Das Stadttheater Gütersloh, errichtet für 21,75 Millionen Euro, wozu die ortsansässigen Firmen Miele und Bertelsmann fünf Millionen beisteuerten, ist ein intelligent konstruierter heller Zweckbau. Weil sich die Stadt laufende Kosten für ein eigenes Ensemble ersparen wollte, entschloss sie sich, das Schmuckstück als „bespieltes Haus“ zu vermarkten. Diesseits von Hochkultur, die per Gastspiel zwar Erbauung, aber selten Mehrwert generiert, haben Vermietungen klingenden Nutzwert. Im Angebot: Bühnen-Dinners oder Partys im Backstage-Bereich oder aus der Sky-Lobby ein „atemberaubender Blick über die Dächer von Gütersloh“.
In diesem Theater sollen sich am 12. September Bertelsmann-Manager aus der ganzen Welt versammeln. Auf der Bühne ihr oberster Chef Thomas Rabe, der zwar in fünf Sprachen Sparziele anordnen kann, den es jetzt aber zu neuen Ufern drängt. Alle Sitze des Hauses werden besetzt sein: 156 im Rang, 364 im Parkett. Darunter mehrheitlich Menschen mit zu Höherem berufenen Gesichtern. Auch der just berufene neue Vorstand des Zeitschriftenverlages Gruner+Jahr hat feste Plätze in den ersten drei Reihen: Julia Jäkel, Torsten-Jörn Klein, Achim Twardy. Wer vom Dreigestirn in das Hamburger Büro des ehemaligen G+J-Chefs Bernd Buchholz zieht, der es vor wenigen Tagen in gegenseitigem Einvernehmen räumen musste, dürfte bis dahin per Los entschieden sein. Der ursprüngliche Masterplan aus Gütersloh, Julia ohne Romeos zu installieren, war nicht umsetzbar. Noch nicht. Die beiden Männer hatten gedroht, in einem solchen Fall die Freiheit vom Amt zu wählen.
Das unveränderte Ziel: Hamburgs Medienstars zu domestizieren
Der Weltkonzern Bertelsmann (Jahresumsatz 15,3 Milliarden Euro), zu dem unteranderem Fernsehsender wie RTL und Vox, der Buchverlag Random House, der Dienstleister Arvato und zu 74,9 Prozent das Zeitschriftenhaus Gruner+Jahr zählen (unter anderem „Stern“, „Geo“, „Brigitte“, „Neon“, Jahresumsatz 2,3 Milliarden Euro), will die Familie Jahr, der 25,1 Prozent am Hamburger Verlag gehört, herauskaufen und im Gegenzug mit fünf Prozent am Mutterhaus beteiligen. Teil der Strategie, die Rabe in seiner One-Man-Show unter dem an eine Robert-Wilson-Inszenierung („Monsters of Grace“ oder „Time Rocker“) erinnernden Titel „Core. Growth. Transformation. Platform“ im Gütersloher Stadttheater vorstellen wird, ist also der Wunsch, die 75-prozentige Tochter zu 100 Prozent in die Familie zu holen und danach, angesichts des bröckelnden Printgeschäfts ohne Dauernörgeln der störrischen noch immer von journalistischen Visionen und verlegerischen Prinzipien geprägten Verwandten, digitale Dynamik auf brachliegenden Geschäftsfeldern loszutreten. Man könnte alternativ, aber das wird selbstverständlich dementiert, die Hamburger Braut so für den Altar zurechtschminken, dass sie übers Jahr meistbietend an den Mann zu bringen ist. Was bei Gruner+Jahr logischerweise den Tod vieler der weltweit 285 Zeitungen und Zeitschriften bedeutete, wobei allerdings von denen viele inhaltlich eh bereits unrettbar im Koma liegen, wofür man wiederum nicht die Mutter aus Gütersloh verantwortlich machen darf.
Andere Konzerne wie Springer und Burda haben mit Unternehmungen, die mit den klassischen Medien zwar nichts mehr gemein haben, aber ungemein viel zum Umsatz beitragen, Erfolg gehabt. Bei Burda sind es jährlich rund 600 Millionen Euro, bei Springer 540. Eigentlich hatten die Gütersloher vor, mit einer Eigenproduktion, „Des Widerspenstigen Zähmung“, erdichtet von Thomas Rabe nach einer Idee von Liz Mohn, in Hamburg aufzutreten. Doch weil vor der Uraufführung Textblöcke an einen Großkritiker des „Manager Magazins“ durchgestochen wurden, sagten sie erst einmal ihren Auftritt ab und schrieben um. Ihr Ziel blieb allerdings unverändert: Hamburger Medienstars zu domestizieren.
Moralische Anstalt
Die waren traditionell bei Auftritten in Gütersloh noch nie beliebt, brachen oft aus ihnen zugeschriebenen Rollen aus und spielten sich als Helden aus der Metropole auf. Solange sie dort vor stets ausverkauftem Haus auftraten und die Einnahmen ablieferten, ließ man sie gewähren. Als im Parkett aber immer mehr Plätze leer blieben, nutzten die lange als Vettern aus Dingsda Verachteten die Gunst der Stunde. Sie schrieben sich ein auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenes eigenes Stück, eben jenes oben erwähnte.
Doch auf Weltstadtbühnen wird erwartet, was Theater als moralische Anstalt bewirken kann: Katharsis, Orientierung, Compassion - und: für ein Stück aus der Medienbranche braucht es zugkräftige Namen. Nur ein Schauspiel mit bekannt heiligen Monstern hätte das großbürgerliche Hamburger Publikum ins Theater gelockt: Reinhard Mohn, Gründer von Bertelsmann, Henri Nannen, Erfinder des „Sterns“, der Verleger John Jahr und Rudolf Augstein, Vater des „Spiegels“, an dem G+J mit 25,5 Prozent beteiligt ist. Ihre Texte hätten sie auf den aktuellen Fall bezogen selbst geschrieben.
Monolog Henri Nannen:
Mit den Managern des Hauses Gruner+Jahr verband mich hauptsächlich der Aufzug. Ich tobte im sechsten, die anderen rechneten im achten Stock. Wenn sie mich sprechen wollten, mussten sie sich anmelden. Als ich später im Vorstand saß, kamen wir uns zwar menschlich näher, aber sobald es um Inhalte ging, behielt ich stets das letzte Wort. Was immer wir Journalisten von den jeweils amtierenden Vorsitzenden hielten, die Jahre brauchten, bis sie in die Rolle eines Verlegers hineinwuchsen und begriffen, dass sie ohne uns Wahnsinnige Nähseide oder Mähmaschinen verkaufen und selbstgebraute Biere trinken müssten, statt Champagner aus unseren Gehirnschalen zu schlürfen - niemals hätten wir widerspruchslos hingenommen, dass ein Gruner+Jahr-Chef, also letztlich einer von uns, durch gezielte Schüsse aus dem Hinterhalt erledigt wurde. Ich hätte alle Redakteure aufgefordert, sich mit ihm zu solidarisieren, sogar dann, wenn sie, wie viele im Fall Buchholz, nichts von ihm hielten. Dass jetzt alle schwiegen, ist ein Trauerspiel.
Monolog John Jahr:
Ich kann meine Tochter Angelika gut verstehen, dass sie sich um Alternativen für ihren Anteil am Hause Gruner+Jahr kümmert. Seit der letzten offiziellen Wert-Schätzung des Verlagshauses, die bei 3,5 Milliarden Euro lag, gingen jährlich rund 200 Millionen verloren. Dass dies zum großen Teil, aber eben nicht nur, den digitalen Zeiten, dem geänderten Leseverhalten und den privaten TV-Kanälen zu schulden war, ist mir bewusst. Selbst jetzt, da ich nur noch aus Materie bestehe, wohnen zwei Seelen in meiner Brust. Ich weiß aus sicherer Quelle, dass Angelika stocksauer ist über die gezielt aus Gütersloh gesteuerte Veröffentlichung im „Manager Magazin“. So wie ich sie kenne, würde sie stur - von wem hat sie das wohl? - ihren einst lauthals verkündeten Schwur, das Haus nie jenen da ganz zu überlassen, trotzig erneuern, falls Chefredakteure sie als einstige Kollegin und einzige Journalistin im mehrheitlich BWL-geprägten Gruner+Jahr-Vorstand beim Portepee statt am Portemonnaie packen. Die jährliche Garantiedividende von 30 Millionen Euro, steht ja nicht zur Disposition. Ich wage zu wetten, dass der Plan Anteilstausch erst einmal gescheitert ist.
Monolog Rudolf Augstein:
Falls der Rabe-Deal doch klappt, könnten sich theoretisch meine Nachkommen hundert Millionen Euro leihen und jene Anteile erwerben, die bislang Gruner+Jahr als Gesellschafter am „Spiegel“-Verlag hielten. Zusammen mit den ihren wären das schon 49,5 Prozent, und da es sich bei der Mitarbeiter KG, die 50,5 Prozent besitzt, die ich bekanntlich liebend gern zeitlebens entmachtet hätte, letztlich doch um Journalisten handelt und nicht um spießige Couponschneider, könnten wir mein Sturmgeschütz der Demokratie sturmfest machen für alle eventuellen Attacken, egal woher sie kommen. Besser wäre es aber, warf mein Freund Johnny ein, wenn ein finanzkräftiger, aber stiller Teilhaber bei uns einsteigen würde, damit wir auf jenen Feldern investieren könnten, die andere aufgegeben haben: im Print.
Monolog Reinhard Mohn:
Die Inhalte des „Sterns“ haben mich im Gegensatz zu seinen Abgaben für den Deckungsbeitrag in der Jahresbilanz selten erfreut. Nach der Lektüre ging ich oft zum Holzhacken in den Wald. Aber zu meinen Prinzipien gehörte, dem Einzelnen seinen Freiraum zu lassen. Gleichermaßen aber, um jetzt keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, bin ich überzeugt davon, dass wir von Bertelsmann in Gefahr und Not nie den bequemen Mittelweg wählen dürfen. Wir haben die Freiheit zu handeln. Wir sollten sie nutzen. Wer Macht hat, muss gestalten. Wenn laufend weniger reinkommt, muss einer raus. Obwohl ein weiteres Prinzip meiner Philosophie nicht verletzt wurde: für soziale Sicherheit der Mitarbeiter zu sorgen, für materielle Gerechtigkeit. Hat Buchholz etwa nicht Millionen bekommen bei seinem Abgang? Eben.
Von oben gesehen
Im Deutschen Schauspielhaus zu Hamburg wurden bisher im Namen von Henri Nannen Preise für herausragende journalistische Leistungen verliehen. Dass in Zukunft im Zuge der neuen Strategie auch der erfolgreichste Controller mit einem vergoldeten Rotstift ausgezeichnet werden soll, ist eines jener üblen Gerüchte, von denen die Branche lebt. Spannend wird zu erleben sein, wer im nächsten Jahr die Begrüßungsrede hält oder ob auch das ausgelost werden wird. Ein Ortswechsel immerhin ist sicher. Weil das Schauspielhaus umgebaut wird, soll die Veranstaltung auf dem ehemaligen Fabrikgelände Kampnagel stattfinden.
Notfalls aber könnte man auch ins Stadttheater mit jenem atemberaubenden Blick über die Dächer von Gütersloh ausweichen. Von oben sehen ja selbst Riesen wie Zwerge aus.