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Donnerstag, 20. Juni 2013
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FAZ.NET-Frühkritik „Hart aber fair“ Plasbergs blasse Fahrstunde

 ·  Hart aber fair soll es um (politische) Aufreger rund ums Auto gehen. Daraus wird Fahrschule mit Manuel Andrack. Der Verkehrsminister kann einem leid tun.

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Zum Thema „Blitzer, Steuern, Citymaut – Freie Fahrt nur für reiche Bürger“ kann offenbar jeder etwas beitragen. Wie anders ist es zu erklären, wie sich diese Runde zusammensetzt. Man muss mit Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer kein Mitleid haben, grundsätzlich nicht, aber an diesem Abend schon. Zur Diskussion sind angetreten Formel 1-Reporter Kai Ebel, Manuel Andrack (Journalist und Autor), Heidi Hetzer (ehemalige Inhaberin eines Opel-Autohauses) und – na immerhin – Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer, der nichts fährt außer Elektrofahrrad und Bus.

Der Klamauk der ersten Viertelstunde fördert zutage, dass der Minister in einem BMW 730 Diesel (Plasberg hart: Dürfen Sie den selbst konfigurieren?) chauffiert wird, dass die rüstige 75 jährige Frau Hetzer mit 14 Jahren im Auto von der Polizei erwischt worden ist und heute eine Handtasche in Autoform mitführt, die sogleich auf Lippenstift und Taschenmesser durchsucht wird. Dass Herr Ebel einen Porsche Cayenne (auch Diesel, das ist wichtig, weil nicht so prollig) bewegt und noch nie einen blauen Ferrari gefahren hat und dass Herr Andrack mit 46 Jahren den Führerschein gemacht und dafür fünfzig Fahrstunden gebraucht hat. Erkenntnisgewinn zum Thema? Null.

Das Niveau sinkt in die Handtasche

Dann greift Plasberg an und fragt: Was wäre schlimmer, VW Passat fahren oder ein Tempolimit. Zum Glück gibt keiner eine rechte Antwort, der Zuschauer hätte nun die Chance ergreifen können und abschalten, aber er hört Andrack sagen: „Tempolimit ist eigentlich ne geile Sache“. Jetzt kommt endlich mal ein ernsthaftes Argument. Ramsauer sagt, 95 Prozent aller Straßen in Deutschland unterlägen sowieso schon einem Tempolimit. Und 40 Prozent der 12850 Kilometer Autobahn auch. Ob die Politik denn alles regulieren müsse und jeden Freiraum zuschütten, fragt der Minister in Richtung des grünen Oberbürgermeisters, der antwortet, wenn ohnehin nur noch so wenig Strecken unreguliert wären, dann käme es auf den Rest auch nicht mehr an. Neuigkeitswert zum Thema? Null.

Ingenieurskunst? Rasende Chinesinnen!

Es wäre der Moment, in dem einem der Beteiligten einfallen könnte, über Ingenieurskunst zu sprechen. Warum die ausgefeilten Autos aus deutschen Unternehmen in der ganzen Welt so erfolgreich sind. Warum es sich lohnt, Leistungsdaten auf Spitzenwerte auszurichten anstatt sich in Mittelmäßigkeit einlullen zu lassen. Warum andere Hersteller, denen es nur um Fortbewegung von A nach B geht technisch und wirtschaftlich abgehängt werden – samt der daran hängenden Arbeitsplätze. Nichts von dem kommt zur Sprache. Der erstaunlich ruhige Formel 1 Reporter sagt noch, wenn man den Sicherheitsabstand einhalte, dann drängele sich immer einer rein, womit er zweifellos recht hat, wie überhaupt er mit vielem was er sagt recht hat, weil es so profan ehrlich ist.

Ein kurzer Schlagabtausch zwischen Ramsauer und Palmer, Politiker unter sich, es wird einen Moment lang laut, Palmer ruft zu Ramsauer: „Rauchverbot, Kleinkriminellenregeln, Bußgeldkatalog - Sie sind der schlimmste Verbotsminister“, dann geht Plasberg dazwischen und spielt das nächste Video ein: Chinesen im Geschwindigkeitsrausch. Aha, selbst die Chinesen kommen nach Deutschland und hämmern jauchzend im Porsche über die Autobahn. Ist natürlich rasend gefährlich. Erkenntnisgewinn? Keiner. Man könnte über die Einstellung der Jugend reden, ob sie das Auto noch so hoch schätzt wie früher (tut sie nicht, aber wieder mehr als vor kurzem noch), man könnte über das Ansehen im Ausland sprechen und warum die Chinesin im Porsche jauchzt und was daraus folgt. Fehlanzeige.

Tübingen: Strafzettel für 3,2 Millionen Euro

Ewig alte Argumente pro und contra Tempolimit werden ausgetauscht, dann sind die Blitzer dran, die je nach Sichtweise der Verkehrssicherheit oder der Abzocke dienen. Erkenntnisgewinn? Oh ja, die Stadt Tübingen wollte im vergangenen Jahr 2,88 Millionen Euro aus Bußgeldern einnehmen und hat 3,2 Millionen erreicht. Das muss jetzt aber auch in die Straßen fließen, mahnt der Verkehrsminister. Das tut es, und noch viel mehr, sagt der Oberbürgermeister. Da fährt einer mal 60, wo 50 erlaubt ist und wird als Raser an den Pranger gestellt, das kann doch nicht wahr sein, sagt der Formel 1 Reporter, und schiebt hinterher, er rede nicht von Straßen an Schulen, da müsse man natürlich langsam machen und scharf darauf achten, sehr vernünftig, der Mann, wie gesagt.

Irgendeiner ruft „Geldmacherei“. City-Maut (der grüne Oberbürgermeister will 1 Euro je Tag), Autobahngebühr (Ramsauer will eine Vignette, was im Getümmel nicht weiter erörtert wird, dabei hätte man über nutzungsabhängige Preiserhebung versus starre Kraftfahrzeugsteuer debattieren können), Ökoteuer für die Rentenkasse (ein Halbsatz) sind die nächsten Versatzstücke.

Auf die Radfahrer

Dann noch etwas Radfahrerbashing (Hetzer: Die Radfahrer erlauben sich alles; Andrack: Ich bin immer ganz normal Rad gefahren, wenn’s angesagt oder zu eng war halt auf dem Bürgersteig oder gegen die Einbahnstraße; Palmer. So was können sie als OB nicht machen, alle anderen sind allerdings in der Gefahr die Regeln zu brechen), das Ramsauer in ernsthaftere Bahnen lenkt: Zu beobachten sei ein dramatischer Anstieg an Radunfällen in den Städten, man müsse das Radfahren sicherer machen. Bevor das Thema zu tiefsinnig werden kann, übernimmt Plasberg das Kommando und führt ein reichlich peinliches Verkehrszeichenquiz durch. Jeder darf sich nach Kräften blamieren, wie lustig.

Die Zuschauerrundenfrage bringt auch nichts Erhellendes, nichts Hartes und nichts Faires, einfach nichts außer den Schlagworten Melkkuh, Abzocke, Blitzerallee. Fast wäre die Sendung ohne das Thema Frau am Steuer zu Ende gegangen, aber an diesem Abend wird ja nichts ausgelassen, also darf noch mal der 7.Sinn von 1988 ran, die Sendung, in der Frauen nicht einparken können, aus Unfähigkeit und wegen der Schuhe, woraufhin die 75 jährige Frau Hetzer ihr Bein emporschwingt und ein flammendes Plädoyer für Stöckelschuhe (auch und gerade hinterm Lenkrad)  hält – schön schlagfertig, die Dame.

Frau Ramsauer kann Auto fahren

Herr Ramsauer indes lässt sich gern von seiner Gattin oder einer der vier Töchter fahren, er findet da nichts dabei, und das wäre ein erträgliches Schlusswort gewesen, wenn nicht Manuel Andrack (weshalb war der noch mal dabei?) dabei gewesen wäre. So darf der Zuschauer noch mit Herrn Andrack eine Runde Fahrschule erleben, die rein zufällig gefilmt wurde. Mit welchem Auto und mit wem man denn gerne mal eine Runde auf dem Nürburgring fahren wolle, möchte der Moderator zum Abschluss von seinen Gästen wissen, nicht ohne sich Sorgen um die Unterbringung der Handtasche im Ferrari zu machen.

Die beiden Politiker verbünden sich, fahren gemeinsam los und tauschen die Plätze „am Nordring, oder wie das heißt“. Es heißt Nordschleife. Aber das ist jetzt auch egal. Eine Stunde und fünfzehn Minuten zum Thema „Freie Fahrt nur für reiche Bürger“. Ein Stunde und fünfzehn Minuten in einem schönen Auto durch die Gegend gefahren, den Duft der weiten Welt geatmet, dem Knistern der Ledersitze gelauscht und den Klang des feinen Motors genossen, das hätte mehr gebracht, mehr Erkenntnisse, mehr Zutrauen in individuelle Freiheit, mehr Freude auch.

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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für „Technik und Motor“.

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