17.11.2009 · Im kommenden Jahr gibt es Wahlen in Großbritannien. Die „Sun“, das Flaggschiff des Boulevards im Hause Murdoch, wird dabei Labour entraten und nach langer Pause wieder die Konservativen unterstützen.
Von Gina Thomas, LondonInnerhalb von zwei Tagen hat die „Sun“ geschafft, worum sich die gewieften Imagemacher Gordon Browns seit Monaten vergeblich bemühen. Es wäre übertrieben zu behaupten, das Massenblatt habe das Ansehen des Premierministers wiederhergestellt, doch ist es der „Sun“ unfreiwillig gelungen, Sympathie zu erzeugen, wo Spott und Zorn vorherrschten.
Englands größte Boulevardzeitung rühmt sich ihres Gespürs für den Puls der Nation. Er schlägt, wie Umfragen bestätigen, nach zwölf Jahren einer Labour-Regierung wieder mehr für die Konservative Partei. Deswegen sagte sich die „Sun“ rechtzeitig vor der spätestens im Mai 2010 stattfindenden Wahl von Labour los. Dass dieser Wechsel ausgerechnet beim Labour-Parteitag angekündigt wurde, nahmen Brown und die Seinen der zu Rupert Murdochs Imperium gehörenden Zeitung besonders übel. Jetzt haben sie beinahe Grund, dem Blatt dankbar zu sein für seine gehässige Berichterstattung. Anfang vergangener Woche glaubte die „Sun“ auf den Woge der kritischen Einstellung zum Einsatz britischer Truppen in Afghanistan zu reiten, als sie den Premierminister wegen eines als unzulänglich empfundenen Kondolenzbriefes an die Mutter eines gefallenen Soldaten anprangerte.
Die Trauernde war erzürnt über Schreibfehler in dem handgeschriebenen Brief, die sie als Zeichen mangelnder Anteilnahme deutete. Die „Sun“, die sich zur Anwältin jener Angehörigen gemacht hat, welche der Regierung den schlechten Ausrüstunsstand „unserer Jungs“ in Afghanistan vorhalten, griff die Geschichte eifrig auf. Am ersten Tag druckte sie den Brief ab und mokierte sich über die Schreibfehler, tags darauf gab sie ein Telefongespräch wieder, das Gordon Brown mit der erregten Mutter geführt hatte, um sie zu überzeugen, dass sein Brief keine „eilig gekritzelte Beleidigung sei“, wie sie meinte. Sie wies ihn auf fünfundzwanzig Schreibfehler hin und stellte ihn zum Mangel an Hubschraubern zur Rede. Der hörbar betroffene Brown erklärte die vermeintlichen Fehler mit seiner schlechten Schrift. Er versuchte sie mit der rührenden Unbeholfenheit seines Mitgefühls und seiner Bemühungen zu versöhnen, die Truppen mit dem bestmöglichen Material auszustatten. Weder die Mutter noch die „Sun“ zeigten sich überzeugt. „Verdammte Schande“, brüllte die Zeitung. Die Leser aber erbarmten sich des Premierministers, schließlich habe er sich die Mühe gemacht, der Mutter selbst zu schreiben.
Zu Recht enttäuscht
Tom Newton Dunn, dem leitenden politischen Redakteur der „Sun“ behagte die Heftigkeit des Angriffes offenbar nicht. Und aus dem fernen Australien ließ Rupert Murdoch persönlich wissen, dass er die Einstellung seines Blattes bedaure, Gordon Brown sei ein Freund. Allerdings meinte er auch, die Redaktion sei zu Recht von Brown enttäuscht. Mit anderen Worten: der Seitenwechsel wird vom Verleger gutgeheißen, auch wenn nicht alle Zwischentöne nach seinem Geschmack sind.
Allzu zimperlich war der alte Murdoch nie. Darin schlägt sein Sohn James, der inzwischen die Geschäfte bei News International, dem englischen Zweig des Konzerns führt, ganz nach dem Vater. Er wird als Drahtzieher der übrigens auch die „Times“ betreffenden Veränderungen gesehen, die News International im Lager der Konservativen verankern sollen. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang auch die Ernennung der den Konservativen nahe stehenden Patience Wheatcroft als Chefredakteurin der europäischen Ausgabe von Murdochs „Wall Street Journal“. Handelsminister Peter Mandelson, der in den neunziger Jahren maßgeblich daran beteiligt war, Rupert Murdochs Unterstützung für das sogenannte „Neu-Labour-Projekt“ zu gewinnen, sprach sogar mit aller Deutlichkeit den Verdacht aus, dass David Cameron einen Pakt mit News International geschlossen habe. Was die „Sun“, die sich 1992 rühmte, die Wahl für John Major gewonnen zu haben, im nächsten Wahlkampf für die Konservativen leisten könnte, sei ein Teil dieser Vereinbarung, unterstellte Mandelson - „und vermutlich ist das, was die Konservativen tun können, wenn sie gewählt werden, der andere Teil des Geschäftes.“
Murdochs Wunschliste
Aus der Wunschliste von News International haben Vater und Sohn Murdoch keinen Hehl gemacht. Um ihre marktwirtschaftlichen Medienvorstellungen durchzusetzen, streben sie unter anderem die Abschaffung des alleinigen Zugriffs der BBC auf die Rundfunkgebühr an sowie die Einschränkung der Befugnisse der Medienaufsichtsbehörde Ofcom, die unter anderem die Dominanz des von James Murdoch geführten Satellitensenders BSkyB bei der Übertragung von Sportereignissen zu zügeln versucht.
David Cameron zeigt sich in beiden Punkten gefügig. Ausgerechnet in der „Sun“ wetterte er schon vor einem Jahr gegen die aufgeblähte BBC, die ihre subventionierte Stellung im Wettbewerb mit den privatwirtschaftlichen Internetgeschäften von Zeitungen missbrauche. Seither haben die Konservativen mehrfach verkündet, Ofcom auflösen und die Rundfunkgebühr einfrieren oder gar einschränken zu wollen. Von ihrer ursprünglichen Absicht, die BBC-Zuwendung zu begrenzen und eine Tranche der Gebühreneinnahmen unter die regionalen Sendern zur Finanzierung ihrer Websites zu verteilen, ist die Schattenregierung allerdings abgerückt. Das passt vollends zu den Vorstellungen der Murdochs. Denn die Förderung der regionalen Sender hätte nicht im Interesse von Sky gelegen.
Es ist kurios zu beobachten, wie sich zur Zeit in umgekehrter Richtung das Gleiche vollzieht wie vor rund fünfzehn Jahren, als die Konservativen ausgelaugt waren und Murdoch auf den jungen Tony Blair setzte. So wie dieser sich 1995 auf die Hayman Insel an der Nordköste von Australien fliegen ließ, um Murdoch zu treffen, nahm im Sommer 2008 auch David Cameron die Großzügigkeit von Murdochs Schwiegersohn in Anspruch, um von dem großen Mann auf dessen Yacht empfangen zu werden. So wie Tony Blair im März 2003 vor dem Eingriff im Irak mehrfach mit Murdoch telefonierte, um sich der Unterstützung der „Sun“ für die Operation zu vergewissern, holte auch David Cameron den Rat des „Sun“-Chefredakteurs ein, bevor er kürzlich ankündigte, dass er sich, anders als versprochen, nicht mehr für eine Volksabstimmung über den Vertrag von Lissabon einsetzen werde.
Wenn einer weiß, wie diese Dinge hinter den Kulissen laufen, dann ist es der geschickt taktierende Mandelson, der gesellschaftlich gut vernetzt ist im Kreis der jungen Murdochs. Nicht minder gilt das für David Cameron: Andy Coulson, den ehemaligen Chefredakteur von Murdochs „News of the World“ als Medienberater zu engagieren, war ein geschickter Schachzug.