http://www.faz.net/-gqz-75y1u

Gewalt in Fernsehserien : Es war einmal eine Krimiserie in Amerika

  • -Aktualisiert am

In „The Following“ spielt Kevin Bacon (vorne) einen abgehalfterten Polizisten, der einen Killer jagt. Es ist eigentlich alles wie immer im Krimi. Und auch wieder nicht Bild: dapd

Fernsehkritiker denken um: Nach dem Massaker von Sandy Hook ist die Darstellung von Gewalt nicht mehr selbstverständlich. Das bekommt die neue Serie „The Following“ mit Kevin Bacon zu spüren.

          Neu ist es nicht, was man in der Fox-Serie „The Following“ zu sehen bekommt: Ein alkoholkranker ehemaliger Polizist (Kevin Bacon, dem die Rolle des Ryan Hardy dank seiner fahrigen Erscheinung zumindest optisch gut steht) wird in den Dienst zurückberufen, weil ein Serienkiller (James Purefoy als arroganter Bösewicht Joe Carroll), den er zu fangen half, aus der Todeszelle entwischt ist. Doch kommt die Serie zu einer denkbar schwierigen Zeit: Darf man, so fragte die amerikanische Fernsehkritik, nur ein paar Wochen nach dem Massaker von Sandy Hook, einfach so zur Gewaltdarstellung in der Popkultur übergehen, als wäre nichts gewesen?

          „The Following“ ist nicht nur äußerst brutal - unter anderen rammt sich in der Auftaktepisode eine hüllenlose Tätowierte ein Messer ins Auge, und eine ganze Gruppe von Gefängniswärtern liegt in Blutlachen. Die Serie spielt zudem mit der Verbreitung von Gewaltphantasien über das Internet: Der Killer, ein Literaturprofessor mit einem Faible für Edgar Allan Poe, hat eine titelgebende Gemeinde von Fans um sich versammelt, die sich wie Schläfer aus der heimeligen Vorstadt-Atmosphäre schälen, um es ihm gleichzutun.

          Kritiker denken um

          Dass die Gewaltorgien in „The Following“ von einem Dichter wie Poe inspiriert sind, der als ein Pionier der Kriminalgeschichte und Vorreiter des modernen Horrorgenres gilt, ist sicher eine beabsichtigte, womöglich sogar eine defensive Wendung des Serienschöpfers Kevin Williamson, der sich in diesem Genre unter anderem mit den Kinofilmen „Scream“ und „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ profiliert hat. Aber was als cleverer Psychothriller auftritt, ergötzt sich zu sehr an Grausamkeiten. Und wiewohl die amerikanische Fernsehkritik weit davon entfernt ist, die vielbeschworene kausale Verknüpfung von medialer und realer Gewalt zu befeuern, hat sich doch ein Unwohlsein im Hinblick auf zweckfreie Gewaltdarstellungen breitgemacht. Früher wäre das vielleicht einfach so durchgegangen. Doch die Kritiker denken um.

          „Unsere Sehnsucht nach sichereren Gemeinden kann sich nicht in der Bestellung sonnigerer Fernsehprogramme erfüllen“, schrieb die „Washington Post“, welche die Serie nichtsdestotrotz als „abgedroschene Übung in Gewalt“ verriss. Die „New York Times“ bemerkte, „The Following“ habe zwar keine wesentlich schlimmeren Brutalitäten zu bieten als etablierte Krimiserienware wie „CSI“, trivialisiere diese aber auf unentschuldbare Weise.

          Vorwand für Metzeleien

          Der Versuch, dem Krimi einen vielschichtigen Rahmen zu geben, wie es vergleichbaren Serien wie „Dexter“ oder „Breaking Bad“ gelingt, wirkt hier bloß wie ein Vorwand für Metzeleien, die im Kino mit dem Begriff „torture porn“ belegt werden. Hämisch grinsend spielt der Killer Carroll seinem Widersacher in einer Szene die Schreie eines Opfers vor, mehrfach, und er kommt dabei scheußlicherweise cooler weg als Hardy, dessen lodernder Blick mit zusammengepressten Lippen bloß stereotyp ist. Dass der Polizist Hardy selbst den Mörder zu bewundern scheint, droht der Serie jede moralische Verankerung zu nehmen. „Ich habe selbst in seinen Vorlesungen gesessen“, sagt er in einer Szene, „er ist phantastisch. Er inspiriert Menschen. Das ist ein Geschenk.“

          Interessantere Einfälle - Hardy trägt nach einem Kampf mit Carroll einen Herzschrittmacher, und er hatte eine Affäre mit Carrolls Frau - treten zumindest in der Auftaktepisode in den Hintergrund. Auch Carrolls „Schläfer“ und sein Wunsch, Hardy zu einem unwilligen „Kollaborateur“ zu machen, könnten faszinierender sein als detailreiche Greuel. Dass der Schockwert der ersten Folge der aufsehenerregenden Einführung einer neuen Serie in einen hartumkämpften Fernsehmarkt dient, mag man hoffen. Aber es steht zu befürchten, dass sich „The Following“ in der Illustration des Poeschen Satzes erschöpft, der Tod einer schönen Frau sei das poetischste Thema der Welt.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Merkel bedankt sich bei Angehörigen Video-Seite öffnen

          Soldaten und Polizisten : Merkel bedankt sich bei Angehörigen

          Angela Merkel hat Angehörige von Soldaten und Polizisten im Auslandseinsatz ins Kanzleramt eingeladen, um sich bei ihnen zu bedanken. Im persönlichen Gespräch wollte die Kanzlerin etwas über die Sorgen und Probleme der Familien erfahren.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Roy Moore : Missbrauchsvorwürfe? Und wenn schon!

          Roy Moore will heute gegen den Willen des republikanischen Establishments Senator von Alabama werden. Der Missbrauchsskandal hat ihm geschadet, trotzdem hat er gute Chancen die Wahl zu gewinnen – auch weil eine Wählergruppe zu ihm hält, von der man es nicht erwartet hätte.

          Netflix veralbert seine Nutzer : Guckloch

          „Wer hat euch verletzt?“ Das Streamingportal Netflix forscht seine Nutzer aus und macht auf Twitter auch noch Witzchen darüber. Das kommt gar nicht gut an.
          Nicht nur Julia Klöckner lehnt ein Kooperationsmodell ab, auch andere führende Unionspolitiker haben für den Vorschlag wenig Begeisterung übrig.

          Kooperationsmodell : Union lehnt „KoKo“ ab

          Bei den Genossen wird der Vorstoß vom linken Parteiflügel intensiv diskutiert. Was der SPD wie eine echte Alternative scheint, stößt bei der Union jedoch auf wenig Begeisterung.
          Hemmungslose Bereicherung? Grasser und Plech im Gerichtssaal

          FPÖ-Schmiergeldaffäre : Wo woar mei Leistung?

          Einst galt Karl-Heinz Grasser als schillernde Gestalt der FPÖ. Nun wird dem Politiker vorgeworfen, systematisch an der Einwerbung von Schmiergeldern beteiligt gewesen zu sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.