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Günter Wallraff zum Siebzigsten : Eine Ein-Mann-Armee der Menschenrechte

  • Aktualisiert am

Günther Wallraff zu Hause in Köln Bild: dpa

Der fünfhundert Jahre alte Spruch „Viel Feind’, viel Ehr’“ dürfte dem erklärten Pazifisten zuwider sein, im Grunde genommen aber handelt er danach - mit seinen Mitteln: Günther Wallraff zum Siebzigsten.

          Der vielseitige Enthüller: Er nannte sich Hans Esser, war Ali und nahm Salman Rushdie bei sich auf. Günter Wallraff bleibt dran. Unter diesem Motto steht heute Abend das Programm von RTL. Der Privatsender will nachsehen, welche Folgen Wallraffs Recherche zu den unerträglichen Arbeitsbedingungen bei dem Paketzusteller GLS gezeitigt hat. Ein passenderes Geburtstagsgeschenk kann man sich gar nicht denken.

          Dranbleiben an sozialen Missständen, Machtmissbrauch, moderner Sklaverei, industrieller Ausbeutung und Menschenschinderei, an Ungerechtigkeit: Das ist Wallraffs Passion. Und dabei hat der Marathonläufer und Tischtennisspieler eine große Strecke zurückgelegt. Es begann damit, dass er als junger Mann zur Fließbandmaloche bei Ford recherchierte, unter deren Folgen sein Vater bis zum Tod gelitten hatte. Dass die Industriereportage in den sechziger Jahren zum bevorzugten Mittel der Aufklärung avancierte, vor allem jene, in denen der Journalist sich der Camouflage bediente, ist Wallraffs Verdienst: Ich sehe was, was ihr nicht seht, aber nur, weil ihr mich nicht erkennt. „Wallraffen“ nennt man das heute.

          Mit zwei Geschichten wird Günter Wallraff vor allem identifiziert. Mit dem Buch „Der Aufmacher. Der Mann, der bei ,Bild’ Hans Esser war“ (1977) und mit „Ganz unten“ (1985). Vier Monate lang hatte Wallraff in der Hannoveraner Lokalredaktion der „Bild“ verbracht und schilderte die Methoden des Boulevardblatts. Das hat ihm Prozesse eingetragen, von denen er die meisten gewonnen hat, und den im Springer-Konzern nicht nachlassenden Hang, ihm am Zeug zu flicken, gerne auch durch Geschichten über eine vermeintliche Tätigkeit für die Stasi. 1968 bis 1971 hatte Wallraff zu Recherchezwecken Kontakte in die DDR unterhalten, die Stasi schrieb mit. Als „Mitarbeiter“ der Stasi darf ihn Springer deshalb, wie ein Gericht festgestellt hat, noch lange nicht bezeichnen.

          Er stehe mit seinem Namen für den Wahrheitsgehalt, sagt Wallraff

          Für „Ganz unten“ schlüpfte Wallraff in die Rolle des Hilfsarbeiters Ali, der für einen Hungerlohn gefährlichste Industriejobs übernimmt. „Ganz unten“ verkaufte sich mehr als vier Millionen Mal und begründete Wallraffs internationale Bekanntheit. Zugleich markierte es den Beginn der Kritik an seiner Methode. Er schlüpfte nämlich nicht nur in fremde Rollen, sondern, so klagen einstige Mitstreiter, habe sich auch mit fremden Federn geschmückt und Erfahrungen anderer verarbeitet. Daraus hat Wallraff freilich nie einen Hehl gemacht, auch nicht aus der Tatsache, dass er mit einem Journalisten arbeitet, der intensiv am Zustandekommen seiner Texte beteiligt ist. Am Ende, sagt Wallraff, stehe er mit seinem Namen für den Wahrheitsgehalt: Kennzeichen W.

          Auch deshalb hat Wallraff die jüngste Kritik so getroffen, die ein ehemaliger Mitarbeiter erhebt. Beihilfe zum Sozialbetrug, Steuerhinterziehung, Prozessbetrug: Zu diesen Verdächtigungen ermittelt die Staatsanwaltschaft Köln, nachdem Wallraffs Helfer sich selbst angezeigt hatte, weil er von Wallraff hätte mit Sozialversicherungspflicht festangestellt werden müssen. Außerdem sei der Journalist zweifelhaft mit eidesstattlichen Versicherungen umgegangen. Wallraff bestreitet dies, Aussage steht gegen Aussage. Die Vorwürfe sind schon allein deshalb mit Vorsicht zu genießen, weil sie sich zum Teil auf illegale Audio-Mitschnitte aus Wallraffs Privat- und Büroräumen stützen.

          Ein-Mann-Armee der Pressefreiheit

          Streit ist Wallraffs Alltag. Er hat sich Feinde gemacht in der Wirtschaft, der Politik, beim Verfassungsschutz, bei „Bild“ und bei islamistischen Extremisten. Er hat sich 1974, zu Zeiten der Militärdiktatur, in Athen an eine Säule gekettet, um für die Freilassung politischer Häftlinge zu demonstrieren, wurde selbst eingesperrt, geschlagen und kam erst nach dem Sturz des Regimes frei. Während des ersten Golfkriegs lebte er in Israel, um seine Solidarität auszudrücken. Wallraff hat Salman Rushdie beherbergt, als der aufgrund der in Iran ausgesprochenen Fatwa untertauchen musste. Er hat den iranischen Musiker Shahin Najafi bei sich aufgenommen, gegen den Prediger gleich vier Fatwas ausstießen. Eine Mädchenschule in Afghanistan hat Wallraff gebaut, er unterhält einen Fonds zur Unterstützung von „Bild“-Opfern. Einmal hat er versucht, in einer Kölner Moschee eine Lesung von Rushdies „Satanischen Versen“ zu organisieren. Und ist damit gescheitert.

          Mit Günter Wallraff inkognito, mit falschem Bart und Perücke, sieht man also nur die Hälfte von diesem Mann, der gegen Unrecht mit einer Besessenheit anrennt, die Zynikern als naiv erscheinen muss. Aber wer macht das schon, ungeachtet des persönlichen Risikos? Günter Wallraff ist ein Einzelkämpfer, eine Ein-Mann-Armee der Pressefreiheit und der Menschenrechte. Der fünfhundert Jahre alte Spruch „Viel Feind’, viel Ehr’“ dürfte dem erklärten Pazifisten zuwider sein, im Grunde genommen aber handelt er danach - mit seinen Mitteln. Mit seiner Reportage zu den ausgebeuteten Paketfahrern, die für Hungerlöhne zwölf bis fünfzehn Stunden am Tag schuften, ist Günter Wallraff an diesem Dienstag für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Die Auszeichnung wäre angemessen. An diesem Montag feiert er seinen siebzigsten Geburtstag.

          Quelle: F.A.Z.

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