Einer dieser klugen Sprüche, die im Internet kursieren und den man ganz schnell gegoogelt hat, geht so: Ich habe keine Lösung, aber ich bewundere das Problem. Das ist, wenn man so will, die Grundidee von Wissenschaft. Und es ist, auch wieder ganz nüchtern betrachtet, eigentlich eine ziemlich genaue Beschreibung dessen, was die Hirnforschung kraft ihrer immer noch sehr dürftigen Empirie an Kompetenz zusteht, wenn es um unsere Alltagsprobleme geht. Es muss wohl daran liegen, dass man seit ein paar Jahren überall auf der Welt und mit den unterschiedlichsten bildgebenden Verfahren, aber mit großteils dürftig-spekulativen bis widersprüchlichen Ergebnissen ins Gehirn bereitwilliger Probanden schaut, dass wir nun ausgerechnet Hirnforschern die Beantwortung der ganz großen Fragen übertragen.
Am Sonntagabend waren es die Hirnforscher Manfred Spitzer bei „Jauch“ im Ersten und Gerald Hüther bei „Precht“, der Nachfolgesendung des „Philosophischen Quartetts“ im Zweiten. Welch eine schöne Koinzidenz. Ein wissenschaftlich ambitionierter Epidemiologe könnte nach diesem Abend die lukrative These aufstellen: Die Ausbreitung einer generalisierten Verdummungsangst korreliert offenbar positiv mit dem Auftreten einer medial initiierten Populärneurologie. Einfacher gesprochen:
Unsere Kinder verdummen, und nur die Hirnforschung hält dagegen. Die Frage ist nur: Mit was eigentlich hält sie dagegen, was berechtigt sie dazu?
Spitzer, der Ulmer Psychiater und Bestsellerautor mit entwicklungspsychologischen Erfahrungen, hat seine Buchthese von der „digitalen Demenz“, die durch die exzessive Computernutzung der Kinder ausgelöst werden soll, quasi mit einer Analogiebildung zu zementieren versucht: Wir würden unseren Nachwuchs im Kindergarten ja auch nicht mit Alkohol abfüllen - es fiel der unpassende halbwissenschaftliche Begriff der „Alkohol-Pädagogik“. Mit anderen Worten: Vor hochprozentigem Googeln wird gewarnt. Auch die Tabakfalle sollte zuschnappen – oder wollt ihr, ahnungslose Eltern, etwa das Rauchen erlauben mit dem heutigen Wissen um den Schaden, den der exzessive Zigarettenkonsum anrichtet?
Eine Viertelmillion Internetsüchtige unter den 14- bis 24-Jährigen müsse genug sein, meint Spitzer, und deshalb sei zu handeln. Warum also nicht Internet erst mit 16 Jahren, fragte zum Beispiel Fernsehmoderatorin Petra Gerster in die Runde, die Mutter zweier Kinder im Internetschonalter. Überhaupt Kinder: Nimmt man alle fünf Diskussionsteilnehmer in Jauchs Runde, war man bei zwanzig. So viel heimpädagogische Erfahrung hat man selten zusammen, und man kann sagen: auch selten so unterschiedliche Computerspiel- und Interneterfahrung. Beim einen, Klaus Peter Jantke, Medienforscher eines Fraunhofer-Instituts und vierfacher Vater, wird zu Hause aus voller Überzeugung gedaddelt (Computerspiele gespielt) und gegoogelt, was das Zeug hält. Medienkompetenz lautet hier das Erziehungsziel. Beim anderen, Spitzer, Vater von sechs Kindern, gibt es zu Hause praktisch keine Bildschirme und erst Recht keine Playstation in der Wohnung. Begründung: Die Playstation behindert den Lernfortschritt. Hier, zum ersten Mal, zitierte der Hirnforscher Erkenntnisse einer Lesestudie, die in ihrer Überzeugungskraft etwa so lau war wie die Aussage: Playstation raubt den Kindern Freizeit. Tut sie, aber müssen die Kinder deshalb auf lange Sicht wirklich dümmer werden? Das hat in der Tat noch keine Studie gezeigt.
„Kümmert Euch, dann verdummen sie schon nicht“
Was, wenn die Motivation zum Lernen, sich mit einem Stoff zu beschäftigen, bei den Kindern erst durch das digitale Handwerkszeug geweckt wird, das wir nun reihenweise verteufeln? Waren Buchstaben auf Tesakrepp und Kreidetafel etwa so viel anders oder besser, fragte völlig zu Recht der Berliner Schulleiter Jens Haase, der das Lernen mit Computermedien in seiner Schule zum Standard gemacht hat - nicht etwa, weil er tiefere Einblicke in die Gehirne der Kinder hat als der Hirnforscher, sondern weil er das Verhalten der Schüler beobachtet und sie, nicht rückwärtsgewandt, „auf die Zukunft vorbereiten“ will.
Womit angedeutet war, was das grundsätzliche Missverständnis des provokanten Spitzerschen Buchtitels ausmacht: Die Frage der kognitiven Schädigung durch Computer und Internet ist, solange es an entsprechender Empirie mangelt, kein hirnphysiologisch beschreibbares Phänomen, sondern vor allem ein soziales Problem. „Kümmert euch um eure Kinder, dann verdummen sie schon nicht“: Mehr als das, was der Wissenschaftsjournalist, Physiker und Computeranhänger Ranga Yogeshwar dazu meinte, muss gar nicht gesagt werden.
Hirnweltdeutler bei „Precht“
Das Fatale an der Hirnforschung ist allerdings, dass sie ihre Zuständigkeit für Dummheit wie für Intelligenz partout nicht abtreten will. Einige unter den Forschern glauben jedenfalls, je weiter ihr Fach die neurotechnischen Fertigkeiten verfeinert, sich nahtlos von einer analytisch-beschreibenden zu einer präventiv-konstruktiven Disziplin fortentwickeln zu können. Gerald Hüther, das Göttinger Pendant zu Spitzer, der sich wie dieser als populärwissenschaftlicher Hirnweltdeuter am wohlsten zu fühlen scheint, hat sich zusammen mit seinem Gastgeber, dem Philosophen Richard David Precht, einen Konfliktsuchtstoff aus der analogen Welt der Politik vorgenommen: das Bildungsinstitut Schule.
Das war unter dem Eindruck der Verdummungsphantasien im digitalen Hort bei Jauch überhaupt das Bemerkenswerte dieses Dialogs: Dass nach der wenig originellen Frage von Precht, ob „wir unsere Kinder mit veraltetem Wissen der siebziger Jahre überhäufen“ und der Antwort Hüthers, dass „wir uns ein Schulsystem aus einer Zeit leisten, die es gar nicht mehr gibt“, die neue digitale Welt erst gar nicht thematisiert wurde. Für Hüther und Precht verdummen wir, wenn überhaupt, dann wegen eines „unglaublich ineffizienten Bildungssystems“, aber offenbar bestimmt nicht wegen der Übernutzung neuer Medien. Oder hätte der Hirnforscher das in diesem nachdenklichen Gespräch nicht wenigstens zur Diskussion stellen müssen, wenn, wie der Hirnforscher Spitzer kurz vorher behauptete, wir als Gesellschaft kognitionspsychologisch und, ja, hirnpathologisch gesehen, womöglich vor einer kollektiven Jahrhundertkatastrophe durch den Computermissbrauch stehen? Stattdessen hören wir von Hüther, dass das Gehirn eben kein trainierbarer Muskel sei – „Hirnmechanik von früher“. Wenn dem so ist, kann es wohl auch nicht schlimm sein, wenn die Jugend heute behauptet: Wir denken nicht, wir googeln.
Was sollte auch der Verlust sein, wenn wir das Kopfrechnen an Taschenrechner und das Speichern von Telefonnummern an Smartphones abtreten? Warum, fragte Precht den Hirnexperten, bleibt denn überhaupt etwas hängen im Gehirn? Weil es die Lust am Lernen gibt, lautete die Antwort, wir behalten etwas im Gedächtnis, das uns emotional berührt und motiviert. „Vernetzung im Gehirn entsteht, wenn wir mit etwas eine Beziehung eingehen und wenn wir Erfahrungen machen“, sagte Hüther. Könnte das Gegenüber dann nicht auch ein Computer sein, der raffinierte Gegner im Online-Spiel oder der treue Facebook-Freund im Chat?
Wie gesagt: Precht wollte das nicht wissen. Er, der sich in Philosophiedingen für alles zuständig fühlt, hatte an diesem, seinem ersten Plauder- und Reflexionsabend eine vorwiegend politisch-historische Agenda: die Qualitäten von Wilhelm von Humboldts Bildungsidealen etwa oder das ewige Drama des föderalistischen Bildungshickhacks. Daraus war am Ende eines wenig aufregenden Gesprächs vor allem ein Schluss zu ziehen: Unseren Gehirnen wird schon eine verdammt lange Zeit Einiges zugemutet. Offensichtlich hat die fahrlässige Verdummung schon so lange System, dass wir uns fragen müssen, wie überhaupt etwas aus uns werden konnte, und was vor allem der digitale Fortschritt da noch an Unheil anrichten könnte. All das fragen wir uns, nur sollten wir die Antworten besser auch mal von anderen als den Hirnforschern erwarten.
Schade an Prechts sendung...
Dirk Lehmann (DkLehmann)
- 09.09.2012, 09:57 Uhr
@Frederick Wellmann Zu kurz gedacht...
Tyler Durden Volland (tylerdurdenvolland)
- 04.09.2012, 02:06 Uhr
Vor Schreiben bitte Literatur bemühen!
Wolfram Domay (wdomay)
- 03.09.2012, 23:04 Uhr
Machen Smartboards smart?
Günter Schlamp (Schlamp)
- 03.09.2012, 22:51 Uhr
Fernsehen und Internet haben etwas gemeinsam:
Edgar Wermuth (egnor)
- 03.09.2012, 17:32 Uhr