03.08.2010 · Der zweiundneunzig Jahre alte Unternehmer Sidney Harman übernimmt das Nachrichtenmagazin „Newsweek“. Einen symbolischen Dollar soll Harman für das traditionsreiche Heft gezahlt haben, das der Washington Post Company nur noch Verluste einbrachte.
Von Jordan Mejias, New YorkOb es ein Schnäppchen war, wird sich zeigen. Wenn auch der Käufer, wie das Gerücht ging, nur einen einzigen Dollar für sein neues Spielzeug hinblättern musste, könnte es ihn doch noch teuer zu stehen kommen. Denn das Nachrichtenmagazin „Newsweek“, das zum Vorzugspreis nun den Besitzer wechselt, ist alles andere als frei von finanziellen Verpflichtungen, und wie es nach jährlichen Verlusten von 28,1 und 19,4 Millionen Dollar („Newsweek“ steht zum Verkauf) in ein profitables oder zumindest sich selbst tragendes Produkt zu verwandeln wäre, dürfte auch Sidney Harman noch nicht wissen. So heißt der Mann, dem die Washington Post Company ihr traditionsreiches Heft anvertraut.
Harman, der diesen Mittwoch seinen zweiundneunzigsten Geburtstag feiern darf, gründete in den fünfziger Jahren ein Unternehmen, das heute weltweit zu den bedeutendsten Herstellern von Audiogeräten gehört. Journalistisch hat der Elektronikpionier, kulturell engagierte Unternehmer und Philanthrop, der kurz auch im Wirtschaftsministerium unter Präsident Jimmy Carter tätig war, bisher noch keine Ambitionen an den Tag gelegt.
Ein Medienunternehmen, das den alten Besitzern zugesagt hätte, fand sich offenbar nicht bereit, „Newsweek“ zu erwerben und einen Neuanfang zu wagen, der in gedruckter Form eine völlig andere Nachrichtenbehandlung anpeilen oder vielleicht sogar exklusiv ins Internet führen könnte. Harman dagegen gehört zweifellos zu den Magazinliebhabern, auf deren Interesse die Washington Post Company zuletzt ihre ganze Hoffnung setzte. Donald E. Graham, der Chef des Medienkonzerns, soll auf einen Besitzerwechsel ohne dramatische Kursänderung hingearbeitet haben. Anscheinend hat Harman ihm versichert, weder die Zahl der Beschäftigten drastisch zu senken noch redaktionell eine Revolution anzuzetteln. Graham erklärte zu dem Verkauf, wie die Washington Post Company sei Harman überzeugt von der Wichtigkeit des Qualitätsjournalismus. Er habe versichert, ein flottes, fesselndes und erstklassiges Nachrichtenmagazin herauszugeben und darüber hinaus eine ebenso dynamische Internetausgabe.
Glauben an die Printmedien
Für Graham geht es dabei auch um die Ehre der Familie, in deren Besitz „Newsweek“ sich seit mehr als einem halben Jahrhundert befand. Von Harman, dessen Gattin Jane als demokratische Abgeordnete einen südkalifornischen Wahlkreis in Washington vertritt, kann Graham erwarten, dass er am politischen Generalkurs von „Newsweek“ festhält und jedes extravagante Schlenkern nach links und rechts vermeidet. In der Verkaufsankündigung der Washington Post Company wird Harman mit den Worten zitiert, er freue sich auf eine große journalistische, geschäftliche und technologische Herausforderung. „Newsweek“ bezeichnete er als nationales Kulturgut. Aber allein im Vertrauen aufs Altbewährte wird das Magazin kaum zu retten sein. Will Harman nicht nur Wohltäter spielen, sondern irgendwann auch einmal aus der Verlustzone herausfinden, muss er einen Weg beschreiten, der nur mit Risiken bepflastert in die Zukunft führt.
„Newsweek“ wurde in den letzten Jahren mehrmals neuerfunden, zuletzt als anspruchsvolle Meinungsplattform nach dem Vorbild des „Economist“. Chefredakteur Jon Meacham hatte damit kein Glück und wird sich verabschieden, sobald der Deal perfekt ist. Sein Weggang war unvermeidlich geworden, auch weil er selbst alles darangesetzt hatte, mit einigen Investoren das Magazin zu übernehmen. Harman, der als Chef kein Mikromanager sein soll, hat sich sogleich zu seinem Glauben an die Printmedien bekannt. Dass er zweistellige Millionenbeträge ausgeben muss, bevor im besten Fall auch nur Aussicht auf eine journalistische und finanzielle Gesundung von „Newsweek“ besteht, stört Harman nicht. Er hat viel Zeit. An der University of Southern California hielt er vor zwei Jahren einen Vortrag, der den Titel trug: „Das Leben beginnt mit neunzig.“ Im Zweiwochenrhythmus pendelt er zwischen Washington und Los Angeles, spielt regelmäßig Golf und schreibt seine Gesundheit seinen Genen zu. Seine Mutter, meint er, sei allerdings vorzeitig gestorben. Sie wurde achtundneunzig Jahre alt.
Harman ist brillant!
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 03.08.2010, 10:58 Uhr