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Gespräch mit der Journalistin Iryna Chalip : Ich werde mich keiner Zensur unterwerfen

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„Auch die Aufhebung einer Haftstrafe kann bloß ein momentanes Kalkül des Systems Lukaschenka sein“ Bild: Sergej Balaj

Ende des Hausarrestes, Aufhebung des Urteils: Nach zwei Jahren kann sich die weissrussische Journalistin Iryna Chalip wieder freier bewegen. Am System geändert hat sich jedoch nichts.

          Am vergangenen Freitag hat ein Minsker Gericht Ihre zweijährige Haftstrafe aufgehoben, zu der sie 2011 verurteilt wurden und die man dann zur Bewährung aussetzte. Haben Sie erwartet, das Gericht als eine freie Frau zu verlassen?

          In den vergangenen Jahren habe ich eine neue Erfahrung gemacht: In der heutigen weißrussischen Wirklichkeit kann man einfach nicht auf Erwartungen setzen, weil nichts nach logischen Regeln funktioniert, sondern alles nur von den niedrigsten Instinkten in einem Cocktail aus Psychokrankheiten bestimmt wird. Vierundzwanzig Stunden am Tag muss man für alle Eventualitäten gewappnet sein. Und diese können mitunter auch fatal sein.

          Was war das Erste, das Sie getan haben, nachdem Sie freigelassen wurden?

          Ich habe meine Freunde abends in ein Café eingeladen. Das war der erste Abend, an dem ich nicht nach Hause rennen musste, weil die Miliz dort bis zu meinem Hausarrest jeden Abend um 22 Uhr meine Anwesenheit überprüfte. Deswegen haben wir um 22.01 Uhr auf die Freiheit angestoßen. Um 22.44 Uhr sagte eine Freundin zu mir: „Schon 44 Minuten in der Freiheit. Hast du das bemerkt?“ Es war ein einfach wunderbarer Abend.

          Fühlen Sie sich denn nun wirklich frei?

          Erstens: Ich war immer frei, selbst im Gefängnis. Eine innere Freiheit kann man auch nicht aus einem herausprügeln. Zweitens: Eine äußere Freiheit, die durch die Verfassung und Gesetze garantiert wird, gibt es bei uns nicht - und sie wird es unter diesem Regime auch nicht geben. Jeder, der nach dem Gefängnis wieder aktiv gegen das Regime wird, hat gute Chancen, aufs Neue im Gefängnis zu landen. Ich habe keine Illusionen, dass sich dahin gehend irgendetwas ändern wird.

          Während der Bewährungsstrafe haben Sie de facto unter Hausarrest gelebt. Wie waren die Bedingungen in dieser Zeit?

          Zwei Jahre lang durfte ich Minsk nicht verlassen. Jeden Montag musste ich zu einer Milizstation in meinem Bezirk fahren, um dort eine Unterschrift zu leisten. Nach 22 Uhr durfte ich nicht mehr das Haus verlassen. Und jedes Mal, wenn die Miliz bei uns klopfte, musste ich öffnen. Manchmal kamen die Milizionäre dreimal in der Nacht, um 22 Uhr, um Mitternacht und dann wieder um 2 Uhr. Sie wussten ganz genau, dass ich ein kleines Kind habe, das natürlich vom Klopfen in der Nacht aufwacht. Sie haben unser Leben in eine Hölle verwandelt, und sie haben es erreicht, dass ich mich in meinen eigenen vier Wänden nicht eine Sekunde sicher und wohl fühlen konnte.

          Iryna Chalip mit Mutter Lutsina am Tag der Urteilsverkündung 2011 in Minsk.

          Werden Sie nun wieder als Reporterin der russischen Zeitung „Novaja Gazeta“ arbeiten?

          Die Arbeit für die „Novaja Gazeta“ habe ich eigentlich nie beendet - nur in der Zeit, als ich mich fünf Monate lang in Isolationshaft befand, konnte ich nicht arbeiten. In jener Zeit kamen Kollegen aus Moskau nach Weißrussland, um meine Arbeit zu übernehmen. So wird es nun auch sein. Wenn man versuchen wird, mich zu isolieren, wird irgendwer aus Moskau kommen und an meiner Stelle berichten. Und dies wird ein Russe sein, mit dem man nicht so leicht verfahren kann, wie man das mit mir tut. Ich werde weiterhin arbeiten. Ich werde mich auch keiner inneren Zensur unterwerfen. Dazu bin ich zu sehr Journalistin.

          Ihr Ehemann, der Oppositionspolitiker und ehemalige Präsidentschaftskandidat Andrej Sannikau, musste das Land nach seiner Freilassung im vergangenen Jahr verlassen und lebt nun in London. Sie wohnen mit dem gemeinsamen Sohn in Minsk. Wie sehen Ihre Pläne aus?

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