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„Gladbeck“ in der ARD : Wir schalten live zur Geiselnahme!

Dreißig Menschen in ihrer Gewalt: Degowski (Alexander Scheer, links) und Rösner (Sascha Alexander Gersak) kapern einen Linienbus. Bild: ARD

Die ARD hat einen Film über das Versagen der Polizei und die schwärzeste Stunde des deutschen Nachkriegs-Journalismus gedreht: „Gladbeck“ bezeugt ein Verbrechen, das vor aller Augen stattfand.

          Wer vor dreißig Jahren in der alten Bundesrepublik lebte, Fernsehen schaute oder Zeitung las, dem stehen immer noch Bilder vor Augen, sobald das Wort fällt: Gladbeck. Die Bilder zeigen den starren Blick einer jungen Frau, der ein Verbrecher eine Pistole an den Hals drückt: Silke Bischoff. Sie zeigen einen halbwüchsigen Jungen, wie er schützend die Arme um seine kleine Schwester legt, und denselben Jungen, in seinem eigenen Blut auf dem Boden liegend: Emanuele De Giorgi. Sie zeigen Geiselnehmer, die sich nach einem Bankraub auf Irrfahrt durch Deutschlands Nordwesten befinden, zeitweise dreißig Menschen in der Gewalt haben und ihre Skrupellosigkeit genussvoll inszenieren: Grinsend posiert Dieter Degowski mit Waffe. Hans-Jürgen Rösner schiebt sich den Lauf seiner Pistole in den Mund.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und die Bilder zeigen diejenigen, die den Schwerkriminellen in jenen drei Augusttagen des Jahres 1988 eine Bühne bereiteten: Reporter, Fotografen und Kameraleute drängen sich in deutschen Innenstädten um drei von der Polizei verfolgte Verbrecher – die Bankräuber und Rösners Freundin Marion Löblich – sowie ihre Opfer. Es geht live auf Sendung. „Wie fühlen Sie sich mit der Pistole am Hals?“, fragt ein Journalist Silke Bischoff.

          Wenige Stunde später ist die Achtzehnjährige tot, getroffen von einer Kugel Rösners. Degowski erschießt Emanuele De Giorgi, ein Polizist verunglückt bei der Verfolgungsjagd tödlich. Das Geiseldrama endet in einer Schießerei auf der Autobahn. Die Polizei versagt vollständig. Der Journalismus leistet einen Offenbarungseid. Gladbeck markiert den Tiefpunkt medialer Berichterstattung in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

          Versteckt unter einer Halde medialer Überdeterminierung

          Drei Jahrzehnte danach zeichnet ein Fernsehfilm im Ersten 56 Stunden der Angst minutiös nach. Der Zweiteiler „Gladbeck“ ruft die Bilder wieder auf. Er muss es tun – und folgt doch dem Gegenteil des Impulses, der die Pressemeute damals in einen, wie Beteiligte es später euphemistisch nannten, „kollektiven Rausch“ versetzte. Kilian Riedhof hat als Regisseur mit „Der Fall Barschel“ schon 2016 gezeigt, dass er es meisterhaft versteht, jenseits aller Sensationslust, mit den Mitteln des Spielfilms, aber auf Grundlage detaillierter Faktenkenntnis, einen Abgrund auszuleuchten, der unter einer Halde medialer Überdeterminierung begraben liegt. Mit „Gladbeck“ kehrt er in die achtziger Jahre zurück. Seine Inszenierung des Drehbuchs von Holger Karsten Schmidt, an dem Riedhof mitarbeitete, ist Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit, vor allem aber Fernsehen, dass den Zuschauer von der ersten bis zur letzten quälenden Minute gefangen nimmt.

          Riedhof und Schmidt biedern sich nicht ans Krimigenre an. Sie fragen nicht nach der Motivation der Täter. Niemals erzählen sie aus deren Perspektive. Sollen die Gangster vor den Presseleuten über ihre traurige Kindheit schwadronieren – hier geht es um Taten, auf die andere reagieren, immer wieder falsch reagieren, und um Menschen, die deshalb einen sinnlosen Tod sterben.

          Wir verfolgen das Geschehen aus größter Nähe und aus der Distanz: aus den Blickwinkeln von Zeugen, Polizisten, Geiseln und Reportern vor Ort, und von den Positionen wechselnder Einsatzleitungen aus, die in ihren Büros eine Krisensitzung nach der anderen abhalten, sich an Dienstverordnungen klammern und eingebunkert bleiben in der eigenen Entscheidungsunfähigkeit.

          Wie im Rausch: Die Presse umringt das Fluchtauto in der Kölner Innenstadt.

          Dabei hätte in der Bank in Gladbeck schon Schluss sein können. Kaum hatten zwei Maskierte sich Zutritt verschafft und die beiden Angestellten zur Herausgabe von gut hunderttausend Mark Beute gezwungen, da waren sie auch schon aufgeflogen. Ein Arzt auf dem Weg zur Praxis hatte sie gesehen und die Polizei alarmiert. Und wären die beiden ausgesandten Beamten nicht so unfassbar naiv gewesen zu glauben, die Bankfiliale hätte rundherum Oberlichter und die Räuber könnten sie nicht sehen, hätten die Polizisten sich nicht vor die Glasfront gestellt wie ins Schaufenster, wäre aus dem Raubüberfall wohl keine Geiselnahme geworden. So tritt das erste Ermittlungsdebakel eine Kaskade von weiteren los, in denen die staatliche Exekutive die Kontrolle verliert – selbstverschuldet.

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