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Gruner + Jahr Über den Dächern von Gütersloh

Die Medienstars aus Hamburg waren bei ihren Auftritten in Gütersloh noch nie beliebt. Was wird aus Gruner + Jahr, wenn Bertelsmann den Verlag übernimmt? Und was hätten die Gründer davon gehalten?

© Kat Menschik Vergrößern Vier Hamburger im Himmel: John Jahr, Henri Nannen, Reinhard Mohn und Rudolf Augstein

Das Stadttheater Gütersloh, errichtet für 21,75 Millionen Euro, wozu die ortsansässigen Firmen Miele und Bertelsmann fünf Millionen beisteuerten, ist ein intelligent konstruierter heller Zweckbau. Weil sich die Stadt laufende Kosten für ein eigenes Ensemble ersparen wollte, entschloss sie sich, das Schmuckstück als „bespieltes Haus“ zu vermarkten. Diesseits von Hochkultur, die per Gastspiel zwar Erbauung, aber selten Mehrwert generiert, haben Vermietungen klingenden Nutzwert. Im Angebot: Bühnen-Dinners oder Partys im Backstage-Bereich oder aus der Sky-Lobby ein „atemberaubender Blick über die Dächer von Gütersloh“.

In diesem Theater sollen sich am 12. September Bertelsmann-Manager aus der ganzen Welt versammeln. Auf der Bühne ihr oberster Chef Thomas Rabe, der zwar in fünf Sprachen Sparziele anordnen kann, den es jetzt aber zu neuen Ufern drängt. Alle Sitze des Hauses werden besetzt sein: 156 im Rang, 364 im Parkett. Darunter mehrheitlich Menschen mit zu Höherem berufenen Gesichtern. Auch der just berufene neue Vorstand des Zeitschriftenverlages Gruner+Jahr hat feste Plätze in den ersten drei Reihen: Julia Jäkel, Torsten-Jörn Klein, Achim Twardy. Wer vom Dreigestirn in das Hamburger Büro des ehemaligen G+J-Chefs Bernd Buchholz zieht, der es vor wenigen Tagen in gegenseitigem Einvernehmen räumen musste, dürfte bis dahin per Los entschieden sein. Der ursprüngliche Masterplan aus Gütersloh, Julia ohne Romeos zu installieren, war nicht umsetzbar. Noch nicht. Die beiden Männer hatten gedroht, in einem solchen Fall die Freiheit vom Amt zu wählen.

Das unveränderte Ziel: Hamburgs Medienstars zu domestizieren

Der Weltkonzern Bertelsmann (Jahresumsatz 15,3 Milliarden Euro), zu dem unteranderem Fernsehsender wie RTL und Vox, der Buchverlag Random House, der Dienstleister Arvato und zu 74,9 Prozent das Zeitschriftenhaus Gruner+Jahr zählen (unter anderem „Stern“, „Geo“, „Brigitte“, „Neon“, Jahresumsatz 2,3 Milliarden Euro), will die Familie Jahr, der 25,1 Prozent am Hamburger Verlag gehört, herauskaufen und im Gegenzug mit fünf Prozent am Mutterhaus beteiligen. Teil der Strategie, die Rabe in seiner One-Man-Show unter dem an eine Robert-Wilson-Inszenierung („Monsters of Grace“ oder „Time Rocker“) erinnernden Titel „Core. Growth. Transformation. Platform“ im Gütersloher Stadttheater vorstellen wird, ist also der Wunsch, die 75-prozentige Tochter zu 100 Prozent in die Familie zu holen und danach, angesichts des bröckelnden Printgeschäfts ohne Dauernörgeln der störrischen noch immer von journalistischen Visionen und verlegerischen Prinzipien geprägten Verwandten, digitale Dynamik auf brachliegenden Geschäftsfeldern loszutreten. Man könnte alternativ, aber das wird selbstverständlich dementiert, die Hamburger Braut so für den Altar zurechtschminken, dass sie übers Jahr meistbietend an den Mann zu bringen ist. Was bei Gruner+Jahr logischerweise den Tod vieler der weltweit 285 Zeitungen und Zeitschriften bedeutete, wobei allerdings von denen viele inhaltlich eh bereits unrettbar im Koma liegen, wofür man wiederum nicht die Mutter aus Gütersloh verantwortlich machen darf.

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