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Hanns Zischler zum Sechzigsten : Auch wenn er auf dem Sofa liegt, bleibt er präsent

Wer seine Filme und Hörbücher allein des letzten Jahres Revue passieren lässt, muss sich fragen, woher er noch die Zeit für seine Entdeckungen und Essays nimmt: dem Vielfachästheten und Multiartisten Hanns Zischler zum Sechzigsten.

          Natürlich ist der Vielfachästhet und Multiartist Hanns Zischler auch an diesem Montag, seinem sechzigsten Geburtstag, beruflich rege. Unter anderem steckt er gerade in den Vorbereitungen zu einem neuen Fernsehfilm: „La traque - Die Hetzjagd“ lautet der Arbeitstitel. Inszenieren wird ihn der französische Regisseur Laurent Jaoui. Zischler soll darin Klaus Barbie spielen, den nationalsozialistischen Kriegsverbrecher und „Schlächter von Lyon“, Franka Potente wurde für die Rolle der Beate Klarsfeld verpflichtet, die Barbie alias Altman zu Anfang der siebziger Jahre (und zusammen mit ihrem Mann Serge) in dessen bolivianischer Verborgenheit aufspürte. Soeben hat die Filmförderung des Landes Nordrhein-Westfalen eine Unterstützung dieses Vorhabens abgelehnt - Hanns Zischler dürfte das zwar grämen, angesichts seiner immensen Tatenlust wird er sich davon aber nicht sonderlich beeindrucken lassen.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Lässt man, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, sein öffentliches Erscheinen seit Beginn des vergangenen Jahres Revue passieren, wird man, Pars pro Toto, wiederfinden, was diese Tatenlust seit nunmehr vier Jahrzehnten antreibt und befeuert - und zugleich feststellen, mit welch äußerer Gelassenheit und innerer Ruhe er ihr nachkommt. Wie neben ihm nur noch Christian Brückner und Ulrich Matthes ist er zu einem Vorsprecher der Nation geworden. Fürs Radio und fürs Hörbuch hat er jüngst Geschichten und Essays etwa von Gabriel García Marquez, Fernando Pessoa oder Ryszard Kapuscinski gelesen, als Serenus Zeitblom wird er in Kürze in einer Hörspielfassung von Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“ zu hören sein. Im Fernsehen zu sehen war er etwa als Rechtsanwalt Stoever in der ZDF-Produktion „Der falsche Tod“ oder als Graf von Gernstorff im ARD-Zweiteiler „Die Flucht“ (siehe auch: Fernsehvorschau: „Die Flucht“).

          Texte, Tumult, Theater

          Daneben und dazwischen findet er Zeit, durchs Land zu reisen, dabei an vergessene Poeten wie den genialischen Rainer Maria Gerhardt, der 1954 starb, oder an verschüttete Romane wie Arthur Koestlers „Der Krötenküsser“ von 1971 zu erinnern. Mit Autorenkollegen wie F. W. Bernstein oder Sibylle Lewitscharoff tritt er auf, um mit seiner Bekanntheit auch deren Texten zu dienen. Eigene Texte kommen hinzu: Über Jean Renoirs Film „Die große Illusion“ hat Hanns Zischler unlängst ebenso geschrieben wie, anlässlich von Neuausgaben, über Ian McEwans „Unschuldige“ oder Vladimir Nabokovs „Der Zauberer“.

          Seit kurzem betreibt er in Berlin - seit Jahrzehnten die Wahlheimat des gebürtigen Franken - auch einen eigenen Verlag, der nicht zuletzt die feine Kulturzeitschrift „Tumult“ vor dem Untergang bewahrt. Die ganz große Bühne nicht zu vergessen: Ende Januar 2006 sah man ihn in Steven Spielbergs nicht zu Unrecht umstrittenem Kinofilm „München“ (siehe auch: Video-Filmkritik: Spielbergs „München“), in dem er als skeptischer und stoischer, gleichwohl zu allem entschlossener Rächer im Dienst des israelischen Geheimdienstes Mossad brillierte.

          Man kann Studien eigentlich auch nie beenden

          Woher rührt Zischlers Vielseitigkeit? Vor gut einem Jahr hat die große Jeanne Moreau in der Wochenzeitung „Die Zeit“ von ihrer Theatertournee mit Hermann Brochs dramatisierter „Erzählung der Magd Zerline“ erzählt. Für Hanns Zischler blieb in diesem Monodrama für eine Diva nur eine winzige Nebenrolle: Er lag mithin, so Jeanne Moreau, „die meiste Zeit auf dem Sofa und sagte fast nichts . . . Aber er war großartig.“ Das war keineswegs ein vergiftetes Kompliment an den Kollegen. Es war vielmehr eine Hommage an Zischlers zentrale, durchaus trainierbare, letztlich aber artistisch angeborene Eigenschaft: seine Präsenz. Wo immer er ist, was immer er tut: Er füllt auf eine emphatische, dabei absichtsvoll zurückhaltende Weise den Raum und die Szene. Er, der äußerlich Umtriebige, hat aus seinem mimischen und, als Autor, auch stilistischen Phlegma ein Markenzeichen entwickelt: die expressive Lakonie.

          Eine Ausbildung hat er nie begonnen oder nicht zu Ende geführt. Schauspielschule: Fehlanzeige. Dafür ist Hanns Zischler früh Wim Wenders begegnet. 1976 kam dessen deutsches Road-Movie „Im Lauf der Zeit“ in die Kinos: Es ist heute jenseits einiger bleibend großartiger Bilder ziemlich verblasst, wurde damals jedoch auch für beide Hauptdarsteller, für Rüdiger Vogler und eben Hanns Zischler, zu einem enormen Erfolg - auf annähernd zweihundert Film- und Fernsehrollen hat es Letzterer inzwischen gebracht. Sein Ethnologie-, Philosophie- und Literaturstudium hat Zischler nie abgeschlossen; man könne Studien eigentlich auch nie beenden, hat er später plausibel argumentiert. Neugier als Dauersuche: Seiner literatur- und filmhistorischen Studie „Kafka geht ins Kino“ von 1996 ist diese Haltung sehr zugute gekommen. Und fertig geworden ist sie auch.

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