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Hass im Netz : Und dann hatten sie seine Adresse

Der Journalist Richard Gutjahr berichtet aus eigenen Erfahrungen über Hetze im Internet. Bild: Picture-Alliance

Seit eineinhalb Jahren ist Richard Gutjahr Hass im Netz ausgesetzt – besonders bei Youtube. Wenn nicht alle umdenken, schreibt der Journalist in seinem Blog, wird auch das Netzwerkgesetz nichts ändern.

          Sie nennen ihn einen „dreckigen Hund“, seine Familie „die Monster der Hölle“ und schreiben, er gehöre gehängt. Es war ein bloßer Zufall, der Richard Gutjahr so viel Hass einbrachte. Zweimal war der Journalist und Moderator zufällig Zeuge von schockierenden Gewalttaten, die viel Aufmerksamkeit erzeugten. Mit seiner Familie besuchte er am 13. Juli 2016 die Feierlichkeiten an der Strandpromenade in Nizza und beobachtete aus dem Fenster eines Hotels, wie ein weißer Lastwagen in die Menschenmenge fuhr. In den Stunden und Tagen danach berichtete Gutjahr für die ARD, seine spontane Aufnahme des islamistischen Terrorakts, der 86 Opfer forderte, wurde weltweit in Nachrichten und im Netz verbreitet. Eine Woche später war er in München, wo er für den Bayerischen Rundfunk arbeitet, als einer der ersten vor Ort, als die Schüsse am Olympia-Einkaufszentrum fielen.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zugegebenermaßen eine erstaunliche, bittere Koinzidenz, von der man sich in den Tagen nach dem Amoklauf in München erzählen konnte. Für andere bot Gutjahrs Präsenz Stoff für Verschwörungstheorien, umso mehr, als bekanntwurde, dass er mit einer Israelin verheiratet ist, die eine Weile als Abgeordnete in der Knesset gesessen hatte. Unter dem Schlagwort „inszenierter Terror“ kam allerlei Antisemitisches und Groteskes zusammen, wurde geklickt und kommentiert: Er sei Teil einer internationalen Verschwörung mit dem Ziel, durch inszenierte Terrorakte die Weltherrschaft zu erlangen. Er sei Agent des israelischen Geheimdienstes oder werde von diesem mit Informationen versorgt.

          Die Kloake des Internets

          In seinem Blogbeitrag „Unter Beschuss“ hat Gutjahr, der sich selbst seit Jahren mit den Möglichkeiten und Schwachstellen digitaler Kommunikation beschäftigt, die Debatte um das Netzwerkdurchsetzungsgesetz zum Anlass genommen, von seinem schon zwei Jahren dauernden und nicht enden wollenden Kampf gegen Hetze im Internet zu berichten. „In den zurückliegenden Monaten habe ich viel gelernt über US-Konzerne wie Facebook oder Google, über unser Rechtssystem und über die tatsächliche Strafverfolgung von Hatespeech“, schreibt der Journalist. Seit achtzehn Monaten erhalte er per Mail, Twitter, Youtube-Videos und Facebook Drohungen. Auf Youtube, für Gutjahr als Diskussionsforum „die Kloake des Internets und Nährboden für rechte Bewegungen“, zählte er fast achthundert Hassvideos über sich und seine Familie.

          Zunächst versuchte es Gutjahr mit Passivität. Aber als immer mehr Äußerungen sein privates Umfeld einbezogen, meldete er die beleidigenden Videos und Kommentare und forderte deren Löschung. Einige von ihnen verschwanden, Nutzerkonten wurden gesperrt. Aber nach wenigen Wochen, schildert Gutjahr, seien sie wieder da gewesen. Er berichtet von einem besonders verstörenden Fall: Weil seine Meldungen keinen Erfolg hatten, berief er sich auf sein Urheberrecht. In vielen Fällen war sein eigenes Videomaterial verwendet worden. Youtube sperrte daraufhin einige Videos, informierte die Urheber über die Vorwürfe und verschickte schließlich Gutjahrs E-Mail- und Wohnadresse mit der Empfehlung, sich doch bitte untereinander zu einigen. Kurz darauf war sein Kontakt öffentlich.

          Kein anonymer Brief

          Youtube beruft sich nach den Vorwürfen darauf, zu Beginn einige Videos auf Inhaltsrichtlinien geprüft zu haben und keine konkreten Drohungen festgestellt zu haben. Verschwörungstheorien allein, so ein Sprecher, reichten nicht für eine Sperrung aus. Bei Urheberrechtsstreitigkeiten gebe es überdies ein standardisiertes Prozedere: Wenn die Aussagen des Uploaders und des Beanstanders einander widersprächen, würden die Inhalte geblockt und die Nutzer miteinander in Kontakt gebracht, um sich juristisch begegnen zu können. Das geschehe automatisch. Wer dreimal gegen Urheberrecht verstoße, werde gesperrt – genauso wie jemand, der „schwerwiegende“ Hassinhalte publiziere.

          Richard Gutjahr hat es anders erlebt und bezeichnet Unternehmen wie Google und Facebook deshalb als scheinheilig. Die Zahl der aktiven Nutzer stehe für sie über allem anderen. Seiner Ansicht nach wird im Netz geltendes Recht nicht schnell und konsequent genug angewendet. Gesetze gegen Beleidigung oder Verleumdung gibt es schließlich schon lange. „Die behandeln einen Hasspost wie einen anonymen Brief, den nur ich lesen kann“, sagt Gutjahr.

          Daran ändert auch das neue Gesetz nichts. In der ersten Behördenzuschrift, die Gutjahr in diesem Jahr bekam, wurde beanstandet, dass im Impressum seines Blogs eine Adresse fehle: eine bewusste Entscheidung, die ihm von der Polizei selbst empfohlen worden war. Das Netzwerkgesetz, so Gutjahr, sei nicht vergebens, täusche aber über das Problem hinweg: „Nichts, was meine Peiniger mir und meiner Familie in den vergangenen achtzehn Monaten angetan haben, wäre auch ohne Netzwerkdurchsetzungsgesetz erlaubt gewesen, online wie offline.“

          Gutjahr hat die Erfahrung gemacht, dass die Hassvideos nicht verschwinden. Im Gegenteil: Wer gegen sie vorgeht, kann davon ausgehen, dass eine Flut von Bildern, Videos und Kommentaren nachrückt. Er zeichnet ein düsteres Bild von der Entwicklung der Hetze im Netz. „Diese Menschen haben ein Vakuum erkannt und sich dort breitgemacht. Sie kennen sich aus und haben damit eine gigantische Macht erlangt.“ Er fordert, dass sich alle mit dem Thema befassen sollten, und gibt anderen Betroffenen Ratschläge. Dazu gehöre auch, die Parallelwelt vor den eigenen Augen überhaupt erst zu erkennen. Den Informationskrieg im Netz, so Gutjahr, sollen schließlich nicht die Falschen gewinnen.

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