13.12.2009 · Echtzeit-Nachrichten, „Living Stories“: Neue Ideen aus dem Google-Labor für die Zeitung von morgen belegen, dass die Printverlage und der Internetgigant ebenso Freunde wie Gegner sind.
Von Detlef BorchersDer Fregner hat wieder einmal zugeschlagen. Aus den Google Labs, in denen an Dutzenden von neuen Ideen gebastelt und programmiert wird, hat Google dieser Tage einige Projekte zur Einsicht für ein interessiertes Publikum freigegeben. Dazu gehört Googles Goggle, der Eintritt der „Augmented Reality“ in die kommerzielle Verwertung: Zu Bildern, die Anwender mit dem Mobiltelefon aufnehmen, sucht Goggle nach passenden Informationen. Die Google-Brille macht sich die Tatsache zunutze, dass es eine endliche Kombination von Bildern der Freiheitsstatue oder der Kleinen Meerjungfrau in der Bildergalerie von Google gibt, die durchsucht werden muss, um erklärenden Text zu finden.
Ein weiteres Projekt ist Google Realtime: Die übliche Google-Suche mit der Rangfolge der Fundstellen wird durch einen Kasten ergänzt, in dem in „Echtzeit“ Nachrichten aus der flüchtigen Welt der sozialen Netzwerke eingeblendet werden, die nicht im großen Google-Index stehen. Zur aktuellen Nachricht, dass Friedensnobelpreisträger Obama in Oslo einen Krieg als notwendiges Übel bezeichnete, ratterten unzählige englischsprachige Twitter-Kommentare (Tweets) durch den Kasten von Google Realtime. Eine deutsche Variante, die Anfang 2010 kommen soll, könnte die Nachricht von den erhaltenen Arbeitsplätzen in Sindelfingen mit Tweets der Belegschaft vor Ort ergänzen.
Gegenseitige Abhängigkeit
Noch weiter geht das Projekt Google Living Stories, das Google mit Beteiligung der „New York Times“ und der „Washington Post“ entwickelt hat. Thematisch gruppiert finden sich alle Geschichten der „New York Times“ über den Krieg in Afghanistan auf einer Seite: die aktuellen Nachrichten ebenso wie Kommentare und Grafiken zum Thema, komplett mit einer Zeitleiste, die weiter zurückliegende Nachrichten erschließt. Lebendig sind die Geschichten, weil neu hinzugekommene Nachrichten automatisch in diesem „Cluster“ auftauchen und bereits gelesene in Grau markiert werden – nichts ist langweiliger als die bereits beim letzten Besuch gelesene Story.
Mit Living Stories und Realtime, aber auch mit Goggle-Bildern bietet Google neue Nutzungsmöglichkeiten, auf die die Zeitungen reagieren werden. „Frenemy“ hat Martin Sorell von der Werbeagentur WPP das Verhältnis zwischen Tageszeitungen und Google genannt, man ist Freund und Gegner zugleich, eben Fregner. Man braucht den Freund Google, um erreichbar zu sein, man fürchtet den Konkurrenten um Werbeerlöse. Die Abhängigkeiten gelten auch für Google: Ohne die aktive Mitarbeit einer Redaktion sind Googles Living Stories gelebte Langweile. Auch die Echtzeittweets, die wie die Laufticker mancher Nachrichtensendungen im Fernsehen funktionieren, sind ohne die Nachrichten, die sie kommentieren, häufig unverständlich.
Wem zum Nutzen?
Ganz ohne Kristallkugel ist klar, dass die neuen Googleleien zusammenkommen werden, dass in den Living Stories die Echtzeit-Kommentare eingeblendet werden, dass aus den Fotomassen, die die Telefonnutzer einstellen, aktuelle Bilder „generiert“ werden, dafür gibt es Algorithmen. Google ist nicht nur eine Suchmaschine, sondern ein News-Aggregator, der immer neue Schläuche suchen muss, die Inhalte für Google-Nutzer zu präsentieren. Für die Verlage gibt es im Gegenzug „Traffic“, für die Unternehmen, die Living Stories abliefern, sogar ein bisschen Exklusivität: Wie es derzeit aussieht, bestehen die Living Stories von „New York Times“ und „Washington Post“ ausschließlich aus selbstproduzierten Inhalten ohne Links in fremde Gefilde. Doch auch das mag sich noch ändern.
Auf die so stetige wie bange Frage, ob die Mixturen der Google Labs den Verlagen schaden, hat Josh Cohen, Googles Business Manager für die News-Produkte, das immer gleiche freundliche „Nein“ parat. Die Probleme der Verlage seien so vielschichtig, dass Google dafür kein Patentrezept habe. Man darf hinzufügen: Gäbe es einen solchen Algorithmus, würden ihn die Google Labs erst einmal patentieren.