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Digitale Suche : Google verschlingt das Internet

  • -Aktualisiert am

Der nette Torwächter? Bild: EPA

Google experimentiert momentan mit der Darstellung seiner Suchergebnisse. Die Quellen von Informationen treten dabei in der Hintergrund. Will Google die Hyperlinkstruktur des Internets demontieren?

          Smartphone-Nutzer mit Googles Betriebssystem Android rieben sich kürzlich verwundert die Augen: Als sie in Googles mobiler Suche nach Begriffen suchten, spuckte die Suchmaschine in der Trefferliste nur noch Suchergebnisse ohne Link aus. Normalerweise wird unter dem Titel die URL (Uniform Resource Locator) angezeigt, die auf die Quelle des Suchtreffers verweist. Doch Google verzichtete auf den Quellenverweis und wies das Material quasi als eigenen Inhalt aus. Nach Darstellung des Internetmagazins „The Next Web“, dem die Sache auffiel, ist unklar, ob Google nur einen Testlauf unternimmt oder so schrittweise ein neues Angebot ausrollt. Vor allem diene das Experiment dazu, die Schnittstelle aufgeräumter und übersichtlicher zu gestalten. Doch könnte auch der Versuch dahinterstecken, sukzessive die Hyperlinkstruktur des Internets zu demontieren und den Informationsverkehr im Netz zu dominieren.

          Die Vorstellung, dass Google der nette Türhüter ist, der uns den Weg in die Magistrale der Wissenswelt weist, war schon immer naiv. Google verfolgt Geschäftsinteressen, und das ist per se nicht illegitim. Bedenklich ist jedoch, dass die Tech-Giganten aus dem Silicon Valley immer mehr Informationen aggregieren und die Distributionskanäle kontrollieren. Auch Medienunternehmen, die mit Instant Articles eigene Inhalte auf Facebook publizieren, geben ihre Marken preis, weil den Nutzer nicht interessiert, ob der Artikel von einer bestimmten Zeitung oder einem Sender stammt. Es steht die Marke Facebook drauf.

          „Wir sollten in der Lage sein, sofort die richtige Antwort zu geben“

          Patrick Kulp schrieb auf dem Onlineportal „Mashable“, dass mit AMP (Accelerated Mobile Pages), einer Technik, die die Ladezeit mobiler Websites beschleunigt und dank der man Seiten aufrufen kann, ohne den Link zu besuchen, das Googleversum immer mehr zu einem „Walled Garden“ werde, zu einem ummauerten Garten, in dem die Angebote zwar paradiesisch anmuten, der Nutzer aber Restriktionen unterliegt. Die Big Five, die fünf großen Tech-Konzerne Google, Apple, Microsoft, Amazon und Facebook, stecken ihre Claims ab.

          Der frühere Google-Chef und heutige CEO der Mutter-Holding Alphabet, Eric Schmidt, formulierte 2005 das Ziel, für jede Suchanfrage künftig nur noch ein Resultat anzuzeigen. „Wenn man Google nutzt, bekommt man mehr als eine Antwort. Natürlich bekommt man das“, sagte er seinerzeit in einer Fernsehsendung. Das, so Schmidt, sei ein „Bug“. „Wir sollten in der Lage sein, sofort die richtige Antwort zu geben. Wir sollten wissen, was jemand meint.“ Die Aussage erscheint durch die Markteinführung des Netzwerklautsprechers Home, der ständig mithört und Gesprächsinhalte auswertet, wie eine Drohung. Dass Google aus den Suchanfragen und Sprachkommandos Präferenzen ableitet und diese durch statistische Musterkennungsverfahren antizipieren kann, ist bekannt. Doch diese Prognostik geht dem Konzern offenbar nicht weit genug.

          Die Antwort ist der Nutzer

          Der Google-Ingenieur und Futurist Ray Kurzweil verfolgt die Vorstellung einer ausgefeilten Suchmaschine, die wie ein „kybernetischer Freund“ operiert. „Ich strebe an, dass in ein paar Jahren die Mehrheit der Suchanfragen beantwortet werden kann, ohne dass man danach fragt“, sagte er 2013 bei einem Vortrag an der Singularity University. Google soll also die Antworten liefern, ohne dass danach gefragt wird. Dass dies nicht ohne eine massive Ausleuchtung privater Daten und der Erstellung von Persönlichkeitsprofilen funktioniert, muss jedem klar sein. Die Antwort ist der Nutzer, der schon gar nicht mehr fragen muss, weil seine datenförmige Identität in allen Einsen und Nullen transparent ist. Google konstruiert soziale Identitäten. Frei nach dem Motto: Ich google, also bin ich! Dieser Plan ist schon an sich verstörend, zudem wohnt ihm ein Kurzschluss inne. Wissen, Erkenntnis, Bildung sind kein einfaches Frage-Antwort-Spiel, bei dem man sich Informationen von Suchmaschinen vorsetzen lässt.

          Der amerikanische Philosoph Michael Patrick Lynch beschreibt in seinem Buch „The Internet of Us: Knowing More and Understanding Less in the Age of Big Data“, wie wir Fakten durch eine Google-Suche kaum noch entdecken, sondern nur noch down- und uploaden. Es ist ein rein mechanischer und kein reflexiver Prozess mehr. Doch das ficht die Nutzer offenbar nicht an. In einer Erhebung der Marketing-Agentur Stone Templs gaben sechs von zehn Befragten an, Suchergebnisse zu bevorzugen, bei denen sie nicht mehr klicken müssen. Man will das informationelle Fastfood am liebsten per Sprachkommando serviert bekommen. Dass sich dabei Wissenslücken auftun, ist offenkundig. Die Suchmaschine ist Segen und Fluch für die Wissensgesellschaft zugleich: Einerseits werden Informationen mit einem Klick verfügbar. Andererseits werden Herkunft der Informationen und Auswahl verschleiert. Wenn Google nun auch den Hyperlink austrocknet, wird die Quellenlage immer dünner.

          Google hat mittlerweile mitgeteilt, dass es sich bei den fehlenden URLs um einen Fehler gehandelt habe, der bei einigen Experimenten entstanden sei. Es sei nicht die Absicht gewesen, URLs zu entfernen.

          Quelle: F.A.Z.

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