Home
http://www.faz.net/-gqz-72x3h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Guido Knopps ZDF-Abschied Es ging nur noch um Vernichtung

Zum Abschluss seines Wirkens für das ZDF entfacht Guido Knopp den „Weltenbrand“. Der Erste Weltkrieg erscheint in Farbe und wird von allen Seiten beleuchtet.

© Sylwia Mucha/ZDF Vergrößern Die deutschen Linien: Mit den Schlachten von 1914 beginnt im ZDF der „Weltenbrand“

Man muss nun doch mal ein gutes Wort für Guido Knopp einlegen. Beginnen wir mit dem Technischen dieser Produktion. Sie verwendet viel zeitgenössisches Filmmaterial. Aber man staunt: Waren das nicht diese Schwarzweißaufnahmen in unserer Jugend, mit den grotesk abgehackten Bewegungen wie in den lustigen Stummfilmen, nur trauriger? Mit dem Computer kann man diese Aufnahmen so bearbeiten, dass sie die Straßen- und Kampfszenen des Jahres 1914 in fließenden Bewegungen zeigen. Das ist das eine. Zum andern aber wurden diese Filme wirklich vollendet nachkoloriert, von Hand, wie das Programmheft mitteilt. Und so rückt alles sehr nahe, was um Weltalter von uns getrennt schien. Unheimlich.

Lorenz Jäger Folgen:    

Loben aber muss man Guido Knopp - und den Historiker Sönke Neitzel, der als sein Berater tätig war - auch noch für ein Zweites. Deutschland war nämlich 1914 nur ein Akteur unter mehreren; und wenn der „normale“ History-Film dräuend den deutschen Generalstab, den Kaiser und den Reichskanzler und die Dicke Berta ins Bild setzt, die allein und bloß aus Weltmachtgelüst einen Weltbrand anzetteln, so wird es diesmal doch klar, dass auch etwa Frankreich der Kriegsausbruch insofern willkommen war, als man alte Rechnungen - die Niederlage 1871, den Verlust des Elsass und Lothringens - hoffte begleichen zu können.

Hitler und Bernard Montgomery

Und schließlich: Die Konzeption der Reihe „Weltenbrand“ läuft darauf hinaus, beide großen Kriege, den ersten und den zweiten, in ihrem Zusammenhang darzustellen: Die Folgeprobleme von 1914 bis 1918 waren es, die zu 1939 bis 1945 führten. An sich nicht gerade eine historiographische Neuigkeit, aber im deutschen Fernsehen schon etwas ungewöhnlich. Nur die erzählende Stimme von Christian „The voice“ Brückner mutet den Zuschauer aus Knopps zahllosen Hitler-Produktionen vertraut an, auch wenn er diesmal sein bewährtes Unheilspathos etwas sparsamer einsetzt.

Guido Knopp © Daniel Reinhardt/dpa Vergrößern Geschichtserzähler: Guido Knopp ist von nun an ZDF-Pensionär

Der erste Teil verfolgt, naturgemäß, wie man bei Knopp sagen möchte, den Krieg an zwei Figuren, die dann auch für den zweiten entscheidend wurden: an Hitler, der als Soldat im Westen diente und von dem sein Biograph Ian Kershaw in dem Film sagt, in dieser Zeit habe seine Entmenschlichung begonnen; und an Bernard Montgomery, der für die Briten nach Frankreich zog. „Monty“ hatte bis dahin nur in Indien Kampferfahrung gesammelt, gegen afghanische Stammeskrieger an der Grenze. Als das Gemetzel in Europa begann, war auch er begeistert, aber er hatte, wie sein Biograph mitteilt, noch Vorstellungen, die aus der Napoleonischen Zeit stammen mochten. Den ganz unromantischen technischen Krieg sah auch er nicht voraus. Eine Verwundung machte ihn taktisch vorsichtiger.

Eine Million Männer gefallen

Als Deutschland sich im Sommer in dem Zweifrontenkrieg wiederfand, den es immer gefürchtet hatte, versuchte man, die Entscheidung im Westen schnell herbeizuführen, und nahm einen Bruch des Völkerrechts in Kauf: Durch Belgien hindurch wollte man Frankreich von Norden her schlagen, da die Befestigungen im Westen sehr stark waren. In Belgien gab es die ersten Kriegsverbrechen. Diese wiederum brachten Großbritannien zur Kriegserklärung an Deutschland. Das Bild des Kinderhände abhackenden „Hunnen“ in der Propaganda war geboren. Danach, so legt Sönke Neitzel überzeugend dar, war ein Ende des Krieges auf politischem Weg nicht mehr denkbar. Der Westen hatte einen Feind gefunden, mit dem nicht mehr zu verhandeln, der nur noch zu vernichten war.

Mehr zum Thema

Nur die legendäre Kriegsweihnacht 1914, als Briten und Deutsche für ein paar Tage einen Waffenstillstand hielten, gab für einen Moment den Blick in eine andere Sphäre frei. Eine Million Männer war zu diesem Zeitpunkt gefallen, entscheidend vorangekommen war bislang keine Seite, auch wenn die Franzosen das „Wunder an der Marne“ für sich verbuchen konnten und damit der Vormarsch nach Paris, achtzehn Kilometer von der Front entfernt, aufgehalten war.

Weltenbrand, Teil 1: Sündenfall läuft am Dienstag, 18. September, um 20.15 Uhr im ZDF.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Germanwings-Absturz Überall herrscht Entsetzen

Am Dienstagvormittag wurde aus der Angst Gewissheit: Alle 150 Insassen des Flugs 4U 9525 aus Barcelona werden ihren Zielflughafen Düsseldorf nie erreichen. Sie starben in den französischen Alpen. Düsseldorf, Berlin und Paris sind in Trauer vereint. Mehr Von Reiner Burger und Michaela Wiegel, Düsseldorf/Paris

24.03.2015, 18:49 Uhr | Gesellschaft
Video-Filmkritik Selma

Von Selma nach Montgomery führte einer der großen Märsche der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Der Film Selma ruft ihn und Martin Luther King in Erinnerung. Mehr

18.02.2015, 16:03 Uhr | Feuilleton
Selbstmordepidemie 1945 Ein manisch-depressives Volk

Viele, allzu viele haben den nationalsozialistischen Staat mitgetragen und so lange an ihm festgehalten, bis die Schicksalswellen des Untergangs sie erreicht haben und die Ordnung der Gesellschaft, die Schutzzone der Volksgemeinschaft, zusammenbrach. Mehr Von Andreas Wang

30.03.2015, 09:53 Uhr | Politik
Kinotrailer Frau Müller muss weg

Frau Müller muss weg, 2014. Regie: Sönke Wortmann. Darsteller: u.a. Gabriela Maria Schmeide, Justus von Dohnányi, Anke Engelke, Ken Duken, Mina Tander, Alwara Höfels, Rainer Galke, Jürgen Maurer. Verleih: Constantin Film. Mehr

13.01.2015, 13:06 Uhr | Feuilleton
TV-Film Nackt unter Wölfen Die Hölle von Buchenwald

Das Konzentrationslager Buchenwald wurde vor siebzig Jahren befreit. Daran erinnert die Neuverfilmung von Nackt unter Wölfen. Sie erzählt vom geretteten Kind, aber auch vom brutalen Lageralltag. Mehr Von Regina Mönch

01.04.2015, 16:56 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 17.09.2012, 17:00 Uhr

Bond-Boy

Von Ursula Scheer

James Bond in weiblich? Unvorstellbar! Aber die Gleichberechtigung der Frau sollte endlich auch in DEM Männerfilm schlechthin ankommen. Zumindest sieht das der britische Politiker Ed Miliband so. Daniel Craig bliebe dann nur noch die Rolle des Bond-Boys. Mehr 6 2