http://www.faz.net/-gqz-vesv

Harald Schmidt wird fünfzig : Ansichten eines Klassenclowns

  • -Aktualisiert am

Unser Harald: Schmidt in der ZDF-Serie „Unser Charly” Bild: dpa/ZDF/Katrin Knoke

Dem Herrn Dompteur war nichts zu schwer: Harald Schmidt wird fünfzig Jahre alt, und das Fernsehen feiert ohne ihn. Dieter Bartetzko über Aufstieg und Niedergang eines von übersteigertem Geltungsbedürfnis enthemmten Moralisten.

          Harald Schmidt, den sogar die Regenbogenpresse längst liebevoll den „Chefzyniker des deutschen Fernsehens“ nennt, ist einem Millionenpublikum gewesen, was vor hundert Jahren Karl Kraus der Wiener und Berliner Hautevolee war - eine Mischung aus Prophet, Klassenclown, notorischem Spielverderber und pathologischem Nörgler, den man, je dreister seine Späße werden und je hartnäckiger er einem die Leviten liest, umso mehr bewundert. Gewesen. Denn inzwischen scheinen die Deutschen, glaubt man den sinkenden Einschaltquoten, ihres Dompteurs überdrüssig zu werden.

          Als Zuchtmeister ist Harald Schmidt ein typisch deutsches Phänomen. Denn in Amerika und England, wo Unterhalter seines Schlags gang und gäbe sind, lacht man unbeschwert über deren gezielte Anstandslosigkeit. In Deutschland schwingt im Gelächter des Publikums die erschrockene Freude von Musterschülern mit, aus deren Mitte sich endlich einmal einer wagt, sämtliche Honoratioren mit Dreck zu bewerfen - und die Furcht, früher oder später selbst aufs Korn genommen zu werden.

          Das Zittern des Musterschülers

          Harald Schmidt ist bekennender Klassenclown. Dass er auch das Zittern des Musterschülers kennt, zeigte sich, als er, zu dieser Zeit noch der uneingeschränkt regierende personifizierte Sarkasmus, im März 2001 Günter Gaus Rede und Antwort stand. Todernst war dieser Harald Schmidt, nervös und verkrampft. Aber er war auch von einer sprachlos machenden Wahrhaftigkeit. Er sei ein sehr konservativer Mensch, bekannte er und gab - daher wohl auch die Gnadenlosigkeit, mit der er Neulinge, den alten Adam herauskitzelnd, in Grund und Boden stampft - ein manifestes Misstrauen gegen alles Neue zu.

          Unser Harald: Schmidt in der ZDF-Serie „Unser Charly” Bilderstrecke

          Erstaunt hörte man ihn erläutern, dass er einem ehernen Wertekanon folge, in dem an erster Stelle „eine intakte Familie“ steht, gefolgt vom Wunsch, die eigenen Kinder „klassisch ausbilden“ zu lassen - und vom Bekenntnis zur Ethik des Christentums. Genau betrachtet ist diese Haltung nicht so erstaunlich, wie sie im ersten Moment scheint. Sie passt sogar haargenau zu den Bosheiten, der Häme und den Geschmacklosigkeiten des Mannes, der sich vom Klassenclown zum Henker aller Umgangsformen und Denknormen entwickelte: Harald Schmidts Auftritte sind die Ausbrüche eines von übersteigertem Geltungsbedürfnis enthemmten Moralisten. Womit wir wieder beim Karl Kraus des Bildschirms wären.

          In illustrer Gesellschaft

          Schmidt sieht sich anders: Im Grunde sei er Conferencier, erklärte er Gaus. Auf dessen „In diesem altmodischen Sinn?“ antwortete er stolz mit Ja. Denn das Treiben eines Conferenciers greife vor einem Riesenpublikum genauso wie „im Hinterzimmer von Pension Rosi“. Mit dieser Selbsteinschätzung begibt Schmidt sich in illustre Gesellschaft. Nicht nur in die der Legenden Kulenkampff und Frankenfeld, die im bigotten Wirtschaftswunderland bisweilen eine freche Lippe riskierten, sondern auch in die eines Werner Finck, den die Nazis wegen doppelbödiger Moderationen inhaftierten, oder eines Wolfgang Neuss, dessen bissige Monologe die junge Bundesrepublik fürchtete, bis man ihn von Leinwand und Bildschirm verbannte. Harald Schmidt hat in seinen ersten Fernsehjahren mit seinen Attacken und Dreistigkeiten zwar nur Kopf und Kragen als angehender Bildschirmstar riskiert, aber dazu gehört schon sehr viel Mut zum Risiko in unseren medienhörigen Tagen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Brexit-Szenarien : Londoner Finanzmarkt zittert

          Die Ungewissheit über den EU-Austritt Großbritanniens treibt die Anleger um. Finanzexperten warnen vor Spekulationen auf die unterschiedlichen Szenarien – vom weiteren Wertverlust des Pfunds ist die Rede.

          Getöteter Journalist : Die letzten Minuten Khashoggis

          Eine türkische Website veröffentlicht Zitate der letzten Minuten Khashoggis. Demnach seien Auseinandersetzungen Khashoggis mit vier Angreifern zu hören. Eine Stimme konnte identifiziert werden.
          Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn auf einem Bildschirm in Tokio

          Nach Festnahme Ghosns : Firmengeld für Luxusimmobilien

          Frankreich ist Hauptaktionär von Renault – und geht jetzt auf Abstand zu dem festgenommenen Nissan-Renault-Chef Carlos Ghosn. Indes werden neue pikante Details der Affäre bekannt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.