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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Heuchelei als Geschäftsmodell

  • -Aktualisiert am

TV-Moderator Frank Plasberg diskutiert mit seinen Gästen über fragwürdige Arbeitsbedingungen. Bild: WDR/Dirk Born

Abbau von Arbeitsplätzen bei Siemens, miserable Arbeitsbedingungen von Paketzustellern: Bei Frank Plasberg werden Konzerne als vaterlandslose Gesellen beschimpft. Es geht aber auch um die Verantwortung der Konsumenten.

          Bei der Bilanz-Pressekonferenz meldete Siemens kürzlich ein Rekordgeschäftsjahr. Eine Woche später kündigt das Unternehmen die Schließung von Werken in Leipzig und Görlitz und die Entlassung von rund 3400 Mitarbeitern in Deutschland an. Ist das Manchester-Kapitalismus, wie der SPD-Vorsitzende Martin Schulz sagte, oder ist das der Abschied von einem Geschäftsmodell, das noch bis vor kurzem auf enge Zusammenarbeit mit den Betriebsräten gesetzt hat?

          Auf Kante genäht?

          Das Beispiel Siemens ist schlecht gewählt. Managementfehler eignen sich gut für Skandalisierung. Sie verstellen den Blick auf die Gesamtlage am Arbeitsmarkt. Die Bezieher niedriger und mittlerer Einkommen haben vom Wirtschaftswachstum nicht profitiert. Die realen Bruttolöhne der unteren 40 Prozent liegen heute niedriger als 1995. Bei Einstellungen kommt es immer häufiger zu Befristungen. Der viel gelobte Boom scheint auf Kante genäht zu sein. Die Vorzeigebranche des Exportweltmeisters hat sich durch Tricks in der Abgasbehandlung weltweit in Misskredit gebracht. Zugleich betrifft die Digitalisierung von Arbeitsprozessen inzwischen auch hoch qualifizierte Menschen. Schließlich gibt es durch die niedrige Bewertung des Euros Wettbewerbsvorteile für deutsche Exporte. Mit anderen Worten: Die scheinbar rosige Lage ist nicht von Dauer.

          Die Sozialdemokratin und Gewerkschafterin Leni Breymaier zeigt in der Sendung „Hart aber fair“ von Frank Plasberg ihren Ärger darüber, dass Siemens nicht auf Konzepte der Betriebsräte eingeht. Roland Tichy warnt davor, dass gute Arbeitsplätze auf Dauer verloren gehen und durch schlecht bezahlte ersetzt werden. Bernhard Emunds, Theologe und Ökonom am Nell-Breuning-Institut der Hochschule Sankt Georgen, beschreibt die Siemens-Entscheidungen als Folge eines Wandels in der Unternehmenskultur. Die Finanzer haben nun das Sagen, die Ingenieure das Nachsehen. Joe Kaeser wehrte sich mit einem offenen Brief im „Handelsblatt“ gegen die Vorwürfe von Martin Schulz, was nichts daran ändert, dass die Schließung des Werks in Görlitz die Stadt vor ein massives Problem stellen wird.

          Abgedichtete Verbandsprosa

          Florian Gerster, einst Arbeitsminister in Rheinland-Pfalz, später kurzzeitig der erste Chef der Arbeitsagentur, wirkt wie ein Schatten seiner selbst. Heute ist er Präsident des Bundesverbandes der  Paket- und Expresslogistik, mithin jemand, der seine sozialpolitische Herkunft noch nicht vergessen hat, heute aber in abgedichteter Prosa die tatsächlichen Beschäftigungsverhältnisse der von ihm repräsentierten Branche beschönigt. Tichy spielt an diesem Abend über Bande und bezeichnet große Konzerne als vaterlandslose Gesellen. Das sollten die Konzerne sich merken.

          Michael Hüther, Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft, verteidigt Siemens pflichtgemäß mit Hinweis auf Ausbildungsplätze und geplante Neueinstellungen. Dass die nicht in Görlitz stattfinden, steht auf einem anderen Blatt.

          Durchschnittslöhne von drei bis vier Euro

          Was für Arbeitsplätze ersetzen wegfallende gut bezahlte Industriearbeitsplätze? Sind Lieferdienste, treppauf, treppab, die Arbeitsplätze der Zukunft? Eine TV-Reportage von Dieter Könnes über Paketzusteller nährt Zweifel. Er berichtet von 12-bis-13-Stunden-Tagen, von Durchschnittslöhnen bei 6,50 Euro, im Sauerland eher bei drei bis vier Euro die Stunde. Wer im Regierungsbezirk Arnsberg 100 Pakete zustellen muss, landet am Ende als Subunternehmer bei Einnahmen von 70 Cent pro Paket.

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