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Hans-Ulrich Wehler zu „Rommel“ : Der Mann wusste, dass der Krieg verloren ist

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Ulrich Tukur als Erwin Rommel und Johannes Silberschneider als Adolf Hitler im ARD-Film „Rommel“ Bild: Reuters

6,38 Millionen Menschen haben den Film „Rommel“ in der ARD gesehen. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler kann der Fiktionalisierung des Generalfeldmarschalls etwas abgewinnen. Dem Hitler-Darsteller allerdings gar nicht.

          Herr Wehler, Sie haben sich im Fernsehen den Film „Rommel“ angesehen. In einer englischen Zeitung hieß es diese Woche, der „Wüstenfuchs“ werde darin eher als Ratte dargestellt.

          Das ist ganz falsch. Ich habe als Student mein Geld oft mit Filmkritiken verdient und mich gefragt: Wie würdest du jetzt schnell nach dem Film schreiben? Auf die Vorgeschichte zu verzichten und nur die letzten sieben Monate seines Lebens zu zeigen, fand ich nicht richtig. Aber dieses Zögern eines lange so erfolgreichen Soldaten, seinen Eid zu brechen und sich den Verschwörern als populäre Schlüsselfigur zur Verfügung zu stellen - das hat Ulrich Tukur sehr gut hingekriegt, finde ich.

          Wird Rommels Gewissenskonflikt im Film also nicht überbewertet?

          Ich glaube nicht. Dass der Mann wusste: Nach Stalingrad und der Gefangennahme des Afrikakorps befindet sich der Krieg auf dem Weg in den Abgrund für die Deutschen, und dem ein Teil seines Verstandes sagte, jetzt muss versucht werden, politisch mit dem Gegner zu verhandeln - das ist ja die Utopie von Tausenden von Offizieren damals gewesen, und er kann dafür exemplarisch stehen.

          Von dem bis heute hohen Ansehen Rommels in England und Amerika hört man ja immer wieder.

          Dazu kann ich eine persönliche Geschichte erzählen: In unserer Familie sind alle Männer im Zweiten Weltkrieg umgekommen, aber ein jüngerer Bruder meines Vaters war der Dolmetscher von Rommel, weil er länger in Amerika gelebt hatte. Und Rommel verhörte gern gefangen genommene englische Offiziere. Dieser Dolmetscher kam dann in amerikanische Kriegsgefangenschaft - und erzählte später immer, wie gut er und alle anderen Deutschen dort behandelt worden seien: bestens verpflegt in sauberen Lagern, und jede Woche wurde er einmal vernommen, um Näheres über Rommel zu erzählen.

          Hans-Ulrich Wehler, geboren 1931, lehrte bis 1996 Allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts an der Universität Bielefeld. 2009 erschien sein Buch „Der Nationalsozialismus: Bewegung, Führerherrschaft, Verbrechen“

          Woher kommt diese Rommel-Sympathie im Ausland?

          Die zehrte auch immer davon, dass es hieß: Rommel hat unsere Leute in der Gefangenschaft anständig behandelt. Das ist auch Konsens unter Historikern. Das hörte in dem Gefangenenlager meines Verwandten aber an dem Tag schlagartig auf, als die ersten Fotos von der Befreiung von Dachau kamen.

          Aber hat man in England und Amerika nicht auch die militärische Leistung Rommels bewundert?

          Und wie. Nie habe ich so viele Rommel-Bücher gesehen wie in englischen Buchhandlungen, oft mit einem Untertitel wie: „Unser wichtigster Gegner“. Wenn ich zum Beispiel an eine englische Universität eingeladen würde, um über Rommel zu diskutieren, dann würde mir dort im Prinzip wieder dieses Wohlwollen gegenüber diesem bedeutenden Militär begegnen. „Seid doch froh, dass ihr den gehabt habt!“ Das ist im deutschen Kontext nicht vorstellbar.

          Andererseits ist doch auch in Deutschland noch großer Respekt, teils Verehrung Rommels zu bemerken. Rommel war auch kein NSDAP-Mitglied, oder?

          Nein, und er war auch kein Antisemit. Er hat, soweit ich weiß, Hitler sogar einmal vorgeschlagen, einen Juden zum Gauleiter zu machen, um die Kritik aus dem Ausland über den Umgang mit den Juden zu mindern. Hitler soll ihn daraufhin vollkommen perplex angeschaut haben.

          Wie fanden Sie eigentlich den Hitler-Darsteller im Rommel-Film, Johannes Silberschneider?

          Den fand ich schlecht. Hitler ist bekannt wegen seiner grünen Augen. Hier dieser kleine Mickermann hatte schwarze Augen. Und der Schnurrbart saß nicht richtig. Im Vergleich zu Bruno Ganz in „Der Untergang“ war das ein starker Abfall. Die anderen, Benjamin Sadler als Speidel, und besonders Thomas Thieme als Günther von Kluge, fand ich glänzend.

          Der umstrittene Historiker David Irving hat behauptet, Teile seiner Rommel-Biographie seien im Drehbuch zum Film von Niki Stein abgeschrieben worden - die Klage wurde jedoch von verschiedenen Gerichten abgewiesen. Wie stehen Sie dazu?

          Irving wollte wahrscheinlich auf sich aufmerksam machen. Das Urteil der Gerichte überrascht mich aber nicht - ich sehe es auch so, dass die verschiedenen historischen Quellen und Grundlagen, die hier im Drehbuch verarbeitet wurden, als gemeinfrei gelten können.

          Der „Rommel“-Produzent Nico Hofmann plant nun auch das Leben Adolf Hitlers in acht Folgen für das Fernsehen zu verfilmen. Was halten Sie davon?

          Ich habe grundsätzlich nichts dagegen. Unter meinen Historikerkollegen gibt es eine Art nörgelnde Kritik an Guido Knopp, weil der immer „human interest“ in seinen Geschichtsfilmen haben will, wie etwa den letzten Masseur von Himmler oder Ähnliches. Insgesamt aber sind die vielen Serien von Knopp in einem Land, das bei all den geschilderten Konflikten die Schlüsselrolle gespielt hat, gut zu verteidigen. Die Nico-Hofmann-Spielfilme der letzten Zeit zu solchen historischen Themen, wie etwa „Die Flucht“ oder auch „Die Luftbrücke“ - die sind schon gut gemacht. Ich traue dem auch zu, dass er die Hitler-Serie hinkriegt, dass sie historisch einigermaßen korrekt wird.

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