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Das Glück des Moments : Nur für Leser mit guter Laune

Auch diesen beiden ist vermutlich schon ganz „hyggelig“ zumute: Passanten beobachten in Kopenhagen am Ufer des Sydhavnen die Fische im Wasser Bild: dpa

Wer nicht mehr spüren kann, soll fühlen: Gruner + Jahr bringt ein neues Glücksmagazin unter dem aufgekratzten Titel „Hygge“ heraus.

          Die Formel für das Glück ist vermeintlich simpel, und sie hat einen nach Heimeligkeit klingenden Namen: Hygge. An wem der Hygge-Hype aus irgendwelchen Gründen vorbeigegangen sein sollte, dem sei hier nur kurz in Erinnerung gerufen: Hygge ist eine dänische Lebensphilosophie und gilt inzwischen weit über das Land hinaus als eine Art Glücksgarant. Für gewöhnlich wird Hygge mit Gemütlichkeit übersetzt, doch dieser Begriff greift zu kurz: Gemütlichkeit ist zwar hyggelig, gleichzeitig schwingt bei dieser Rückzugsform aber auch eine gewisse Abschottungsgefahr mit – Stichwort „Cocooning“.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Hygge indes weitet den Blick, anstatt ihn zu verengen. Was das in den Alltag übersetzt bedeutet, erklärt uns jetzt ein neues Magazin aus dem Hause Gruner + Jahr, das schlicht „Hygge“ heißt. Das weichgezeichnete Cover zeigt einen See, an dessen Ufer ein paar Kinder in der Sonne spielen. Damit ist der Wohlfühlton angeschlagen, der sich durch das bilderbuchhafte, 160 Seiten dicke Magazin zieht. „Hygge“ soll sechsmal im Jahr erscheinen und kostet fünf Euro. Man blättert sich hinein in eine weite Welt aus sehr zufrieden wirkenden Menschen, die an Seen sitzen, ins Wasser springen, Lieder singen („man lernt Menschen anders kennen, wenn man zusammen singt“), lachen, essen und kochen. Die gemeinsam Dinge unternehmen. Einander fühlen und spüren. Den Wald lieben, gerne in Hängematten liegen und in Marmeladenbrote beißen.

          Im Artikel „Einfach glücklich sein“ zitiert die Autorin den dänischen Gefühlsexperten Meik Wiking, der als Leiter eines Glücksforschungsinstituts allein schon von Berufs wegen ein Kenner des Glücks ist: „Hygge dreht sich eher um Atmosphäre und Erleben als um Dinge. Es geht darum, mit unseren Lieben zusammen zu sein, an einem Ort, wo wir nicht wachsam sein müssen.“

          Das Glücksmagazin „Hygge“
          Das Glücksmagazin „Hygge“ : Bild: Gruner + Jahr

          Wo wir uns sicher, behütet und verbunden mit anderen fühlen: In diesem Kosmos des Aufgehobenseins spielen auch Kindheitserinnerungen eine Rolle, die tief vergraben in unserem Unterbewusstsein schlummern und sich wiederbeleben lassen, zum Beispiel, indem – so der Tipp der Redaktion – wir unseren Freunden beim nächsten gemeinsamen Abendessen zum Dessert rohen Teig servieren. Am besten aufgehübscht mit Streuseln, so wie es das New Yorker Unternehmen „Cookie Dough Confections“ macht. Ja, auch mit rohem Keksteig lässt sich Geld verdienen – man muss nur eine gute Geschichte drum herum stricken.

          Was man noch tun sollte, falls man gerade einmal nicht Urlaub hat, also in keinen See springen kann, um sich ein bisschen hyggeliger zu fühlen, ist, den eigenen Blick zu schärfen. Für die Details in der Natur, für den Schmetterling am Wegesrand oder die Schafe auf der Weide, die wir viel zu selten eines Blickes würdigen. Dass uns auf Seite 15 prompt ein paar Schafe entgegenblicken, ist indes kein Zufall, handelt es sich bei ihnen doch um wunderbar sanftmütige, kuschelige Tiere, die hervorragend in die Hygge-Welt passen.

          Ritualisierte Seligkeit

          Damit hier kein Missverständnis aufkommt: „Hygge“ ist ein handwerklich gutgemachtes Magazin mit sehr vielen schönen Fotos und gutgelaunten Texten, durch das man sich gern blättert und liest. Ästhetisch haben sich die Macher offensichtlich an verschiedenen Lifestyle-Blogs orientiert. Das Unterstützungsbedürfnis auf der Suche nach dem Glück scheint jedenfalls ungebrochen, obwohl die Fühl-dich-wohl-in-deiner-Haut-Ratgeberwelt in den vergangenen Jahren was Neuerscheinungen betrifft nicht eben zurückhaltend gewesen ist – auch Meik Wiking hat ein Buch veröffentlicht: „Hygge – ein Lebensgefühl, das einfach glücklich macht“.

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          Der skeptische, zur Melancholie neigende Zeitgenosse, vielleicht auch schlicht der Realist, wird vor den „Hygge“-Glücksweisheiten und der hier zur Schau gestellten ritualisierten Seligkeit allerdings beklommen die Augen abwenden. Und sich fragen, wie es um eine Gesellschaft steht, in der weder das Schwimmen in Badeseen noch das Drachensteigenlassen oder das Kochen mit Freunden entscheidende Gemütsveränderungen bewirken können. Ob die veränderte Umwelt daran schuld ist oder er selbst mit seiner eigenen gestörten Persönlichkeit.

          Übermächtiger Wunsch nach einer heilen Welt

          Dass das Leben auch in Dänemark, dessen Bevölkerung offiziell zu den weltweit glücklichsten gezählt wird, nicht durch und durch hyggelig ist, versteht sich von selbst. Auch dort greift die Traurigkeit an langen Winter- oder Sommerabenden dem ein oder anderen ans Herz. Aber darum kann es in einem Glücksmagazin natürlich nicht gehen.

          Wem das ständige Glücksgerede zu viel werden sollte, dem sei eine Beschäftigung mit dem niederländischen Psychologen Jeffrey Wijnberg empfohlen. Wijnberg, der gegen die Diktatur des Glücks wettert, schreibt, dass die Suche nach dem Glück zu einem Trend geworden sei, der sich immer weiter verstärkt habe. „Wie eine politische Korrektheit gibt es auch eine psychologische Korrektheit, die besagt, dass positive Emotionen immer besser sind als negative.“ Aber derart einfach ist die menschliche Psyche eben nicht gestrickt. Trotz aller Vernunft ist der kindliche Wunsch nach einer heilen Welt bisweilen übermächtig – und für solche Momente gibt es wahrlich schlechtere Wegträumhefte als das Magzin „Hygge“.

          Quelle: F.A.Z.

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