13.09.2010 · Harald Schmidt kehrt zurück zu Sat.1. Damit hat die ARD ein Problem weniger. Bleibt die Frage, was sie mit ihren vielen Talkmastern anstellt. Plasberg hat einen Plan.
Von Michael HanfeldDie Liste der aktuellen Personalentscheidungen der ARD beginnt diesmal bei Sat.1. Die Meldung lautet: Harald Schmidt kehrt im September 2011 mit seiner Talkshow am späten Abend zu dem Privatsender zurück. Es soll der klassische Harald Schmidt sein, wie wir ihn aus seinen alten Sat.1-Zeiten kennen. Acht Jahre lang, von 1995 bis 2003, war er bei und für Sat.1 der unbestrittene König, der „Dirty Harry“ der Late Night. Mit seiner neuen/alten Sendung soll er nun zurückkehren, zweimal wöchentlich um 23.15 Uhr. Der Vertrag wurde für zwei Jahre bis Sommer 2013 geschlossen.
Herbst 2011 - das ist der Termin, zu dem Günther Jauch zur ARD wechselt und dort einen großen Verschiebebahnhof auslöst. Denn Jauch rückt am Sonntag an die Stelle von Anne Will, deren Sendung zu erhalten wiederum die ARD im Wort steht. Die Frage, welche die Intendanten nun auf ihrer gerade stattfindenden Sitzung zu beantworten haben, lautet, an welchem Abend welche Talkshow zu sehen ist. Mit Schmidts Abgang ist der Donnerstag frei - freie Bahn also für vier Talkshows an vier einander folgenden Werktagen - montags Reinhold Beckmann, dienstags oder donnerstags Anne Will oder Sandra Maischberger, mittwochs Plasberg. So könnte die Konstellation lauten, würden Plasberg und mit ihm der mächtige WDR nicht dafür kämpfen, dass „hart aber fair“ nicht erst wie die anderen Talkshows um 22.45 Uhr nach den „Tagesthemen“, sondern schon um 20.15 Uhr beginnt.
Plasbergs Sonderrolle
Ruth Hieronymi, die Rundfunkratschefin des WDR, hatte sich im Gespräch mit den WAZ-Zeitungen zuletzt dafür stark gemacht, Plasberg eine Extrawurst zu braten. Die CDU-Politikerin verfolgt damit eine Linie, die schon ihr Vorgänger Reinhard Grätz (SPD) fuhr. Die Rundfunkratsvorsitzenden des WDR verstehen sich seit geraumer Zeit als Gegen-Intendanten. Wobei im Falle von Ruth Hieronymi die Frage ist, ob sie der Intendantin Monika Piel mit ihren Äußerungen in die Parade fährt oder in stillschweigendem Einverständnis mit ihr handelt. Beim WDR ist der Plan, Plasberg eine Sonderrolle zuzugestehen, nämlich nie aufgegeben worden. Das Verdikt, dass man an der einheitlichen Sendezeit der „Tagesthemen“ um 22.15 Uhr nicht mehr rühren wolle - zuletzt bekräftigt von Lutz Marmor, dem Intendanten des Norddeutschen Rundfunks -, muss ja nicht zwangsläufig bedeuten, dass alle Talkshows erst nach den „Tagesthemen“ beginnen. So konnte man es verstehen, als die ARD im Mai den Jauch-Coup verkündete, muss man aber nicht.
Der WDR jedenfalls ist auf dem aktuellen Intendantentreffen dem Vernehmen nach bemüht, Truppen für Plasbergs 20.15-Uhr-Lösung zu sammeln. Zwei Abende stehen dafür in Rede: der Montag und der Mittwoch. Mittwochs sendet das Erste bislang und mit Erfolg Fernsehfilme; diesen Platz neu zu besetzen forderte den Filmredaktionen einen hohen Tribut ab. Der Montag hingegen ist der klassische Problemtag der ARD, das dokumentarische Programm, mit dem das Erste zu Wochenanfang aufwartet, hat die Erwartungen bis dato nie erfüllt. Montags aber tritt Reinhold Beckmann am späten Abend auf, und mit zwar nachhaltiger Wirkung, wie man zuletzt an der Sendung erkennen konnte, in der er Thilo Sarrazin zu Gast hatte. Beckmann und seine Redaktion haben ein gutes Gespür für Themen und Personen, die für Furore sorgen. Beckmann plant sorgfältig, hat eine Nase für Trends und ein perfektes Timing. Es gäbe keinen Grund, ihm einen schlechteren Platz zuzuweisen.
Geschickte Ausweichtaktik
Einen schlechteren Platz aber hätte er, wenn montags vor ihm Plasberg liefe, nicht zu vergessen, dass am Vorabend künftig Günther Jauch den Talkshowreigen der ARD eröffnet. Wo bliebe Beckmann dann mit seinen Themen und Gästen? Auf dem Dienstag oder dem Donnerstag? Und was bedeutet das wiederum für Anne Will und Sandra Maischberger? Wie auch immer die Intendanten den gordischen Knoten aufdröseln - mindestens eine oder einer wird das Nachsehen haben, und das durchaus unverdient. Der interne Wettbewerb ist schon jetzt hart genug und wird noch härter. Eine kurze Abfolge von Jauch, Plasberg, Beckmann, Will wäre die reine Abnutzungsschlacht.
Da Harald Schmidt dem nun ausweicht und zu Sat.1 wechselt, erweist er sich - gemeinsam mit seinem Produktionspartner Fred Kogel, der hinter dem Deal steckt - abermals als einer der Geschicktesten der Branche. Schmidt wäre im Ersten - wenn überhaupt - vom Herbst des nächsten Jahres an nur noch unter ferner liefen aufgetaucht. Nun muss er sich intern - bei Sat.1 - mit Johannes B. Kerner und Oliver Pocher messen. Doch liegen die drei inhaltlich weit genug auseinander, dass es ohne Blessuren abgehen könnte. Allerdings verschärft sich auch hier die Konkurrenz.
Auf Pochers Spuren
Ein Treppenwitz der Programmgeschichte ist freilich, dass Schmidt seinem einstigen Showpartner Pocher zu Sat.1 folgt. Im vergangenen Jahr hatte Schmidt für den Wechsel des Entertainers der jüngeren Generation nichts als Spott übrig. Seine Witze über das vermeintliche Prekariatsfernsehen der Privaten dürfte sich Schmidt fortan verkneifen. Und wenn er klug ist, nimmt er mit dem Wechsel zu Sat.1 einen neuen Anlauf zu alter Stärke, im Ersten wirkt er seit geraumer Zeit wie ein Auslaufmodell.
Was die Talkshows angeht, belauern sich die Protagonisten und die Sender im Augenblick mit selten gesehener Intensität. Sat.1 ist gerade geschickt in eine Lücke der ARD gestoßen, nun warten wir auf die Reaktion des ZDF, das den Kollegen zuletzt den Unterhalter Jörg Pilawa abgeworben hatte. Wohin die Reise in diesem Talkshow- und Unterhaltungszirkus für die Kollegen bei der ARD geht, werden wir offiziell wohl spätestens am Mittwoch erfahren. Die Intendanten haben eine ebenso reizvolle wie schwierige Aufgabe zu lösen.
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Christian Schneider (xzvh)
- 13.09.2010, 18:02 Uhr
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