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Gysi schreibt dem „Spiegel“ Sehr geehrte Redaktion

 ·  Der „Spiegel“ beschäftigt sich mit Gregor Gysis Vergangenheit als Anwalt in der DDR, doch der schlägt zurück und macht die Rechercheanfragen in einem offenen Brief für alle Welt transparent. Wenn er doch immer solche Offenheit an den Tag legen würde.

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Wenn im Wahlkampf um Fernsehauftritte gestritten wird, beleuchtet das nur die Vorderbühne. Mindestens ebenso wichtig wie die Haltungsnoten für Merkel, Steinmeier & Co. ist die Themensetzung. Nichts verfängt besser als ein Skandal kurz vor Torschluss. Also taucht plötzlich ein Gorleben-Gutachten auf, von dem der Umweltminister seit Jahren wissen konnte, das er aber erst drei Wochen vor dem Wahltag skandalisiert. Oder es geht um ein Gutachten des Wirtschaftsministers zur Atomkraft, von dem man nicht genau weiß, worauf es abzielt; auf den Neubau von Kernkraftwerken, meinen Rot und Grün. Bei ihnen wie bei den Kontrahenten von Schwarz-Gelb gilt es bis zum Wahltag am 27. September, unbedingt die Fassade zu wahren – was danach kommt, werden wir sehen. Um die Fassadenpflege geht es aber auch der Linkspartei, die mit Oskar Lafontaine als kraftvollem Klassenkämpfer und mit Gregor Gysi als sozialistischem Spaßmacher agiert. Ansonsten sieht man von der Linken kaum etwas.

Überaus unangenehm wäre es da, an diesem Wochenende im „Spiegel“ eine Geschichte zu lesen, die von Gregor Gysis Zeit als Anwalt in der DDR handelt, von seinem Agieren als juristischer Vertreter der von der SED unterdrückten Dissidenten und von Kontakten zur Stasi. Wer immer dazu Verdächtiges, scheinbar Belastendes gar, zu berichten wusste, dem ist Gysi vor fast allen Gerichten des Landes bislang mit Erfolg entgegengetreten.

In alle Welt

Jetzt aber ist der Dialektiker auf einen anderen Schritt verfallen: Er hat die Fragen, die ihm ein „Spiegel“-Rechercheur zugeschickt hat, und seine Antworten in die ganze Welt geschickt, versehen mit einem Anschreiben an die „Spiegel“-Chefredakteure Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron, in dem er sich darüber mokiert, dass sie mit ihm „kürzlich“ einen Kaffee getrunken, aber solche Fragen nicht gestellt hätten. Maximale Transparenz soll das demonstrieren, in Wahrheit ist es eine besonders geschickte Tarnung, weil kaum jemand die detaillierte Recherche des „Spiegels“ und Gysis Antworten darauf in den notwendigen Zusammenhang setzen kann. Beim oberflächlichen Leser bleibt vor allem haften, dass Gysi sich in den achtziger Jahren einen Ford Orion leisten konnte; bezahlt habe er den, wie er schreibt, mit dem Erbe seiner verstorbenen Großmutter.

Was die Aktion wohl bewirken soll, verrät ein Satz aus Gysis Anschreiben an die „Spiegel“-Chefs, in dem es heißt: „Mal sehen, ob das Ganze im Prozess endet oder vielleicht doch anders gehandhabt werden kann.“ Anders handhaben? Das klingt interessant. Die „Spiegel“-Leser werden am Wochenende mehr wissen – wenn die Geschichte erscheint. Der Chefredakteur Müller von Blumencron sagte auf Anfrage nur: „Ich würde mir wünschen, dass Gregor Gysi mit seiner Vergangenheit ebenso offen umgeht wie mit seinem Schriftverkehr.“

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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