Home
http://www.faz.net/-gqz-74jux
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Gruner+Jahr-Vorstand Julia Jäkel Wir haben zwölf Jahre lang Kraft und Kapital investiert

Gruner+Jahr stellt die „Financial Times“ ein. Wir fragen das Vorstandsmitglied Julia Jäkel, ob es keine Alternative gab und ob dies das Ende des Qualitätsjournalismus in ihrem Hause ist.

© Brauer Photos „Ich bin hier, um für Gruner + Jahr die richtigen Entscheidungen zu treffen“: Julia Jäkel

Der Vorstand von Gruner + Jahr hat beschlossen, die „Financial Times Deutschland“ einzustellen, „Impulse“ und „Börse Online“ zu verkaufen und allein mit „Capital“ weiterzumachen. Warum?

Der Vorstand von Gruner + Jahr hat in der Tat beschlossen, die „Financial Times Deutschland“ und ihren Digitalauftritt einzustellen. Für „Impulse“ und „Börse Online“ prüfen wir derzeit einen Verkauf oder die Fortführung mit einem Management- Buyout. „Capital“ wollen wir weiterbetreiben, auch die Corporate-Publishing-Tochter „Facts and Figures“. Die wirtschaftlichen Aussichten der „FTD“ sind angesichts der schwierigen Situation, in der sich Tageszeitungen und das gesamte Wirtschaftssegment befinden, so, dass wir eine Fortführung dieser Zeitung nicht mehr darstellen können. Wir haben insgesamt, über zwölf Jahre hinweg, erhebliche Kraft und Kapital - über 250 Millionen Euro - investiert, es aber zu keinem Zeitpunkt geschafft, schwarze Zahlen zu schreiben. Wir sehen keine Chance, dass uns ein Turnaround in absehbarer Zeit gelingen würde, im Gegenteil, es fehlt mit Blick auf die kommenden Jahre eine realistische Perspektive. Diese Entscheidung trifft der Vorstand in seiner Verantwortung für das ganze Haus Gruner + Jahr.

Der Aufsichtsrat mit den beiden Gesellschaftern Bertelsmann und der Jahr-Familie hat dem Vorstandsbeschluss zugestimmt. Können Sie uns sagen, ob das einstimmig erfolgte?

Der Aufsichtsrat hat unserem Beschluss zugestimmt, zum Stimmverhalten der Gesellschafter äußern wir uns nicht. Ich kann Ihnen aber sagen, dass unsere beiden Gesellschafter durch die Situation sehr berührt sind und beide sehr genau wissen, welche Dimension diese Entscheidung hat. Und beide finden sie dennoch richtig.

Wie viele Mitarbeiter werden ihre Stelle verlieren?

Es werden leider mehr als dreihundert sein.

Journalistisch ist die „FTD“ nicht gescheitert, sie genießt hohes Ansehen. Sie gehörten zum Gründungsteam des Blattes. Es kann Ihnen nicht leichtfallen, es einzustellen. Wie erklären Sie sich, dass es die „FTD“ nicht vermochte, in all den Jahren wirtschaftlich erfolgreich zu sein?

Das stimmt, ich war von Tag eins der „Financial Times Deutschland“ an dabei, fünf Jahre lang. Auch deshalb ist diese Entscheidung für mich eine sehr emotionale und schwierige. Die „Financial Times Deutschland“ ist ein herausragendes, journalistisch hervorragend gemachtes Blatt. Die „FTD“, recherchestark, klar, frisch und meinungsstark, hat den Wirtschaftsjournalismus in Deutschland verändert. Aber nachrichtengetriebene Medien stehen durch die Digitalisierung zweifelsohne unter großem Druck, das gilt insbesondere für Wirtschaftstitel. Die „FTD“ ist zu einem Zeitpunkt - dem Beginn der New Economy - gegründet worden, als man von rosigen Zeiten träumte. Seither hat sich die wirtschaftliche Situation fundamental verändert.

Gruner und Jahr Wirtschaftsmedien - Im Vorstand des Verlages wird über die Zukunft der Wirtschaftstitel "Financial Times Deutschland", Capital, Impulse und Börse Online beraten. Sachaufnahme der aktuellen Ausgaben. Mehr als dreihundert Mitarbeiter der „FTD“ verlieren ihre Stelle. Das Titelblatt vom 23. November zeigt mit bitterer Ironie an, wohin die Reise geht © Jonas Wresch Bilderstrecke 

Gab es keine Alternative? Sie haben bis zuletzt geprüft. Wie wäre es mit einer „FTD“ als Online-Medium gewesen?

Wir haben das seit langer Zeit intensiv geprüft, genauer seit Anfang des Jahres, seit September bin ich im Vorstand. Es ging um zwei Modelle. Einmal eine Mischung aus verschlankter, gedruckter Tageszeitung und einem digitalen Paid-Angebot. Dazu hätten die Anzeigenrückgänge des Printproduktes digital kompensiert werden müssen. Gleichzeitig hätten wir eine ähnlich große Redaktionsstärke gebraucht wie heute, auch Druck und Logistik wären unverzichtbar. Das ist wirtschaftlich nicht darstellbar. Bei einer rein digitalen Lösung wäre es nicht anders. Beides bedürfte großer Investitionen, die wir für nicht vertretbar halten.

Es heißt, es habe bis zuletzt Interessenten für die „FTD“ gegeben.

Das ist wahr, wir haben bis Donnerstag mit einem potentiellen Investor gesprochen, der uns ein ernsthaftes Angebot gemacht hat. Allerdings konnten wir dem dort dargestellten Fortführungsszenario weder konzeptionell noch wirtschaftlich folgen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Griechenland Ausländer kommen praktisch an keine Insel

Können Privatleute in Griechenland jetzt eigentlich billig eine Insel kaufen, wie es manchmal heißt? Thiemo Heeg hat mit einem Inselmakler gesprochen. Der hat selbst sechs griechische Inseln im Angebot, rät aber anderswo zum Kauf. Mehr Von Thiemo Heeg

02.08.2015, 17:39 Uhr | Wirtschaft
Finanzkrise Schäuble nicht sehr zuversichtlich

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat sich vor der Sitzung der EU-Finanzminister eher pessimistisch zur aktuellen Situation im Griechenland-Schuldenstreit geäußert. Er sagte: Die Entscheidung liegt ausschließlich bei den Verantwortlichen in Griechenland. Sie haben sich bisher nicht bewegt. Mehr

25.06.2015, 15:25 Uhr | Politik
Verlage Pearson will sich auch vom Economist trennen

Nach dem Verkauf der Wirtschaftszeitung Financial Times will der britische Medienkonzern Pearson auch seinen 50-Prozent-Anteil am Wirtschaftsmagazin Economist loswerden. Zudem wird spekuliert, ob sich Pearson auch vom Buchverlag Penguin Random House trennt. Mehr

25.07.2015, 13:36 Uhr | Wirtschaft
FAZ.NET-Steuerrechner Wenn Sie Finanzminister wären

Wie viele Steuern sollten wir Deutsche auf unser Einkommen zahlen? Zusammen mit dem Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) haben wir einen Steuerrechner konstruiert, der Ihnen hilft zu entscheiden: Geben Sie die Steuersätze ein, die Sie für richtig halten. Und vergleichen Sie sich mit den Parteien. Mehr

12.06.2015, 17:20 Uhr | Wirtschaft
Was Sie heute erwartet Entscheidung über das Betreuungsgeld

Das Verfassungsgericht entscheidet über Zuständigkeit beim Betrueuungsgeld. Die Fed verordnet den Großbanken mehr Eigenkapital, das sie wohl schon haben. Mehr

21.07.2015, 07:12 Uhr | Wirtschaft

Veröffentlicht: 23.11.2012, 15:35 Uhr

Glosse

Das ist Köttelbecke

Von Andreas Rossmann

Von der Kloake zum Lebensraum: Deutschlands schmutzigster Fluss, die Emscher, soll bis 2020 renaturiert werden. Eine Köttelbecke allerdings soll als olfaktorisches Mahnmal bleiben. Mehr 4 8