Home
http://www.faz.net/-gsb-74h9c
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

„Heiter bis tödlich - Hauptstadtrevier“ Heiter bis kläglich

Wenn eine junge Elitepolizistin auf aktenliebende Beamte stößt, helfen nur noch mehr Klischees: Die Vorabendserie „Heiter bis tödlich“ jetzt auch in der Hauptstadt.

© ARD/Daniela Incoronato Vergrößern Julia Klug (Friederike Kempter) und Johannes Sonntag (Matthias Klimsa) bei der Arbeit

Tippen Polizeibeamte ihre Protokolle wirklich noch auf der Schreibmaschine, wie es Jürgen Klug in seinem Berliner Polizeipräsidium tut? Und lagert ein Spätkauf in Berlin tatsächlich so viele Pakete an Toilettenpapier, dass man sie bis unter die Decke stapeln kann? Normalerweise besitzt ein solcher „Späti“ auch keine Toilette für seine Kunden. Berlin, immer wieder Berlin, Deutschlands coolste Stadt und Spielstätte fast sämtlicher deutscher Filme des letzten Jahres.

Die neue Vorabendserie im Ersten namens „Hauptstadtrevier“ ist weder etwas für echte Polizeibeamte noch für echte Berliner, sondern nur für welche, die es gerne sein würden. Gleich die erste Szene in der Episode „Betrug macht klug“ soll die ständig als charakteristisch beschriebene Ruppigkeit der Berliner vermitteln: Ein Spätkaufbesitzer regt sich darüber auf, dass eine Mutter ihr Kind in seinen Räumlichkeiten wickelt. Nachdem sie ein wenig mit ihren großen Augen gekullert hat, besinnt der Mann sich eines anderen. Just in diesem Moment wird der Kiosk überfallen und die junge Frau entpuppt sich als Hauptfigur der Serie. Grundriss der Geschichte: Alleinerziehende Mutter zurück in ihrer Heimatstadt Berlin, Polizistin, wie alle in der Familie, und viele eigenartige Kollegen. Konflikte sind zu erwarten.

Klischee und Konfrontation

Der rote Faden, der sich durch die Geschichten zieht, ist die Vergangenheit der Hauptperson Julia Klug (Friederike Kempter), die dem Zuschauer häppchenweise verabreicht wird. Auf einmal steht sie da, die mehrfach ausgezeichnete Elitepolizistin, die auszog, um „mehr vom Leben zu haben und ihre Träume zu leben“ und tritt im Betrugsdezernat an. Es geht um das Klischee, dass eine junge, überengagierte Polizistin von abgestumpften Beamten eingegrenzt wird und die alte Frage, wie weit der Ermessensspielraum der Gesetzeshüter reicht. „Ich habe gelernt, zu schießen, bevor der andere es tut, aber hier hockt man lieber herum und wartet auf seine Pension“, wird Julia Klug schon bald sagen.

Die Beamten in der Polizeidirektion 7 am Spittelmarkt in Berlin-Mitte sind eine Typensammlung, wie man sie kennt: Da gibt es die strenge und sich ihrer Weiblichkeit bewusste Chefin Marei Schiller (Julia Richter) und den Vorzeigebeamten Johannes Sonntag (Matthias Klimsa), der es liebt, in Akten zu stöbern. Julia Klug und Kollege Sonntag gehen von der ersten Sekunde an auf Konfrontationskurs, warum, das weiß nur das sich fest an Klischees haltende Drehbuch.

Mehr zum Thema

Dieses „Hauptstadtrevier“ bietet Stoff für eine Seifenoper und gibt nicht vor, etwas mit einem echten Krimi zu tu zu haben – was für alle Stücke der Sammelreihe „Heiter bis tödlich“ im Ersten gilt. Wobei sich der Witz auf bescheidenste Wortspielchen beschränkt: „Frau Klug, seien Sie doch ein kluges Mädchen.“ Doch nicht nur die Dialogen sorgen für ein hölzernes Ambiente, die Schauspieler überbieten sich an Künstlichkeit, allein Friederike Kempter schafft es zuweilen, ihre Rolle authentisch zu verkörpern. Das Vorhaben der ARD,unter dem Rubrum „Heiter bis tödlich“ am Vorabend moderner zu wirken, schlägt im „Hauptstadtrevier“ fehl.

Heiter bis tödlich - Hauptstadtrevier läuft dienstags um 18.50 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nach tödlichen Schüssen Polizei in Ferguson testet Waffen-Airbag

Nach dem Tod eines schwarzen Jugendlichen und den darauf folgenden Rassenunruhen will die Polizei von Ferguson weitere tödliche Schüsse verhindern: Ein Airbag in Größe eines Tischtennisballs soll die Kugeln bremsen. Die Handhabung hat allerdings ihre Tücken. Mehr Von Christiane Heil, Los Angeles

18.02.2015, 08:19 Uhr | Gesellschaft
Berlin Festnahmen bei Razzien in Salafistenszene

Die Berliner Polizei hat bei Razzien in der Salafistenszene zwei Personen festgenommen. Im Einsatz waren 250 Beamte und drei Spezialeinsatzkommandos. Mehr

16.01.2015, 09:36 Uhr | Politik
Verbot von Rockerclub Feucht durchwischen bei Satudarah

Zum ersten Mal wird ein bundesweites Verbot gegen eine Rockerbande erlassen. Bisher war die Wirkung solcher Maßnahmen begrenzt. Doch interne Querelen zeigen: Die Verunsicherung in der Rockerszene steigt.  Mehr Von Reiner Burger und Eckart Lohse, Duisburg/Berlin

24.02.2015, 21:00 Uhr | Politik
Bodycams im Einsatz Immer mehr Videokameras an Polizeiuniformen

Polizeibeamte zeichnen ihre Einsätze mit Videokameras an der Uniform auf - diese Idee findet seit den tödlichen Schüssen eines Polizisten auf einen unbewaffneten amerikanischen Teenager im August zunehmend Anhänger. Die sogenannten Bodycams sollen demnächst auch in Frankfurt am Main getestet werden. Mehr

01.10.2014, 16:06 Uhr | Gesellschaft
Masern und die Folgen Eltern der todkranken Aliana appellieren, Impfungen ernst zu nehmen

Was fehlender Impfschutz vor Masern anrichten kann, erleben die Eltern der fünfjährigen Aliana aus Bad Hersfeld täglich. Sie warnen angesichts der massiven Masernwelle, unbedingt vorzusorgen. Mehr

27.02.2015, 15:09 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 20.11.2012, 16:29 Uhr

Unser Bodo

Von Michael Hanfeld

„Astreine One-Man-Show“? Salve.TV sinkt vor Thüringens Ministerpräsident in den Staub. Kritisch-distanzierter Blick? Journalistisches Prestige? Eine mediale inszenierte Sendung mit und vor allem für einen Politiker. Mehr 16 40