurt Scheel, der 1991 zum Mitherausgeber wurde, war seit 1980 schon Redakteur der Zeitschrift gewesen - und jetzt, da beide ihre Ämter niederlegen und der streitlustige Kunsthistoriker Christian Demand die Herausgeberschaft übernimmt: Jetzt muss man den Verdruss der späten Jahre einfach vergessen und beiden, Scheel und Bohrer, dafür danken, dass die meisten ihrer „Merkur“-Jahre sehr gute Jahre waren, ein Vergnügen und eine Zumutung, eine Inspiration und eine Provokation für jeden Leser, den nicht ein massives Brett vorm Kopf am Zugang zu den Texten hinderte.

          Im Februar 1984 konnte man, nur zum Beispiel, Sätze wie diesen hier im „Merkur“ lesen: „Eine Nation, deren akademische Intelligenz so wenig Sinn für Sprache und Ironie besitzt, wird vom Zombietum natürlich besonders bedroht . . .“ Im nächsten Absatz hieß es: „Der Zombie, der für alle sichtbar endlich enttarnt wurde, ist der deutsche Außenminister.“ Müsste man raten, wer das geschrieben habe, würde man, trotz des thomasbernhardesken Furors, wohl auf den jungen Diedrich Diederichsen tippen; oder auf den jungen Rainald Goetz, der ja um die Mitte der achtziger Jahre herum tatsächlich für den „Merkur“ schrieb, sogenannte „Berichte“, die in Wirklichkeit sehr schwarze und sehr böse literarische Texte waren.

          Konservative Kritik am Konservativismus

          Der Autor der verrückten Zombie-Zitate ist aber jener Karl Heinz Bohrer, der damals immerhin über fünfzig war - und den man auch heute gar nicht heftig genug loben kann für die Serie über die „Politische Typologie“, welcher die Zitate oben entnommen sind. Kann schon sein, dass Bohrer, der fürs Kino und die anderen populären Künste nie allzu viel übrigzuhaben schien, sich nicht besonders tief hineingearbeitet hat in die Geschichte, die Erscheinungsformen und das Wesen der karibischen Untoten. Umso heftiger wirkte aber der Zombie hier als Schimpfwort, für Hans-Dietrich Genscher und für Genschers Partei, welcher Bohrer schon damals bescheinigte, mehr untot als lebendig zu sein.

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