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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fernseh-Frühkritik Das Gesetz hat versagt

 ·  Seit zehn Jahren ist Prostitution in Deutschland nicht mehr sittenwidrig. Diese „Deregulierung“ habe Deutschland zum „Bordell Europas“ werden lassen, sagen Kritiker.

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Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Bundesministerin der Justiz, war gestern nicht bei Günther Jauch. Sie war eingeladen, kam aber nicht. Vielleicht, weil sie die Zahlen, die während der einstündigen Diskussion genannt wurden, schon kannte: Das Prostitutionsgewerbe setzt in Deutschland pro Jahr zwischen zwölf und 14 Milliarden Euro um. Nur ein Prozent der Prostituierten sind krankenversichert. Rund 90 Prozent der Frauen arbeiten nicht freiwillig in der Prostitution. Mehr als eine Million Männer nutzen pro Tag in Deutschland ihre Dienste.

Laut repräsentativer Studie lehnen 78 Prozent der befragten Deutschen (76 Prozent der befragten Frauen) ein erneutes vollständiges Verbot der Prostitution ab. Zwischen Vernunft und Volkes Wille gibt es offenbar eine weite Kluft. Zu weit für die Justizministerin.

Dass nicht nur diese Zahlen der Realität entsprechen, sondern auch Inhalt und Dramaturgie des vorangegangenen Tatorts zum selben Thema erschreckende Parallelen aufwiesen, bestätigte zu Beginn der Sendung Cathrin Schauer. Im Verein „Karo“ engagiert sich die gelernte Krankenschwester nahe der deutsch-tschechischen Grenze in der Prostitutions- und Drogenszene.

Der geschilderte Fall im Tatort sei, im Rahmen ihrer Erfahrungen vom „größten Straßenstrich Europas“, „sehr realistisch“ gewesen. Seit 18 Jahren kümmert sie sich um Frauen aus Ländern Osteuropas, Afrikas, den Philippinen und Thailand.

Am schlimmsten waren die „Partys der Reichen“

Eine von ihnen, „Eva“, schilderte anonymisiert vor der Kamera, wie sie im Alter von zwölf Jahren entführt und anschließend 14 Jahre gefangen gehalten wurde. Sollte ihr Entführer und Zuhälter sie erneut aufspüren, würde er sie „in Teile schneiden und im Wald verstecken“, befürchtet sie. Sie erzählte von ihrem Schicksal „als Maschine“ und den „Partys der Reichen.“ Die dort erlittenen Verletzungen waren Risse im Genitalbereich und Bisswunden über den gesamten Körper. Sieben Minuten der Sendung galten Frau Schauer und Eva, dann wandte sich Günther Jauch seinen Diskussiongästen zu.

Jürgen Rudloff, der Betreiber des „größten Bordells Europas“, dem „Paradise“ in Stuttgart, sagte, er habe mit vergleichbaren Machenschaften nichts zu tun. Männer und Frauen, die bei ihm zu Gast sind, zahlen jeweils 79 Euro Eintritt und vergnügen sich dann nach eigenem Belieben. „Es ist ganz klar, dass ich da keine Überprüfungsmöglichkeit habe“, sagte er auf die Frage, ob er wisse, was in seinen Räumlichkeiten genau passiere. Es gebe aber die Polizei, die einen klaren Aufgabenbereich habe und dem auch nachkomme. „Zwei-, dreimal im Jahr“ gebe es bei ihm Großkontrollen, „seit zehn Jahren ohne Beanstandungen“.

Jeder Bordellbesucher finanziert die Organisierte Kriminalität

Hat Rudloff Probleme mit organisierten Kriminellen, mit Schutzgelderpressung und Menschenhandel? Nein, habe er nicht, antwortete er. „Ich spiele in einer ganz anderen Liga“, sagte er. Christian Zahel, Leiter der Abteilung für Organisierte Kriminalität im LKA Niedersachsen, wollte das nicht glauben. Gerade in Stuttgart, wo Rockerbanden besonders aktiv seien, soll ein Bordellbesitzer keinen Kontakt zu Kriminellen haben, fragte er Rudloff direkt. „Wir haben ein ganz anderes System“, antwortete dieser. Zahel brachte dennoch auf den Punkt, was er schon zuvor sagte: „Wer in ein Bordell geht, finanziert die organisierte Kriminalität.“

Diese Ansicht vertrat auch Alice Schwarzer. Rudloff sei „das letzte Glied einer langen Kette von Verbrechern“. Vor dem Gesetz sei er aber keiner, dafür habe die rot-grüne Regierung vor elf Jahren gesorgt, als sie die Prostitution legalisiert habe.

Den Vorwurf, dass dadurch „eine Katastrophe angerichtet“ wurde, sah Renate Künast (die Grünen), damals Mitglied im Kabinett, nicht ein. Sie glaube auch heute an das Gesetz und schlug vor, zwischen dem Zwang zur Prostitution aus wirtschaftlicher Not und dem Zwang durch Zuhälterei gesetzlich zu unterscheiden. Man müsse „gezielter ansetzen“ und gesonderte gesetzliche Regelungen finden.

Prostitution ist eine Stigmatisierung der Opfer

Dem widersprach Alice Schwarzer vehement. Die „Prostitution ist mit dem Rotlichtmilieu untrennbar verbunden“, es gehe stets nur um das eine „Prostitutionselend“. Das Gesetz von 2001 sei eine Deregulierung gewesen und habe zu einer „Gesetzlosigkeit“ geführt. Diejenigen, „die mit der Ware Frau gehandelt haben, haben noch mehr profitiert“.

Erbost warf sie Rudloff vor, sein Gewerbe vor „drei Millionen Männern, die jetzt gerade ihnen zuschauen“, gesellschaftsfähig zu machen, während ihm selbst, wie er sagte, das Herz bräche, würden seine Töchter bei ihm arbeiten. Die „Strategie der Gesellschaftsfähigkeit der Prostitution“ sei die größte Gefahr der „Würde der Frauen“, sagte Alice Schwarzer. Sie plädierte für die gesellschaftliche Ächtung des Gewerbes und aller Nutznießer, auch der Freier. Die Frauen wiederum seien zu befreien von einem Stigma, das sie zu Opfern mache, die man sich nach Belieben kaufen könne.

Vorbild Skandinavien

Dass skandinavische Länder damit Erfolg haben, zeigte ein Einspielfilm. In Schweden und Norwegen ist Prostitution verboten. Bestrafungen von Feiern von bis zu 12 Monaten Gefängnis werden von 70 Prozent der Bevölkerung unterstützt. Den Frauen werden Ausstiegshilfen und Schutz angeboten. Eine qualitative Unterscheidung von Prostitutionsarten gibt es nicht.

Dass die Polizei im Einsatz mit einer besonderen Schwierigkeit zu tun habe, weil das deutsche Gesetz zwischen freiwilligem Sex gegen Geldzahlung und gewaltsam erzwungener Prostitution unterscheide, stellte Christian Zahel dar. Das Gesetz erlaube beispielsweise „Wohnungsbordelle“, in die die Beamten keinen Einblick hätten. Einschreiten dürften sie ohnehin erst, wenn ein Verbrechen verübt wurde oder eine Gefahrensituation bestünde. „Doch wie soll man die erkennen, wenn Frauen erpresst werden, indem ihre Familien bedroht werden?“, fragte Zahel.

Das Gesetz kann „nachgeschärft“ werden

„Natürlich werden die Frauen, wenn sie gequält werden, so gequält, dass man es nicht unbedingt auf den ersten Blick sieht“, lautete ein Satz der Berliner Bordellbetreiberin Felicitas Schirow. Noch eine Minute zuvor sagte sie, sie könne sich nicht vorstellen, dass in Deutschland überhaupt Frauen zur Prostitution gezwungen werden.

Alice Schwarzer warf auch ihr vor, vor Millionenpublikum ein menschenunwürdiges Geschäftsmodell zu verteidigen. Es war dem Publikum überlassen, der einen Frau zuzustimmen, dass jede Prostituierte „sehr stolz auf ihren Beruf“ sei oder der anderen Frau zuzustimmen, dass jede Prostituierte automatisch ein entwürdigtes Opfer einer gesellschaftspolitischen Fehlsteuerung sei.

Es blieb bei einem Vorschlag, wie das Gesetz wohl ohne große Debatte „nachgeschärft“ werden könne. Christian Zahel schlug vor, die Altersgrenze für Personen, die sich für sexuelle Dienstleistungen entlohnen lassen dürfen - zuletzt wurde sie im Jahr 2008 von 16 auf 18 Jahren in Deutschland angehoben - nun auf 21 Jahre anzuheben. Wenn man nämlich schon keine Einsicht in das Einzelschicksal einer Prostituierten habe, so wisse man doch, „dass auch Frauen im Alter zwischen 18 und 21 Jahren hochverletzlich sind und nicht immer wissen, was sie tun.“

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