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Helge Schneider wird 60 : Jazz, Quatsch und Soße

  • -Aktualisiert am

Humanist ohne Latinum: Helge Schneider Bild: Julia Zimmermann

Mülheim an der Ruhr machte ihn zum Clown, Plateausohlen und Haarteil formten den Entertainer. In allem aber ist Helge Schneider Musiker. An diesem Sonntag wird er sechzig Jahre alt.

          Komiker, Witzbolde, Clowns, Karikaturisten sind scharfe Beobachter, gute Zuhörer und genaue Leser. Jede Polizeistation, jedes Gericht, jedes kritische Medium sollte wenigstens einen aus der auch in Deutschland gelegentlich auftauchenden humoristischen Zunft beschäftigen. Es würde bei der Beweisaufnahme und bei der Einschätzung der Glaubwürdigkeit helfen. Komiker achten auf Details, hören Untertöne und können zwischen den Zeilen lesen. Man kann sie belügen, ganz wie normale Menschen auch. Aber man kann ihnen nicht so leicht etwas vormachen.

          Helge Schneider, der kleine Mann auf notorischen Plateausohlen, aus Mülheim an der Ruhr stammend, was ihn nach eigener Aussage zwangsläufig dazu bestimmte, Clown zu werden, hat man viele berufliche Fähigkeiten zugeschrieben: Er sei Unterhaltungskünstler, Komiker, Kabarettist, Schriftsteller, Sänger, Film- und Theaterregisseur, Schauspieler, Multiinstrumentalist, Jazzer. Mit der juristischen Fakultät wurde er noch nicht in Verbindung gebracht. Aber eigentlich besitzt er dafür eine ausgeprägte Affinität. Er kennt die Gesetze des menschlichen Handelns. Davon und auch von den Gesetzesübertretungen zehrt er seit mehr als fünfzig Jahren, seit er auf der Bühne steht.

          Der Jazz ist das Karnickel

          Das ist auch gut so. Denn Helge Schneider, der Humanist ohne abgeschlossene humanistische Schulbildung, hat seine scharfe Beobachtungsgabe eben nicht in den Dienst des Staates gestellt. Er denunziert selten, er parodiert vielmehr und meistens musikalisch. Das beherrscht er mittlerweile so gut, dass er bisweilen besser ist als das Original. Wenn er auf die Bühne getragen wird, als hätte ihn sein Butler wie einen Trunkenbold irgendwo aus der Gosse gezogen, wenn er dann seine Gitarre umschnallt und „Mein Name ist Udo (Ich wohn im Hotel)“ anstimmt, ist mehr Lindenbergsche Schnoddrigkeit im Spiel als bei jenem Mann, der vor bald einem halben Jahrhundert die deutsche Sprache in die Rockmusik eingeführt hat. Da merkt man auch den Gleichklang der künstlerischen Charaktere. Bei Udo Jürgens („Making a Wurst“) oder Peter Maffay („Die Warane auf Galapagos“) bekommt die Parodie eine leicht sarkastische Klangfärbung.

          Original und Fälschung: Helge Schneider und Udo Lindenberg Bilderstrecke
          Original und Fälschung: Helge Schneider und Udo Lindenberg :

          Apropos Klangfarbe: Mit ihr kann Helge Schneider besonders gut umgehen. Klangfarbe ist in der Musik eben kein traditioneller Grundparameter wie Melodie, Harmonie, Rhythmus. Es ist eine periphere Toneigenschaft, manchmal auch eine Attitüde, jedenfalls etwas, das dem Allgemeinen den besonderen, den individuellen Charakter verleiht, also genau das, was einem Komiker als Erstes auffällt, wenn er parodieren, karikieren, aufspießen oder auch nur bewusstmachen möchte. Klangfarbe, Timbre gilt auch als jene musikalische Eigenschaft, die im individualistischen Jazz große Bedeutung besitzt. Und dass Helge Schneider ein passionierter Jazzmusiker ist, beweist er bei jedem seiner Auftritte und jeder seiner zahlreichen Einspielungen, sei es als schräger Tenorsaxophonist mit der Kölner Saxophon Mafia über Ellingtons „Sophisticated Lady“, als Erroll Garners Wiedergänger auf dem Klavier bei einer umwerfend komischen Attacke auf das modische Biobauerntum oder in seinem Gospeltonfall auf der Hammondorgel beim „Erzgebirge-Männchen-Schnitzer-Blues“.

          Musik oder Klamauk, das war für Helge Schneider nie eine Gewissensfrage. „Quatsch mit Jazz“ hat er sein Medium einmal genannt, und das trifft seine Kunst ziemlich genau. Sein Quatsch allein macht nicht immer glücklich. Wenn aber Quatsch und Jazz zur Deckung kommen, kann bei ihm aus dem Spiel auf dem Saxophon, der Orgel oder dem Tasteninstrument auch einmal fabelhaft anarchischer Free Jazz werden, ohne dass sich der Musiker vom Komiker bloßgestellt fühlen muss. Irgendwie ist der Jazz stets das Karnickel, das er aus dem Hut zaubert. Es ist sein großer, immer wieder funktionierender Trick: dass er wirklich spielen kann. Hoffentlich noch lange. An diesem Sonntag wird Helge Schneider sechzig Jahre alt.

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