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Gruner + Jahr Vier auf einen Streich

12.01.2009 ·  Gruner + Jahr baut um. Von März an wird es nur noch eine Wirtschaftsredaktion geben, die für eine Zeitung und drei Magazine zuständig ist. Ein Himmelfahrtskommando?

Von Michael Hanfeld
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Vom 1. März an gehen die Uhren bei der Wirtschaftspresse des Gruner+Jahr-Verlags anders, daran besteht kein Zweifel. Von diesem Tag an wird es nur noch eine Wirtschaftsredaktion für alle geben: für alle, das heißt, für die „Financial Times Deutschland“ und für die Magazine „Capital“, „Impulse“ sowie „Börse Online“. Es gibt nicht nur mehr eine Redaktion, es gibt auch nur noch einen Redaktionsstandort - in Hamburg, die Redaktionen in Köln, wo „Capital“ und „Impulse“ entstanden, und München, wo „Börse Online“ in Produktion ging, werden aufgegeben. Und schließlich gibt es nicht nur eine Redaktion und einen Standort; für die FTD und „Capital“ gibt es bis auf weiteres auch nur einen Chefredakteur, Steffen Klusmann, der allein bis dato die Wirtschaftszeitung führte.

Aus deren Redaktion wiederum stammt auch der neue Chefredakteur von „Impulse“, Nicolaus Förster. Ursula Weidenfeld, die das Magazin leitete, hat am vergangenen Donnerstag die Brocken hingeworfen. Der Chefredakteur von „Capital“, Klaus Schweinsberg, hatte seinen Posten schon vor Wochen drangegeben, just als der Großfusionsplan von Gruner+Jahr ruchbar wurde. Angeblich gaben anderweitige, persönliche Gründe den Ausschlag für den Abgang. Doch müsste man schon sehr leichtgläubig sein, um das für bare Münze zu nehmen.

Und dass sich der Gruner+Jahr-Vorstandschef Bernd Kundrun und die Gesellschafter Jahr und Bertelsmann in der vergangenen Woche in bestem Einvernehmen voneinander getrennt haben, ist auch eine Mär. Kundrun erschien den Gesellschaftern als Wackel-Kapitän, den es ob des Wellengangs aufs Sonnendeck des Konkurrenten Pro Sieben Sat.1 zog, wenngleich auch bei der Fernsehgruppe in München die Zeichen auf Sturm stehen. Wollte Kundrun ernsthaft weg von Gruner + Jahr? Die Gesellschafter sind davon überzeugt. Und siehe da: Er ist weg.

Hase und Igel

Sechs Wochen vor dem Start hat das Projekt Wirtschaftsredaktion von Gruner+Jahr also schon eine ganze Menge Verluste produziert; ein Vorstandschef und zwei Chefredakteure sind abgängig. Mindestens fünfzig weitere Redakteure werden ihnen unfreiwillig folgen. Denn sämtlichen hundertzehn Schreibern der drei Wirtschaftsmagazine würde gekündigt. Sie können sich auf sechzig freie Stellen bewerben, die in der neuen Gesamtredaktion, die zweihundertfünfzig „Ganztagskräfte“ umfassen soll, noch offen sind.

Die Kollegen von der FTD sind alle schon da, sie müssen nicht wie die Hasen rennen, wie der Igel in der Fabel sind sie schon da, sie haben sich nicht neu zu bewerben, ihre Redaktion ist die Keimzelle der neuen journalistischen Großeinheit. Wenn sie wollen, können die Kollegen der FTD sich sogar auf die ausgeschriebenen Stellen bewerben, auf welche die Magazinkollegen angewiesen sind. Hundertsechzig Bewerbungen, intern und extern, gibt es schon, der Ausleseprozess findet statt; dass sich viele Magazinleute wie Redakteure zweiter Klasse fühlen, kann man sich denken.

Ein Himmelfahrtskommando?

Die Betriebsräte von Gruner + Jahr in Köln und München haben das in einem offenen Brief an den Mehrheitsgesellschafter Bertelsmann ganz drastisch formuliert. Sie sprechen von einem Himmelfahrtskommando, das Erscheinen der nächsten Ausgaben der Magazine sei fraglich, und Grund dafür seien allein Fehler des Managements. Der Vorstandschef von Bertelsmann und Aufsichtsratsboss von Gruner+Jahr, Hartmut Ostrowski, hat die Kritik kurz und knapp zurückgewiesen. Das Management habe sein Vertrauen, der nun eingeschlagene Weg sei ohne Alternative. Das sähen alle Gesellschafter so, womit der Bertelsmann-Boss auch für die Miteigentümerfamilie Jahr sprach.

Ingrid Haas, die Verlagsgeschäftsführerin der Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien, ist Herrin dieses Verfahrens. Sie ist Adressatin der Kritik der Betriebsräte. Und sie ist sicher, dass die große Umstellung glückt. „Wir sind fest davon überzeugt, dass das publizistische Konzept funktioniert“, sagt sie. Sie ist unter anderem deshalb guten Mutes, weil die Zusammenarbeit zwischen den Redakteuren schon jetzt exzellent funktioniere und die FTD und die Magazine sich grosso modo bestens ergänzten. Die FTD, meint Haas, sei die „magazinigste Tageszeitung“ in Deutschland, die inhaltlichen Synergien lägen angesichts der Redaktionsprofile auf der Hand.

Wie das funktioniere, habe man beim Telekom-Skandal gesehen, wo die FTD von Informationen der Kollegen von „Capital“ profitierte, die diesen bis zum nächsten Erscheinen ihres eigenen Blattes vielleicht verdorben und allein im Internet verschenkt gewesen wären. Hinzu komme, sagt Ingrid Haas, dass das Projekt von einer hochmotivierten Arbeitsgruppe von Redakteuren, Layoutern, IT-Leuten und auch Betriebsräten mit Elan vorangetrieben werde. So könne man schon Mitte Februar produktionsfertig sein.

Wo die Reise 2009 hingeht

Dass die Redakteure der Magazine aufgebracht sind, kann Ingrid Haas verstehen. „Wir wissen, was wir ihnen zumuten.“ Doch würden die Folgen der Umstellung abgemildert, zum Beispiel dadurch, dass jedem, der übernommen werde, seine Jahre der Betriebszugehörigkeit bei Gruner+Jahr angerechnet würden. Auch habe man darauf verzichtet, die Kündigungen, wie es eigentlich möglich gewesen wäre, schon zum 1. Januar auszusprechen. Jedem, der in die neue Redaktion eintrete, aber Ende des Jahres 2009 dann vielleicht doch aussteige, stehe die volle Abfindung zu, bei einer Kündigung durch den Arbeitgeber reiche die Frist bis Mitte 2010, man verzichte zudem auf verkürzte Kündigungs- oder auf Probezeiten. Insofern, sagt Ingrid Haas, stimme es nicht, dass alle bisherigen Magazinredakteure zu schlechteren Konditionen wieder eingestellt würden.

Ingrid Haas sieht sich vor die Aufgabe gestellt, „vier Qualitätstitel und deren Ressourcen zu erhalten. Es geht nicht darum, die allgemeine Wirtschaftskrise zu überstehen und zu überwintern. Unser Ziel ist es, eine Konstellation zu schaffen, die schlagkräftig, zukunftsfähig und auf Wachstum ausgerichtet ist.“

Gruner+Jahr probiert es also mit einem Hamburger WAZ-Modell und zeigt so, wo die Reise für viele Verlage im Krisenjahr 2009 hingeht: um die Vielfalt der Titel zu retten, werden Redaktionen zusammengelegt. Zu dem Konzentrationsprozess auf dem Markt - da sich DuMont Schauberg anschickt, die „Berliner Zeitung“ zu übernehmen - gesellt sich eine interne Konzentration. Bei Springer gibt es eine Gesamtredaktion für alles, wo „Welt“ draufsteht, die WAZ bestellt künftig drei Zeitungen mit einer Redaktion, und Gruner+Jahr versucht es mit der verschärften Variante - eine Redaktion macht drei Magazine und eine Zeitung. Wobei in Hamburg die große Frage ist, wie die Magazine dastünden, gäbe es den Verlustbringer FTD nicht.

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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