26.10.2009 · Gespielt hat er ihn nie, aber der Schauspieler Herbert Fritsch hat den „Hamlet“ in drei Teile zerlegt, ins Internet gestellt und in 57 Kurzfilmen barock wuchern lassen: „hamlet_X“, ein Projekt von charmantem Wahnwitz.
Von Katharina TeutschMehr als sechzig Hamlet-Verfilmungen soll es inzwischen geben. Von Inszenierungen ganz zu schweigen. In Stuttgart wird der Dänenprinz durch Nazimorast gezogen, in Berlin durch „13 musikdramatische Tableaux“. Hamlet ist allgegenwärtig. Hamlet ist der moderne Mensch. Hamlet ist Ödipus. Hamlet ist eine Maschine, und Shakespeare hat sie in Gang gesetzt, 1598, auf Grundlage einer Wikingersage, wilder, blutrünstiger, matriarchaler als das Stück. Wenn man so will, hat Shakespeare den Hamlet kultiviert und damit die Zerrissenheit des Individuums, seine Entscheidungsschwäche und den ganzen Wahnsinn, zu dem das führen kann. Ein guter Anlass, hier endlich einmal über Herbert Fritsch zu sprechen.
Etwas Wahnwitziges hat das Werk des ehemaligen Volksbühnen-Schauspielers, der seit knapp zehn Jahren Kurzfilme rund um, vor allem aber über den Hamletstoff hinaus produziert (). Mehr als dreihundert Schauspieler, Techniker, Musiker, Bild- und Tontüftler gehören zu seinem Bienenvolk, und er, die Königin, bandelte gertrudengleich mal hier, mal dort an, überzeugte fast den gesamten deutschen Theater- und den halben Filmbetrieb davon, sich in den Dienst seines manischen Projekts zu stellen. Den ersten Film drehte Fritsch mit Corinna Harfouch, den vorläufig letzten mit Hans Schenker. Dazwischen schillern Christoph Schlingensief in der Rolle von Ophelias Frauenarzt (bedrückend, wie er da vor Jahren das „Einssein mit der Krankheit“ beschwört); die Berliner „Tatort“Kommissare Boris Aljinovic und Dominic Raacke suchen nach Polonius' Leiche; Katja Riemann lässt sich bei einem Tennismatch vergiften.
Kern des „Hamletismus“
Man könnte ewig so weiterexzerpieren, denn in drei Teile hat Fritsch den Hamlet zerlegt und dann noch drei Berufsporträts rund um das Hofpersonal dazuerfunden. Drei wegen der Dreifaltigkeit: Hamlets Vater, Hamlets Sohn und Hamlets Geist. Macht 222. Ein Langfilm über den Hamletus, die Wikingererzählung des Saxo Grammaticus, ist abgedreht und wird gerade für die Hofer Filmtage postproduziert. 223. Das Buch „Interpolierte Fressen“ enthält Fritsch-Gekrakel mit Buntstift und einen Nachdruck der vergriffenen Wieland-Übersetzung. 224. Vor allem stellt es endlich die Frage nach dem Kern des „Hamletismus“. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt: „die radikale und gewollte Gleichzeitigkeit von Sein und Nichtsein“.
Wenn Fritsch das branchenübliche „Protzen mit Produktionsausschuss“ beklagt, klingt das nach einem produktiven Missverständnis. Er selbst habe sich nie als Schauspieler gesehen, erklärt er zur Verwirrung seines Gegenübers, doch die meisten kennen ihn nun mal so, sein aufgekratztes Spiel, das in den neunziger Jahren zu einer Art Markenzeichen wurde.
Text-Titan im Internet
In Frank Castorf fand er nicht nur einen kongenialen Regisseur, sondern auch einen großzügigen Filmförderer - zwei mächtige und schöpferische Geister, deren Beziehung eines Tages in Flammen aufging. Seinem Regisseur machte Fritsch zu viele Faxen auf der Bühne, der Regisseur machte Fritsch zu viele Faxen hinter der Bühne. Beides kann man aus heutiger Sicht leicht nachvollziehen, aber man wagt dann doch nicht zu ermitteln, wer am Ende wen und in welcher Reihenfolge verlassen hat. Jedenfalls muss die Volksbühne Fritsch wie ein Schloss vorgekommen sein, in dem ein mächtiger Geist umherging und dabei gehörigen Flurschaden anrichtete. „Machtkämpfe“, „zur Verrücktheit dressierte Schauspieler“, „feudalistisches Intrigieren“ - Fritsch hat seine ehemalige Stammbühne in ein rhetorisches Korsett geschnürt. Er wirkt nicht wie einer, der sich rächen will, eher wie einer, der sich ernsthaft befreit hat.
Zu Beginn des Jahrzehnts blieb lange unklar, ob Fritsch, gesundheitlich schwer angeschlagen, die Bühne je wieder würde betreten können. Er selbst hatte den glücklosen Dänen nie gespielt, fand mit ihm aber seine Paraderolle im Internet. Als „hamlet_X“ besuchte er Chatrooms - nicht weiter erwähnenswert, wäre Fritsch nicht auf die Idee verfallen, erst einzelne Dialoge, dann den vollständigen Shakespeare von der Gutenbergseite in sie hineinzukopieren. Damit schnitt er, so jedenfalls will es die „hamlet_X“-Gründungslegende, den anderen Chatteilnehmern für eine Internetewigkeit das Wort ab. Fritsch wurde erst „gekickt“, dann „gebannt“, und der digitale Hamlet endete als gutenbergscher Ladenhüter, eigentlich noch nicht mal das: als Text-Titan, der das Internet „langsam macht“ und deshalb lieber draußen bleibt.
Dabei ist der Hamlet ein „digital native“. Fritsch dekliniert: „Sein oder Nichtsein = ja oder nein = die Grundidee des Computers = 0 und 1.“ Mit der Reduzierung des Familiendramas auf ein archaisches Grundmuster lasse sich der Stoff in einen Ruhezustand versetzen, von dem aus der Regisseur ihn mit allen Mitteln der Kunst reanimiere. Fritsch nennt es „das barocke Prinzip“, mit dem er den Hamlet „ausschnörkelt“. Übersetzt ins digitale Kontinuum: Das Sein oder Nichtsein wächst sich im Internet aus zu einer burlesken Geschichte mit unzähligen Nullen und Einsen, während der Quellcode immer der gleiche bleibt. 57 Kurzfilme hat Fritsch ins Internet gestellt. Sie sind verspielt, kratzfüßig, effektverliebt, manchmal leicht verstörend und in aller Regel sehr, sehr komisch.
Ausdünstungen eines Mythos
Nun spricht viel dafür, dass sich das Ganze irgendwann zur Masche auswächst, wie man das von Monothematikern à la Hundertwasser, Christo oder Günter Wallraff kennt. Doch wundersamerweise kommt in den sechs Stunden, die man für die gesamte „hamlet_X“Staffel benötigt, kein einziges Mal Langeweile auf. Fritsch „schnörkelt“ einfach nie auf die gleiche Weise; er bedient ästhetisch alles zwischen Trash, Psycho und Tigerentenclub. Es sei die „Bandbreite“ Shakespeares, die ihn, abgesehen von den Nullen und Einsen, für das Internet so reizvoll mache. Wieder so eine Spitzfindigkeit. Für Fritsch, der heute das Claudiusalter erreicht hat, ist die Hamlet-Figur eine Variable, ein X, durch das die Handlung gefiltert wird. Und darum geht es ihm ja: den Stoff zu jener „Ausdünstung“ zu veruneindeutigen, die der Mythos über Jahrhunderte herausgeatmet hat, bevor Shakespeare ihn endgültig fixierte.
Fritsch inszeniert nie mit dem Textbuch. Er lässt die Schauspieler machen. Er verlässt ständig den Rahmen oder schlüpft in die feinen Ritzen einer Geschichte, von der er behauptet, sie enthalte keine zwei Sätze, zwischen die nicht ein ganzer Kosmos passe. So kam es, dass Schlingensief einen Frauenarzt spielen durfte; dass Bela B. Champagner in die Badewanne gießt und Fritsch in Hartmut Mehdorn einen modernen Claudius sieht, weil er in Spitzeleien verstrickt ist, die er idiotischerweise aufs System schiebt. „Alle sagen, das System frisst uns auf, und das war schon bei Hamlet so, weil der Geist, Schrägstrich das System, das ist, was man nicht begreift und für das man nicht zur Verantwortung gezogen werden kann.“
Zärtlicher Rausch
Mit seinen Überlegungen hat Fritsch 2001 den ersten medienpolitischen Salon in Berlin eröffnet. Er hat viele der Anwesenden mit dem Hamletismus angesteckt, ist gefördert worden vom Bund, vom Land, vom Fernsehen, musste aber erkennen, dass Institutionen ein kurzes Gedächtnis haben. „Man jubelt über den unabschließbaren Charakter des Projekts, doch man fördert die Idee nur, solange sie frisch ist.“ Es hat ihn getroffen, dass die versammelte Berliner Presse sich bei der „langen hamlet_X-Nacht“, die im März live bei 3Sat ausgestrahlt wurde, verweigert hat. In einem alten Theatersaal konnte man sechs Stunden lang Fritsch-Filme anschauen oder einige davon für ein Schaumgetränk überspringen.
Am Ende war da ein zärtlicher Rausch und beim Verlassen des Theaters das Gefühl, etwas vom Hamlet stecke auch in einem selbst. Vielleicht ahnte Ophelia das am besten, als sie, dem Wahn schon halb verfallen, sagte: „Wir wissen wohl, was wir sind, aber nicht, was wir werden können.“ Das gilt eben auch für Filme. Fritschs erster „Neunzigminüter“ soll bis zu 240 Minuten lang werden. Wo und in welchem Rahmen das Werk gezeigt wird, muss sich erst noch finden.