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„Girls“-Autorin Lena Dunham : Die Feministin unseres Vertrauens

Begeistert sich für Barack Obama und für Snacks zwischendurch: Lena Dunham. Bild: Phil Dera

Wieso ist Lena Dunham eigentlich eine Ikone? Ganz einfach: Weil sich in den Geschichten ihrer Fernsehserie „Girls“ und in ihrem Buch eine ganze Generation junger Frauen wiederfindet. Und Überraschungen hat sie auch auf Lager.

          Sie kommt auf die Bühne, und das Publikum explodiert vor Glück. Sie trägt ein grünes Kleid, bedruckt mit Blumen und lustigen Ornamenten und Tieren, dazu schwere schwarze Plateauschuhe, und sie winkt mit beiden Händen in den Saal. Und plötzlich nimmt der Jubel noch mal zu. Als würde den Leuten, vor allem junge Frauen sind es, die ins Deutsche Theater gekommen sind, erst im zweiten Augenblick richtig klarwerden, dass es wahr ist: dass dort jetzt Lena Dunham live vor ihnen steht, Lena Dunham, die Erfinderin der Fernsehserie „Girls“, die Buchautorin („Not That Kind of Girl“, eine Art Autobiographie, gerade bei Fischer erschienen), die Regisseurin und Produzentin, achtundzwanzig Jahre alt und Projektionsfläche für ungefähr achtundzwanzig Milliarden Wünsche und Vorstellungen und Pläne, wie es ist und sein könnte, heute eine achtundzwanzigjährige Frau zu sein - oder überhaupt: jung zu sein.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dann setzt sich Lena Dunham hin und redet über ihr Leben. Und ihren Hund, der seine eigene Seite im Netz hat und twittert. Über ihren Sex. Ihre New Yorker Künstlereltern. Ihre Schwester. Ihre Projekte. Über Obama (hot!) und Hillary Clinton (würde sie zur Präsidentin wählen) und den deutschen Schauspieler Lars Eidinger (noch hotter als Obama). Christoph Amend, der Chefredakteur vom „Zeit“-Magazin und Moderator des Abends, fragt Dunham, wie sie sich selbst jemandem beschreiben würde, der noch nie von ihr gehört hat - und die Ironie dieser Frage besteht darin, wie schwer vorstellbar das nach drei Staffeln „Girls“ und einem Hurrikan von Meinungen über diese Serie und ihre Erfinderin und Hauptdarstellerin ist. Und Lena Dunham antwortet, nachdem sie kurz und ziemlich professionell Zeit zum Nachdenken gewonnen hat, indem sie Amends Frage noch mal wiederholt, mit ihrer typisch singsanghaften, hellen Stimme: „Ich heiße Lena, ich bin Autorin, ich bin Feministin ... “, und weil sie kaum einen Satz ohne Pointe beendet, beendet sie auch diesen mit einer Pointe: „... und ich liebe Snacks.“

          Miteinander gegen die Machtverteilung der Welt

          Hätte eine Wärmebildkamera Berlin an diesem fieskalten Winterabend von oben aufgenommen, das Deutsche Theater wäre ein glühend leuchtender Fleck gewesen. Da sitzt eine junge Frau auf der Bühne, die furchtloser und selbstsicherer wirkt, als sie vielleicht in Wirklichkeit ist, deren Mittel gegen Furcht und Zweifel aber ist, sie in Humor zu verwandeln - und die dafür angebetet wird vom Publikum. Unmöglich, Lena Dunham an diesem Abend nicht zu bewundern, auch weil sie selbst andere so bewundert: Präsident Obama also, Hillary Clinton, Lars Eidinger und vor allem Nora Ephron, auch so eine Autorin, Feministin und Liebhaberin von Snacks (und vor allem verantwortlich für Spielfilme wie „Harry und Sally“ und „Sodbrennen“). Die beiden Frauen hatten sich angefreundet, nicht lange bevor Nora Ephron 2012 viel zu früh starb. Lena Dunham wünscht sich, sie könnte eines Tages auch so großzügig jüngere Autorinnen fördern, wie sie das von Nora Ephron selbst erfahren habe.

          Großzügigkeit, Unterstützung, Solidarität: Später kommt Lena Dunham noch einmal auf diesen Punkt zurück, er ist so etwas wie das Fundament ihrer feministischen Haltung. Es stimme einfach nicht, sagt sie, was Frauen vorgemacht werde: dass nicht genug Platz für alle da sei. Das sei aber genau der Grund, warum Frauen eher untereinander konkurrierten als miteinander gegen die Machtverteilung der Welt anzugehen. Wie dieses Kräfteverhältnis wirkt, macht sie in ihren Geschichten und Pointen am eigenen Beispiel klar, am eigenen Körper, den sie ständig in ihrer Serie nackt zeigt. Man habe ihr immer wieder zu ihrem Mut gratuliert, erzählt Lena Dunham in ihrem Buch und jetzt auch auf der Bühne in Berlin. Aber wie grotesk das sei, merke man doch daran, dass niemand auf die Idee käme, einem Model zu dem Mut zu gratulieren, sich auszuziehen!

          Die Geschichte, die der eigenen so ähnelt

          „Girls“ erzählt von jungen Frauen (und Männern) im Brooklyn von heute, von ihren Jobs, die sie oft gar nicht kriegen, ihren Körpern, von ihrem Traum, für den die Kraft fehlt, ihn auch zu erfüllen, weil immer was anderes dazwischenkommt: Es geht also um das Leben - und einmal nicht wie in den vielen anderen großen amerikanischen Serien um Mord oder Politik. Und da ja jeder Mensch eines lebt, setzt man sich beim Zuschauen ständig ins Verhältnis: War ich auch so blöd? Habe ich auch so gehofft? Mich auch so belogen? Genau das ist aber auch, wofür Lena Dunham gleichzeitig so attackiert wird: dafür nämlich, sich einfach das Recht genommen zu haben, das, was ihr passiert, für derartig bedeutend und wahrhaftig zu halten, daraus eine Fernsehserie zu machen. Ist das überhaupt erlaubt? Darf die das? Wie konnte das passieren?

          Es ist passiert, weil ein amerikanischer Fernsehsender an die erzählerische Kraft dieser Geschichte glaubte. In Berlin kamen am Sonntagabend sehr viele Menschen zusammen, die genau auf diese Geschichte gewartet haben, weil sie ihrer eigenen so ähnelt. Sie wollten Lena Dunham dann auch gar nicht mehr gehen lassen.

          Quelle: F.A.Z.

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