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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Hariri-Mord Eine libanesische „Spiegel“-Affäre

 ·  Die Hizbullah habe Libanons langjährigen Ministerpräsident Rafiq Hariri ermordet, behauptet „Der Spiegel“. Der französische „Figaro“ schrieb das schon vor drei Jahren - unter Berufung auf sehr parteiische Quellen.

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Der „Spiegel“-Autor Erich Follath kann sich der Interview-Anfragen arabischer Journalisten dieser Tage kaum erwehren. Denn sein Artikel „Der zweite Kreis der Hölle“ in der aktuellen Ausgabe des Magazins hat einen Medienaufruhr in Nahost ausgelöst, im Libanon zierten Reaktionen auf die Story diese Woche viele Titelseiten.

Follaths simple, wenngleich explosive These: Nicht Syrien, sondern die Hizbullah Generalsekretär Hassan Nasrallahs habe im Februar 2005 den langjährigen libanesischen Ministerpräsidenten Rafiq Hariri ermordet.

Aus internen Papieren nicht zitiert

Die schiitische „Partei Gottes“ reagierte prompt: „Pure Medienerfindungen“ seien das, teilte die Organisation noch am Wochenende nach Erscheinen einer Kurzversion des Artikels auf „Spiegel Online“ mit. Nasrallah selbst bezeichnete den Bericht am Montag als „israelischen Schuldspruch“: Die Folgen der Veröffentlichung könnten schlimmer ausfallen als der Angriff christlicher Milizen auf einen von Palästinensern benutzten Bus im April 1975 im Beiruter Stadtteil Ain al Roumaneh - der Auslöser für den erst 1990 beendeten Bürgerkrieg.

In seinem brisanten Bericht beruft sich der diplomatische Korrespondent des „Spiegel“ auf Quellen „aus dem Umkreis“ des 2007 vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verabschiedeten, im März dieses Jahres eingerichteten Libanon-Sondertribunals im Haag. Belegen ließe sich der Verdacht der Hizbullah-Verwicklung „durch Einsicht in interne Papiere“.

Aus denen freilich zitiert Follath nicht - und auch die Behauptung, Syriens Präsident Baschar al Assad gerate durch die neuen Erkenntnisse „aus der Schusslinie“, wird nicht durch weitere Fakten erhärtet.

Enge Verbindungen zu Syrien

„Kaum etwas spricht mehr dafür, dass er persönlich von dem Mordkomplott gewusst oder es sogar in Auftrag gegeben hat“, schreibt Follath über Assad, den er im Januar in Damaskus interviewte - obwohl zuvor mehrere UN-Untersuchungsberichte zu dem Schluss gelangt waren, der wohl mit mehr als tausend Kilogramm Sprengstoff durchgeführte Anschlag habe sich ohne Beteiligung staatlicher Stellen in Damaskus und Beirut nicht verwirklichen lassen.

Hinzu kommt, dass die Verbindungen zwischen der schiitischen Parteimiliz und den syrischen Staathaltern im Libanon äußerst eng waren: Nur wenige Wochen nach dem Anschlag überreichte Nasrallah dem scheidenden syrischen Geheimdienstchef in Beirut, Rustom Ghazale, zum Dank für die fast drei Jahrzehnte währende syrische Truppenpräsenz in der Zedernrepublik ein Gewehr.

Auch der spätere Rücktritt der Hizbullah-Minister aus der Regierung in Beirut kam nur auf syrischen Wunsch zustande - das Assad-Regime drängte mit aller Macht darauf, die von Ministerpräsident Fuad Siniora und Hariris Sohn Saad geforderte Einrichtung eines Tribunals zur Aufklärung des Mordes zu verhindern.

Doppelmoral des Westens

Im Gespräch mit dieser Zeitung räumte Follath ein, dass sich der „Spiegel“ mit der Veröffentlichung zwei Wochen vor der libanesischen Parlamentswahl auf einem „schmalen Grat“ bewegt habe - letztlich sei die Entscheidung für den Abdruck aber eine „journalistische“ gewesen: „Es gibt auch eine Verantwortung, Nachrichten, von deren Richtigkeit, Bedeutung und Exklusivität man überzeugt ist, nicht zurückzuhalten. Die Hizbullah-Beschuldigung entlastet schließlich andere, zu Unrecht Verdächtigte.“

Michael Young vom Beiruter „Daily Star“ indes, der dem Hariri-Lager zugerechnet wird, sieht weniger juristische als politische Motive für die Publikation der heißen Informationen: Da Follath seine Quellen nicht politisch einordne, bleibe der Verdacht hängen, prowestliche Kreise im Libanon hätten die Indiskretion gezielt lanciert.

Auch Omar Mashabe von der der Hizbullah verbundenen Tageszeitung „Al Akhbar“ vermutet politische Motive hinter der Veröffentlichung: „Wäre ein solcher Bericht in Deutschland veröffentlicht worden, wenn die Quellen auf israelische Täterschaft hingewiesen hätten?“, fragt er rhetorisch. „Diese Doppelmoral des Westens ist unerträglich.“

Berufung auf parteiische Quellen

Young verweist in seinem Artikel zudem auf ältere Recherchen des französischen Journalisten Georges Malbrunot, der die Parteilichkeit seiner Quellen im Unterschied zu Follath offengelegt habe. Ein „Saad Hariri nahestehender“ Informant habe ihn über ein Netz an Mobilfunkverbindungen unterricht, die eine Täterschaft der Hizbullah nahelegten, schrieb er schon im August 2006 im „Figaro“. „Den ,ersten Kreis der Hölle' nannten die Ermittler diese Handys“, schreibt Follath knapp drei Jahre später.

Auch Ermittlungsergebnisse der Internal Security Forces (ISF) hätten diese Information bestätigt, berichtete Malbrunot - die Einheit gilt als von den Vereinigten Staaten geförderte „Sunnitenmiliz“ Hariris, die nach dem Krieg mit Israel als Gegengewicht zur Hizbullah gestärkt werden sollte. Schon damals war dem „Figaro“ bekannt, was der „Spiegel“ nun als exklusiv verkauft: Durch einen Privatanruf von einem der „heißen Handys“ habe sich einer der mutmaßlichen Täter verraten.

Keine drei Wochen nach Erscheinen des „Figaro“-Berichts übrigens, im September 2006, wurde der mit den Hariri-Ermittlungen befasste ISF-Oberstleutnant Samir Schehadeh bei einem Autobombenanschlag südlich von Beirut verletzt - vier seiner Begleiter starben. Anderthalb Jahre später, im Januar 2008, traf es seinen Mitarbeiter Wissam Eid. Auf wessen Konto diese Anschläge gehen, ist bis heute ungeklärt.

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Jahrgang 1971, Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Kairo.

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