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Griechische Medien : Warum das Staatsfernsehen ERT nicht sterben darf

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Wirklich beliebt war ERT nicht. Aber die Schließung wollen sich die Griechen dann doch nicht bieten lassen: ein Demonstrant in Thessaloniki im Schattenriss. Bild: AP

Auch wenn ich dort auf der schwarzen Liste stand: Der griechische Rundfunk wird gebraucht. Er nimmt eine zentrale Stellung in der Gesellschaft ein, eine Schließung schadet allen.

          Für jene unter uns, die im Griechenland des neofaschistischen Obristen-Regimes aufgewachsen sind, löst nichts so schmerzhafte Erinnerungen aus wie ein moderner Akt des Totalitarismus. Als am vergangenen Dienstag, eine Stunde vor Mitternacht, die Fernsehbilder einfroren, als ob eine finstere Macht aus dem Jenseits die Pausentaste gedrückt hätte, fühlte ich mich plötzlich zurückversetzt in die sechziger und siebziger Jahre, als eine Unterbrechung des Fernseh- oder Radioprogramms ein sicheres Zeichen für einen bevorstehenden Staatsstreich war.

          Dass es diesmal eine demokratische gewählte Regierung war, die den Stecker zog, ist kaum ein Trost. Seit einigen Jahren, besonders nachdem die Wirtschaftskrise Griechenland erfasst hat, ist es nicht mehr so leicht, jene Linie zu erkennen, die ein diktatorisches Regime von einer zunehmend machtlosen Regierung trennt, welche gezwungen wird, einem hoffnungslosen Volk immer härtere politische Maßnahmen aufzuerlegen. Die eingefrorenen Bilder auf allen Kanälen des Staatsfernsehens, die gespenstische Stille der Sender für klassische Musik, der Abgang der Website, dieser plötzliche Tod einer öffentlichen Institution per Staatsbeschluss sorgten in unserer stetigen Hoffnungslosigkeit für eine Diskontinuität, dass sich einem der Magen umdrehte.

          Langatmige Monologe statt lebendige Diskussionen

          ERT, die staatliche Hörfunk- und Fernsehanstalt, gehört seit den dreißiger Jahren zu den tragenden Säulen Griechenlands. Alte Tonaufnahmen der Ankündigung, dass Nazi-Truppen dabei seien, das Athener Hauptquartier des Senders zu stürmen, werden noch immer am 28. Oktober abgespielt zur Erinnerung an Griechenlands Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg. Bis 1989 hatte ERT das unangefochtene Monopol für Hörfunk und Fernsehen. Die meisten von uns wuchsen mit ERT auf, im besten Fall misstrauten sie dem Sender, im schlimmsten Fall hassten sie ihn als Propagandainstrument des Staates. Doch als in den neunziger Jahren eine Springflut privater Sender kam, die sich schnell als Tempel vorsätzlicher Oberflächlichkeit à la Berlusconi erwiesen, war die leicht abgestandene, altbackene Art von ERT, obwohl nie geliebt, wie ein Anker in einem Meer des Vulgären.

          Die Nachrichten bei ERT ähnelten einer Serie von Pressemitteilungen der Parteien. Zuerst hörte man die Version der Regierung, dann die der Opposition, dann die einer dritten Partei. Ein ernsthafter Versuch zu einer kritischen Synthese der drei Positionen wurde nie unternommen. Die anschließenden Nachrichtenmagazine waren auf gleiche Weise arrangiert, sorgfältig darauf bedacht, das „Recht“ der Parteien auf langatmige Monologe zu wahren, anstatt lebendige Diskussionen zu initiieren. Und schlimmer noch, der direkte Draht zwischen dem Presseministerium und der Leitung von ERT bedeutete, dass Ersteres sowohl die Macht zur Zensur als auch zu entsprechender Personalpolitik im Sender hatte - beides zum unermesslichen Schaden von Qualität und finanzieller Gesundheit der Institution.

          Die Möglichkeit eines öffentlichen Raums

          Als wahrscheinlich einziger griechischer Kommentator, der während der letzten zwei Jahre auf der schwarzen Liste von ERT stand, weil die vorherige Regierung darüber verärgert war, dass ich insistierte, Griechenland sei bankrott und solle seinen Verpflichtungen nicht nachkommen, anstatt auf die unbezahlbaren Schulden weitere Kredite zu türmen, in dieser Rolle also dürfte ich die moralische Autorität haben, gegen das Ableben von ERT zu protestieren. Während der letzten Nächte bin ich in die von Mitarbeitern besetzten Studios zurückgekehrt, die unablässig (offiziell illegale Programme) übers Internet weitersenden, um ERT am Leben zu erhalten. Von denselben Journalisten interviewt, denen zuvor verboten war, mich zu befragen, habe ich erklärt, dass die abrupte, autoritäre Schließung von ERT trotz der vielen Krankheiten des Senders ein von der Regierungs-Troika begangenes Verbrechen an den öffentlichen Medien ist, gegen das sich alle zivilisierten Völker der Welt erheben sollten.

          Warum? Wie verbraucht, ineffizient, sogar korrupt unsere öffentlichen Medienorganisationen sein mögen, sie sind zentral für eine funktionierende Gesellschaft. In unseren Gesellschaften ist das Rechtssystem zum Beispiel in gewisser Weise unfair gegenüber den sozial Schwächeren, die sich keine teuren Anwälte leisten oder sich nicht ausdrücken können. Selbst in der zivilisiertesten Gesellschaft eröffnen Gerichte uns nicht mehr als die Möglichkeit von Gerechtigkeit. Garantien gibt es nicht. Ähnlich ist es mit unserem öffentlichen Bildungssystem. Häufig dient es den Interessen der Mittelklasse besser als jenen, die wirklich öffentliche Bildung benötigen. Dennoch gibt es keinerlei Grund, Gerichte oder öffentliche Schulen zu schließen.

          Mit dem öffentlichen Rundfunk verhält es sich ähnlich: Er bietet keine Garantie für Pluralismus in Nachrichtensendungen und für kulturelle Vielfalt. Was er uns bietet, ist lediglich die Möglichkeit dazu. Die Möglichkeit eines elektronischen öffentlichen Raums, in dem Werte nicht auf Preise reduzierbar und in dem Stimmen zu hören sind, welche die Mächtigen in unserer Gesellschaft ärgern.

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