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Veröffentlicht: 16.04.2016, 11:37 Uhr

GPS mal anders Radfahren ist doch eine Kunst

Kornkreise drehen war gestern. Wer heute Freiluftbildnerei zelebrieren will, tritt in die Pedale und malt per GPS-Gerät formschöne Strecken ins Land. Das ergibt die tollsten Ansichten.

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Wie heißt es so schön in einem Kafka zugeschriebenen Kalenderspruch: Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. Und Bilder? Entstehen heute auch dadurch, dass radsportbegeisterte Nerds wie Stephen Lund Hunderte von Kilometern mit einem GPS-Gerät bewehrt durch die Landschaft strampeln, bis sich die Spur ihrer Fahrt als möglichst komplizierte virtuelle Riesenzeichnung auf Google Maps abmalt. „Strava Art“ nennt sich diese Kunstform, weil sie im Netzwerk Strava, wo Ausdauersportler ihre Routen analysieren und austauschen, groß rauskam.

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Gut 45 Streckenkilometer etwa misst das Porträt Darth Vaders, das der fünfzigjährige Kanadier in die Straßen seines bevorzugten Bildgrunds, Victoria in British Columbia, setzte. Gut zwei Stunden dauerte die Fertigstellung des Werks - das ist vergleichsweise bescheiden im Vergleich zu anderen seiner Zweiradkunststücke. Das GPS-Bild, mit dem er vor gut einem Jahr sozusagen seinen Durchbruch als Strava-Artist feierte, heißt „Garmina, die Giraffe“ (in Anlehnung an sein Zeichenwerkzeug) und erstreckt sich auf annähernd hundert Kilometern über die Stadt und ihr Umland. Tierbilder ziehen im Netz immer, und wenn sie von staunenswerten Informationen begleitet werden wie der, dass diese Zeichnung per Ganzkörpereinsatz 2348 Kilokalorien gekostet hat und für sie 968 Höhenmeter in dreieinhalb Stunden bezwungen werden mussten, umso mehr.

Über den künstlerischen Wert sagt es natürlich nichts, wie viel Mühe sich jemand gemacht hat. Aber will die ganze Sache überhaupt Kunst sein? Das muss man eher sportlich sehen. Kaum hatte jedenfalls Lund seine Giraffe online gestellt, schossen die Besucherzahlen seines Blogs von schlappen fünfzig am Tag auf 12 000. So fährt man online in die Pole Position, und der Radfahrer schaltete noch ein paar Gänge rauf: mit einer Meerjungfrau aus kleinteiligem Liniengewirr, einem Stegosaurus, einem Drachenkämpfer samt Ungeheuer, dem Konterfei von Königin Victoria. Nachzuverfolgen ist das Werden der Motive auf seiner Website „Sketchbook of a GPS Artist“ (gpsdoodles.com). Dahinter steckt keine Agenda, keine Botschaft, sondern einfach nur der Spaß an der heiteren und schweißtreibenden Nutzlosigkeit seines Tuns: Kilometer schrubben, um Bildchen in die Welt zu setzen.

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Lund ist nicht der Erste, der auf die Idee mit der Geotracking-Zeichnerei kam. Aber wo protestierende Studenten in Montreal einen Mittelfinger ins Stadtbild marschierten oder andere bevorzugt männliche Genitalien in die Landschaft zeichnen, kultivierte er freundlichere Gesten. Bei einem TED-Talk - wo unvermeidlich jeder landet, der im Netz etwas darstellt - hat er kürzlich erzählt, wie er seine Touren plant und umsetzt. Die Bilder, sagte er, steckten immer schon in der Karte. Man müsse sie nur herausholen. So ähnlich hat auch Michelangelo einst das mit dem Marmor und der Skulptur erklärt, aber vielleicht ist das nur ein Zufall. Oder auch nicht, Lund hat jedenfalls auch einen David nach dem Vorbild des Renaissancekünstlers in eine Radstrecke verwandelt.

In der Popkultur oder im Reservoir einfacher Icons bedienen sich andere Strava-Bildner wie David Pomeroy, Murphy Mack, Brett Lobree oder David Taylor. Letzterer demonstrierte mit einem krakeligen Fahrrad in der südenglischen Landschaft zwischen Southampton und Bournemouth, dessen Linien sich auf stolze 340 Kilometer addieren, wie eine hügelige Landschaft dem radelnden Zeichner zu schaffen macht. Dass gezielte Selbstüberwachung beim sich bergan, bergab Schinden geeignet ist, bei der Richtigen Eindruck zu schinden, zeigte der Japaner Yasushi Takajashi, als er auf einer sechsmonatigen Wanderung durch Japan einen Heiratsantrag aufs Land malte. Seine digitale Form der Land-Art gilt als größte ihrer Art und war von Erfolg gekrönt: Die Angebetete sagte ja.

Graffiti sprayen, Kornkreise drehen, sich zu Flashmobs verabreden oder Bäume umhäkeln war gestern, möchte man meinen. In der „Strava Art“ trifft diskrete Unsichtbarkeit - vom Kunstwerk bleibt im öffentlichen Raum keine Spur - auf den Fetisch körperlichen Selbstoptimierung und bereitwillig hergezeigte Bewegungsprofile. Das könnte man glatt für subversiv halten, ginge es nicht einfach um einen unterhaltsamen Ausdauerwettstreit in Bildern. Den aber kann man auch als frühlingshafte Aufforderung lesen, mehr Zeit an der frischen Luft als vor dem Bildschirm zu verbringen.

Glosse

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