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Harald Schmidt im Gespräch Das ist alles Geblubber

24.05.2010 ·  Die Show macht Sommerpause, der Chef spielt derweil Theater in Stuttgart. Das gibt Anlass zu einer Reihe von ernsthaften Fragen an Harald Schmidt: Über Fernsehen und Feuilleton, über das Theater und das Internet.

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Fast dreißig Jahre nach Ihrem Abschluss an der Stuttgarter Schauspielschule, im Alter von 52 Jahren, haben Sie es zu Ihrer ersten Titelrolle gebracht. Nicht „Faust“ oder „Lear“, immerhin aber „Volpone“. Sie sind engagiert am Staatstheater Stuttgart, Sie wohnen im „Hotel am Schlossgarten“, wo schon Ihr Idol Bernhard Minetti abstieg: am Ziel?

Da war ich schon. Titelseite von „Theater heute“. Foto von mir und die Zeile: „Am Ziel“.

Damals, 2003, wurden Sie für Ihren Lucky in „Warten auf Godot“zum „Nachwuchsschauspieler des Jahres“ gewählt.

Und genau deshalb geht die Herausforderung für mich erst richtig los. Das ist jetzt meine erste durchgehende, tragende Rolle.

Wie kam es dazu?

Erst gab es die Idee, den Original- „Volpone“ von Ben Jonson zu machen, aber das habe ich nach dreißig Seiten aufgehört zu lesen. Es mag ein tolles Stück sein – aber Shakespearezeit ohne Shakespeare? Ich hab’s nicht gepackt. Dann sind wir auf diese Soeren-Voima-Bearbeitung gekommen: In der, finde ich, passt die Rolle perfekt zu mir.

Sie spielen einen Millionär, der in einer Klinik liegt und seinen Spaß daran hat, wie all die Erbschleicher vor lauter Gier jegliche Würde verlieren. Es geht um die Zutodepflegemedizin, Überalterung, Hypochondrie, Geiz und Prostitution. Ihr erster Satz: „Geld, meine liebe Frau Doktor, ist Gott“.

Die Überschneidungen mit meiner Show sehe ich auch, aber das ist Zufall. Das Stück ist ja nicht für mich geschrieben worden.

Was wollen Sie sich beweisen?

Ich spiele einfach gern Theater. Ich weiß auch, dass ich damit ein enormes Risiko eingehe, mich lächerlich zu machen.

Ein einziges Mal seit Ihrer Rückkehr ans Theater haben Sie versucht, auf der Bühne nicht Harald Schmidt zu sein. Warum sind Sie den Weg nicht weitergegangen?

Wer weiß, vielleicht kommt ja mal ein Regisseur auf mich zu und sagt, die Rolle liegt weit von dir weg, aber ich traue dir das zu. Andererseits: Warum sollte ich mich und das Publikum quälen?

Weil sich die Zuschauer dann nicht zurücklehnen können und sagen: Ah, Harald Schmidt.

Sie gehen doch auch ins Kino und denken: Ah, Jack Nicholson. Jack Nicholson ist immer Jack Nicholson. Ich will auch nichts anderes als Jack Nicholson sehen.

Kann es sein, dass Sie eine Vorliebe für Rampensäue haben?

Aber selbstverständlich. Ich war immer ein Freund der virtuosen Edelchargen. Ich habe auch alle Ticks, die die draufhaben, zu Hause vor dem Spiegel geübt: das hysterische Lachen, das nasale Reden.

Interessieren Sie sich für die Regisseure von heute?

Ich habe den „Hamlet“ von Michael Thalheimer am Thalia-Theater gesehen und den von Thomas Ostermeier an der Schaubühne. Ich finde Pollesch großartig und auch Rimini-Protokoll. Aber ich gehe in erster Linie ins Theater wegen der Schauspieler.

Damals, als Sie in Bochum als Lucky Ihr Theater-Comeback gaben, lautete der Verdacht, der damalige Intendant Matthias Hartmann wolle mit Ihnen Glamour nach Bochum holen.

Ja, aber dahinter stand ja ein echtes Konzept: dass jemand, der im Fernsehen permanent quasselt, auf der Bühne stumm herumsteht und nur einmal einen kurzen Monolog hat.

Der keinen Sinn ergibt.

Stimmt nicht. Lucky redet keinen Schwachsinn. Beckett hat dazu keine Aussage gemacht, aber wenn Sie den Text lernen, merken Sie: Er ist klar strukturiert in drei Textblöcke: die Einsamkeit des Menschen, die Abgewandtheit Gottes, die Unbewohnbarkeit der Erde.

Die drei großen Fragen Ihrer Show?

Ich habe nie bestritten, dass ich mich in der Tradition von Beckett sehe, um die Latte jetzt mal tief zu legen. Aber wahrscheinlich sind das auch die drei großen Themen von Jogi Löw.

Glauben Sie, dass das Theater eine zeitgemäße Kunst ist?

Ein absolutes Zukunftsmedium, das Theater. Im Gegensatz zu Daniel Kehlmann verstehe ich etwas davon. Je mehr iPods, iPads, iPhones, DVDs in der Welt sind, umso begeisterter sind die Leute, dass um acht Uhr der Lappen hochgeht. Da stehen Leute oben, die verstehen ihr Handwerk, die können ihren Text, die haben probiert. Es gibt absolute Theaterenthusiasten, in der Oper übrigens genauso. Und für mich als Spielenden ist das eine ganz andere Form der Verabredung mit dem Publikum. Wenn dem Publikum das gefällt, was ich mache, dann haben wir beide recht. Sie finden im Medienbusiness, zu dem auch das Feuilleton gehört, permanent Sätze wie Kehlmanns „In meinem Umfeld geht niemand mehr ins Theater“. Das kann er behaupten. Das ist mir egal, wer in seinem Umfeld wohin geht. Wenn ich spiele, ist ausverkauft, und die Leute sind begeistert. Punkt.

Ist das die Herausforderung im Fernsehen: einer Million Zuschauern Rainald Goetz zu präsentieren? Über ein Buch zu sprechen, das vermutlich kaum einer der Zuschauer gelesen hat, und mit ihm über einen Feuilleton-Aufmacher der F.A.Z. zu diskutieren (der eine Million Leser hatte)?

Das ist Renaissance. Man ist der eigene Medici und macht einfach, was einen interessiert. Ich finde „Loslabern“, das Buch von Goetz, super. Und mich interessieren genau die Themen, die Goetz anschneidet. In der Klientel ist die Reaktion auf Goetz genauso wie die auf Gert Voss oder Anne Tismer: super.

Mit Anne Tismer führten Sie ein seltsames Interview und spielten eine Szene aus ihrer seltsamen Performance „Hitlerine“. Wie viele Zuschauer haben Sie dabei verloren?

Ich glaube, wir waren stabil. Alte Fernsehweisheit: Auge geht vor Ohr. Auch ein schlichter Zuschauer, der da reinschneit, sieht mich mit einer von Frau Tismer gestrickten langen Schlange liegen, hinter einem Karton, den sie mittags gebaut hat. Er sieht also sofort, dass ich das Thema Rassismus aufarbeite. Und, entschuldigen Sie bitte, wenn das nicht der öffentlich-rechtliche Auftrag ist, was dann?

Hat Sie eigentlich der ARD-Programmchef Volker Herres angerufen und gesagt: Lade mal Til Schweiger ein?

Wir haben Schweiger eingeladen, weil ich finde, dass er von den Medien nicht seinem Standing entsprechend behandelt wird. Er ist der deutsche Jerry Bruckheimer. Ich habe auch nie eine negative Silbe über Mario Barth gesagt, weil er einfach mit seinen Sachen bombastischen Erfolg hat.

Ist so ein Erfolg ein Wert an sich?

Ich finde: ja. Das verlangt von mir Anerkennung, auch wenn ich keine Sekunde darüber nachdenke, wie ich auch so einen Erfolg haben könnte.

Wollen Sie Ihre Show nicht doch mal für andere öffnen?

Nein. Es gibt diesen Satz von Johnny Carson: „Late Night is a show about the guy behind a desk“. Das ist es! Und was mich interessiert, interessiert auch mein Publikum.

Mit Oliver Pocher haben Sie eine Öffnung versucht?

Ja, klar. Aber nach den zwei Jahren mit Pocher wusste ich: Das interessiert mich nicht mehr. Und mich komplett auf meine Themen zurückgezogen. Wenn Sie genau hingesehen haben, dann werden Sie auch festgestellt haben, dass ich Pocher in der Sendung oft mehr oder weniger teilnahmslos zugeguckt habe. Und nun schaue ich, was er bei uns gelernt hat?

Und was denken Sie jetzt, wenn Sie seine Show sehen?

Jetzt spricht der Louis van Gaal aus mir: Das, was Pocher passiert ist, hätte ich ihm systematisch erklären können. Regel Nummer eins: Publikum wechselt keinen Sender. Regel Nummer zwei: Publikum braucht fünf Jahre, bis der Moderator den Sender gewechselt hat. Machen Sie eine Umfrage unter Sat.1-Sehern: Meine Show ist bei denen noch die drittbeliebteste. Hinter dem „Glücksrad“ und „ran“. Außerdem habe ich Pocher in unserer letzten Show gesagt, dass der Freitagabend ein tödlicher Sendeplatz ist. Wenn Sie wie ich Systemtrainer sind – Ordnung, Kontrolle, humoristischer Ballbesitz – und die Regeln beherzigen, dann passiert Ihnen so etwas nicht.

Aber Sie sind doch das beste Beispiel für das Gegenteil.

Ich bin insofern einmalig in der Fernsehlandschaft, weil mein Publikum sehr genau verfolgt, was ich wo mache. Aber dafür nimmt mich das große Zufallspublikum, glaube ich, gar nicht wahr.

Johannes B. Kerner stehen bei Sat.1 noch vier harte Jahre bevor?

Das weiß ich nicht, denn da greift die wunderbare Welt der Marktwirtschaft. Investoren geben Geld rein und wollen Geld plus X raus. Da kann der Wind auch schnell sehr eisig werden.

Finden Sie nicht, dass sich die ARD viel mehr Leute leisten müsste, die den Bildungsauftrag ernst nehmen?

Ich bin zu geschäftstüchtig, um Kritik an meinem Heimatsender zu üben.

Was schauen Sie sich denn selber an in Ihrem Heimatsender?

„Sportschau“, „Tagesthemen“ und „Tatort“. Das ist es.

Was ist Ihr Interesse am „Tatort“?

Hass? Ich bin ja ein großer Freund des Hassfernsehens.

Hass auf wen?

Überwiegend auf die Assistenten. Und auf alle, die im „Tatort“ Dialekt sprechen müssen. Das ist die größte Demütigung seit Erfindung der Menschenrechte.

Wenn man Ihre Show betrachtet, denkt man, die Themen sind das Feuilleton und das Fernsehen.

So ist es ja auch.

Warum laden Sie keine Politiker ein?

Irgendwann fällt dann der Satz: Jetzt aber Spaß beiseite! Dabei war vorher gar keiner da. Ich kann Ihnen sagen, wie etwa ein Gespräch mit dem Freiherrn zu Guttenberg laufen würde. Zwei Sätze über die Krawatte und dann: „Angesichts eines so ernsten Themas wie Afghanistan, das die Menschen bewegt, haben wir heute Abend andere Themen.“

Haben Sie schon ein iPad bestellt?

Nein, ich habe auch kein iPhone, kann mit Mühe eine SMS schreiben, den Computer anstellen und bei Google etwas suchen. Ich habe auch kein Online-Banking und noch nie in meinem Leben etwas im Internet gekauft. Aber dafür habe ich supertolle junge Mitarbeiter. Wenn ich nicht so faul wäre, hätten mindestens fünfzig Leute keinen Job.

Sie sind hoffentlich kein Kulturpessimist?

Null! Als wir noch Gedichte konnten, war Opa in Russland. Man muss sich auch mal entscheiden, oder? Das ist genauso wie dieser Satz: Ich vermisse diese charismatischen Figuren in der Politik. Soll Pofalla sich dafür entschuldigen, dass er nicht in Stalingrad war? Das ist doch alles Geblubber.

Wie sehen Sie denn die Entwicklung durch die neuen Medien und deren Möglichkeiten?

Da ist zum einen dieser Online-Wahnsinn: Alle zehn Minuten muss irgendeine neue Meldung rausgehauen werden, alle zwanzig Minuten muss die gleiche Meldung mit einem neuen Foto wieder interessant gemacht werden. Dieses Aufblasen von Irrelevanz. Ich lese mit großer Begeisterung die Wissenschaftsteile in den Zeitungen, und da haben sie alle vierzehn Tage einen Nobelpreisträger, der sagt: Überleben werden nur die Bakterien!

Das amüsiert Sie?

Es beruhigt. Die größten Apokalyptiker sind bestens gelaunt, werden alle neunzig, sitzen im Garten, trinken Tee. Neulich habe ich wieder ein super Foto gesehen von Beckett in kurzen Höschen in Casablanca am Strand. Die armen Irren, die sich all das Negative reinziehen und dran glauben, die tun mir leid. Der geistige Mittelstand.

Sehen Sie sich Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ an?

Brauche ich nicht. Ein Satz von Joachim Fest, dem ein oder anderen F.A.Z.-Leser vielleicht noch vertraut, zu mir: „Als ich in Ihrem Alter war, habe ich angefangen, meine Zeit einzuteilen.“ Da war ich 49 oder so. Das ist es. Es geht um Lebenszeit.

Gibt es nicht einen Widerspruch zwischen der Zeit, die einem für viele Dinge zu schade ist, und dem ernstzunehmenden Anspruch, auf der Höhe der Zeit zu bleiben für den Donnerstagabend?

Doch. Aber wenn ich sage: „iPad“! Dann kommen bei mir drei zwanzigjährige Freaks an und erklären mir, was beim iPad das Entscheidende ist. Ich habe die klassische Chefredakteursposition: Sagt mal, ich habe gehört, es gibt da jetzt dieses . . .

Muss man sich nicht doch selber damit beschäftigen, wenn man darüber einen wirklich guten Scherz machen will?

Bei zentralen Themen beschäftige ich mich schon intensiv damit, aber bei allen anderen: Die streife ich nur. Bei Nordrhein-Westfalen reicht die Frage: Wann wird Jürgen Rüttgers wieder zum Ministerpräsidenten gewählt.

Bedauern Sie es manchmal, dass Sie nur einmal in der Woche dran sind?

Im Moment bedauere ich es, weil die Themenlage super ist und eine tägliche Sendung sich praktisch von selbst machte. Wenn die Lage zäh ist, sage ich: Zum Glück muss ich mich damit nicht mehr auseinandersetzen. Also: Es schwankt.

In der Erinnerung hat die vielbeschworene Abwendung von der Harald-Schmidt-Show damit zu tun, dass eine Instanz fehlte. Statt einer Instanz bekam man eine Show. Zuvor: die amtliche Sortierung der Nachrichten des Tages übernimmt die „Tagesschau“ und die subversive Sortierung Harald Schmidt. Dazwischen braucht man eigentlich nicht fernzusehen. Das Wöchentliche macht alles gleich so wichtig.

Ich verstehe den Punkt und sehe das genauso. Eine tägliche Show ist unterm Strich einfacher, auch für den Moderator, aber sie können im Jahr halt nichts anderes machen

Sie werden also nie wieder zur täglichen Late Night zurückkehren?

Das weiß ich nicht. Im Übrigen befolge ich die goldene Fernsehregel: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.

Interview Volker Corsten und Claudius Seidl

„Volpone“, Premiere am 29. Mai im Staatstheater Stuttgart

Quelle: F.A.Z.
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