02.01.2012 · Ihre Kritik betraf alle - gemeint fühlte sich keiner. Unsere Jahre mit Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel waren explosiv. Nun hören beide auf, Herausgeber des „Merkurs“ zu sein.
Von Claudius SeidlWenn man dem „Merkur“ etwas wünschen dürfte, zum Jahres- und Epochenwechsel, zum Abschied der alten Herausgeber und zum Amtsantritt der neuen Mannschaft: Dann wäre das ein kleines, aber stimmungsvolles Fest, vielleicht im notorisch sogenannten Berliner Zimmer der „Merkur“-Redaktion am verslumenden Ende der Charlottenburger Mommsenstraße - in jenem Raum also, in welchem, wie man im Dezemberheft des „Merkurs“ lesen darf, sich sonst die ernstesten Köpfe der ganzen Stadt versammeln, um die allerernstesten Themen zu verhandeln. Es gäbe Drinks und amerikanische Musik, es käme, nach Mitternacht, zu berauschtem Lärm und ersten Ausschweifungen. Und gegen vier Uhr morgens stünde die Polizei an der Tür: herbeigerufen wegen Ruhestörung und der Erregung öffentlichen Ärgernisses.
Genau das ist nämlich dem „Merkur“, der auf seine Streitlust, seine Unversöhntheit mit den bestehenden geistigen Verhältnissen und seine Gegnerschaft zum linkssentimentalen intellektuellen Milieu fast noch stolzer als auf seine Bildung, seine Intelligenz und sein präzises Deutsch ist, genau das ist dem „Merkur“ seit zehn Jahren nicht mehr gelungen: die Ruhe zu stören, der literarischen und akademischen Öffentlichkeit ein Ärgernis zu sein.
Gleichgültigkeit, allenfalls Genervtheit, manchmal auch Spott: Das waren in den vergangenen Jahren die üblichen und vermutlich ganz angemessenen Reaktionen angesichts der Unverdrossenheit, mit welcher der „Merkur“ längst verschwundene Milieus, fast vergessene Haltungen und Überzeugungen immer weiter dafür tadelte, wie klein, wie hässlich, wie deutsch sie doch seien.
27 Jahre lang, von 1984 bis zu diesem Jahreswechsel, war Karl Heinz Bohrer der Herausgeber des „Merkurs“; Kurt Scheel, der 1991 zum Mitherausgeber wurde, war seit 1980 schon Redakteur der Zeitschrift gewesen - und jetzt, da beide ihre Ämter niederlegen und der streitlustige Kunsthistoriker Christian Demand die Herausgeberschaft übernimmt: Jetzt muss man den Verdruss der späten Jahre einfach vergessen und beiden, Scheel und Bohrer, dafür danken, dass die meisten ihrer „Merkur“-Jahre sehr gute Jahre waren, ein Vergnügen und eine Zumutung, eine Inspiration und eine Provokation für jeden Leser, den nicht ein massives Brett vorm Kopf am Zugang zu den Texten hinderte.
Im Februar 1984 konnte man, nur zum Beispiel, Sätze wie diesen hier im „Merkur“ lesen: „Eine Nation, deren akademische Intelligenz so wenig Sinn für Sprache und Ironie besitzt, wird vom Zombietum natürlich besonders bedroht . . .“ Im nächsten Absatz hieß es: „Der Zombie, der für alle sichtbar endlich enttarnt wurde, ist der deutsche Außenminister.“ Müsste man raten, wer das geschrieben habe, würde man, trotz des thomasbernhardesken Furors, wohl auf den jungen Diedrich Diederichsen tippen; oder auf den jungen Rainald Goetz, der ja um die Mitte der achtziger Jahre herum tatsächlich für den „Merkur“ schrieb, sogenannte „Berichte“, die in Wirklichkeit sehr schwarze und sehr böse literarische Texte waren.
Der Autor der verrückten Zombie-Zitate ist aber jener Karl Heinz Bohrer, der damals immerhin über fünfzig war - und den man auch heute gar nicht heftig genug loben kann für die Serie über die „Politische Typologie“, welcher die Zitate oben entnommen sind. Kann schon sein, dass Bohrer, der fürs Kino und die anderen populären Künste nie allzu viel übrigzuhaben schien, sich nicht besonders tief hineingearbeitet hat in die Geschichte, die Erscheinungsformen und das Wesen der karibischen Untoten. Umso heftiger wirkte aber der Zombie hier als Schimpfwort, für Hans-Dietrich Genscher und für Genschers Partei, welcher Bohrer schon damals bescheinigte, mehr untot als lebendig zu sein.
Man muss dazu wissen, dass Bohrer damals (wie heute) für konservativ galt; und dass ausgerechnet dieser Mann nicht aufhörte, den ewigen Kanzler Kohl, dessen Außenminister und die meisten anderen um Kohl herum für deren Mangel an Stil, Form und Ausdruck, für die Armut der Sprache und die Unschärfe der Begriffe zu tadeln, zu beschimpfen und zu verhöhnen, das zeugt von einer geistigen Freiheit, von einer Unabhängigkeit und Nichtkorrumpierbarkeit, die lange das wichtigste Wesensmerkmal des „Merkurs“ war.
„Kein Volk kann außerhalb der Schönheit leben.“ Diesen Satz Albert Camus’ hat Bohrer, von seinen ersten Glossen bis zum großen und ein bisschen wahnsinnigen Rückblickstext im Dezemberheft dieses Jahres, immer wieder aus dem Archiv geholt und zum Motto, zur Parole des „Merkurs“ erklärt. Als er anfing, war ja tatsächlich das Schöne als Kategorie der Kritik verpönt, das Erhabene verdächtig - und das politische, das akademische, das künstlerische und das publizistische Personal der alten Bundesrepublik war auf eines ganz bestimmt nicht gefasst: nach ästhetischen Kriterien beurteilt zu werden.
Das war anfangs tatsächlich atemberaubend und kühn; aber schon in den frühen Neunzigern, als Bohrer seine legendäre „Provinzialismus“-Serie schrieb, in welcher er, von den Mainzelmännchen über die Leitartikler der Zeitungen bis hin zu ganzen Städten, die deutsche Provinz als provinziell abkanzelte, rannte er mit dem Gestus des Provokateurs vor allem solche Türen ein, die sperrangelweit offen standen. Selbst die Redaktionskonferenz des „Spiegels“ diskutierte damals über die Serie - begeistert natürlich; denn gemeint fühlte sich keiner. Und wenn einer, nur zum Beispiel, ganz vergnügt in München lebte und dann, in der Folge „Ohne Metropole“, lesen durfte, dass München eine zutiefst langweilige Stadt sei: Dann fühlte sich der Leser gleich selbst abgekanzelt, angeherrscht, ausgeschlossen aus dem Kreis derer, die auf die Provinz herabschauen durften.
Bohrer hatte eine Germanistikprofessur in Bielefeld, lebte aber lieber in London und Paris, und manchmal, wenn Bohrer mal wieder dieses Land als eine Fußgängerzone des Geistes beschrieb; wenn er verbal mal wieder all die Jägerzäune niedertrampelte, hinter welchen er das linke Sentiment und die grüne Idylle vermutete; manchmal fragte man sich: Ist Bielefeld wirklich so schrecklich? Und falls es dort tatsächlich noch Jägerzäune gibt: Stehen die schon unter Denkmalschutz? Im Herbst 2008, in der monothematischen Ausgabe zur „Typologie der Berliner Republik“, eilten Bohrers Sätze durch die Hauptstadt, bescheinigten, ohne sich mit Begründungen und Differenzierungen lange aufzuhalten, dem Reichstag, dass er schön, dem Kanzleramt, dass es hässlich, dem Potsdamer Platz, dass er nicht ganz gelungen sei, und erst Unter den Linden und auf dem Gendarmenmarkt bekam der Text wieder etwas Luft und gab preis, was das entscheidende Kriterium sei: „Das allein hat Größe, wird von keiner anderen Metropole übertroffen.“ Und das war der Moment, in dem man Bohrer vor sich sah, wie er durch Pariser Straßen spazierte und all die kleinen Renaults und Citroëns anherrschte, sie sollten sich für ihre Kleinheit gefälligst schämen. Und sich ein Beispiel an deutschen Autos nehmen. Die allein hätten Größe!
Dass der „Merkur“ in den achtziger und neunziger Jahren so frei war von Ideologie und Ressentiment, so neugierig und so international: Das war vermutlich, viel stärker, als man das als Leser ahnte, das Verdienst des Herausgebers Kurt Scheel, den man schon deshalb gerne unterschätzt, weil Scheel, wenn er schrieb, am liebsten über Filme schrieb. Und diese Filmtexte hatten meistens so einen kichernden Stil, dass man sie lieber nicht ernst nehmen wollte. Und lustig waren sie schon gar nicht.
Scheel hat, ebenfalls in der Dezemberausgabe, einen Rückblickstext geschrieben, der nichts Herrisches und nichts Wahnsinniges hat. Scheel erzählt nur davon, welche Freude es ihm immer war, den „Merkur“ zu planen und zu redigieren - und diese Freude hat sich die meiste Zeit dem Leser direkt mitgeteilt. Es war im „Merkur“, wo man zum ersten Mal die eleganten Essays von Stephan Wackwitz und Andreas Zielcke las. Es war der „Merkur“, der die wichtigsten Texte von Ian Buruma oder Mark Lilla, von Tony Judt und Richard Rorty ins Deutsche übersetzte. Es war der „Merkur“, in dem der linke Bürger Claus Koch neben dem deutschen Amerikaner Hans Ulrich Gumbrecht stand, und Ralf Dahrendorf nannte, was an der Wall Street geschah, schon in den Achtzigern einen „Kasino-Kapitalismus“. Und Karl Heinz Bohrers große Essays, die um eine Ästhetik des Schreckens und eine Ethik des Nihilismus kreisten, um die Schwärze und die Kühnheit der Romantik, um Baudelaire und Schlegel und die Plötzlichkeit: Die waren für jeden, der sich selbst mit den Künsten beschäftigte, zumindest eine Aufforderung, die eigenen Kriterien zu überprüfen.
Wie es dazu kam, dass die Spannung nachließ, die Neugier schwand, das lässt sich heute nicht ganz genau sagen. Vielleicht hatte es mit dem Umzug von München nach Berlin zu tun, mit dem Wechsel also von einer Stadt, in der man, schon weil sie klein genug ist, einfach weiß, dass einen die Zeitgenossenschaft dazu verpflichtet, sich auch für Pariser Neuigkeiten und Stanforder Themen zu interessieren, in die große Stadt, die sich seit mehr als zwanzig Jahren am liebsten nur mit sich selbst beschäftigt. Kann sein, dass die Schocks des 11. Septembers 2001 noch immer wirken, jenes Datums, in dessen Folge man, von außen, den Eindruck hatte, dass die einst so offene und unideologische Redaktion zunehmend gereizt, mürrisch und unduldsam auf alles reagierte, was auch nur entfernt so ausgesehen hätte wie Amerikakritik, Kapitalismusskepsis oder gar Interesse am Islam. Es schien enger zu werden im „Merkur“, ein bisschen düster und sehr übellaunig. Und wenn man sich als Leser mal wieder angeherrscht fühlte von einem Bohrer-Text, fragte man sich immer wieder, was Norbert Bolz oder Georg Franck von Bohrer wohl zu hören bekamen, die intellektuellen Bluffer, für die aber immer ein Plätzchen frei zu sein schien im Heft.
Um die Aktualität hat sich der „Merkur“ nie gekümmert. Und hatte doch meistens genug Geistesgegenwart zu erkennen, was da draußen, in der Welt, wirklich wichtig war. Als aber im Herbst 2008 die Banken krachten und jene Krise begann, die noch längst nicht vorüber ist, da hat der „Merkur“ das als geistige Herausforderung nicht erkannt. Nicht als Krise des Wissens und nicht als Krise einer Zukunft, von der die Moderne sich ihre Gegenwart doch so lange borgen konnte, bis mit dem Immobilienmarkt und den Investmentbanken die ganze Zukunft kollabierte. Nicht als Krise einer ökonomischen Wissenschaft, die damals wusste, warum nicht kommen würde, was dann kam. Und die heute zu wissen behauptet, dass es so kommen musste.
Und insofern ist die Krise auch eine Krise des „Merkurs“, was allein schon die Lektüre wieder spannend macht. Das erste Heft der neuen Mannschaft erscheint in diesen Tagen.
Typologie oder Physiognomie der Berliner Republik?
Dietmar Bittrich (DietmarBittrich)
- 03.01.2012, 13:19 Uhr
Claudius Seidl Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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