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Datenanalyst Morgenroth : Selbst unsere Krankheiten werden zu Geld gemacht

  • Aktualisiert am

Datenanalyst Markus Morgenroth Bild: Frank Röth

Jeder Datenschnipsel ist heute wertvoll, denn er hilft dabei, ein digitales Profil jedes Menschen zu erstellen. Warum wir in einer total vernetzten Welt alle nackt dastehen: Markus Morgenroth gibt Einblicke in das Geschäft mit unserem Schicksal.

          Herr Morgenroth, Sie sind ein Aussteiger, aus welcher Welt steigen Sie aus?

          Ich steige aus einer Welt aus, in der manche Datenanalysten vergessen, dass es bei den Analysen auch um Menschen und um Schicksale geht. Wir haben es heute mit einem stetigen Datenstrom zu tun, Daten fallen nebenbei an, sie werden analysiert, in Schlussfolgerungen verwandelt und zu Geld gemacht. Dabei passieren immer wieder Fehler. Wenn es um Wettervorhersagen geht, dann sind Fehler tolerierbar, aber sobald Menschen betroffen sind, wird es sehr problematisch.

          Sie waren für die amerikanische Firma Cataphora tätig, die Menschen in Unternehmen anhand ihrer Datenspuren analysiert. Hat Sie auf einmal das schlechte Gewissen gepackt?

          Anfangs ging es bei Cataphora darum, die „Bösen“ zu finden, sprich, Menschen, die Insiderhandel betreiben, Gelder veruntreuen, solche Dinge. Aber das Geschäftsmodell veränderte sich, im Fokus stand irgendwann mehr und mehr die Auswertung von Mitarbeiterdaten verschiedener Firmen. Wer sind die Top-Performer? Wer wird mit hoher Wahrscheinlichkeit demnächst kündigen? Wie ist es um die Motivation einzelner Mitarbeiter bestellt? Wir haben Menschen lesbar gemacht. Und die Algorithmen förderten nebenbei Dinge zutage, nach denen wir gar nicht gesucht haben: Alkoholprobleme, sexuelle Vorlieben, Affären.

          Sie nennen es in Ihrem soeben erschienenen Buch „Sie kennen Dich. Sie haben Dich. Sie steuern Dich. Die wahre Macht der Datensammler“ digitale Archäologie. Es geht nicht nur um Analysen, sondern auch um Ausgrabungen?

          Ja, oftmals lassen sich auch in schon vorhandenen älteren Datenbeständen wertvolle Informationen finden.

          Man kann die Welt modellieren. Wie weit ist man bei der Kreation digitaler Schattenbilder von Personen? Wie verwundbar sind wir?

          Im Falle von Cataphora standen Menschen vor Gericht und mit ihnen ihr digitales Spiegelbild, also die Summe aus all den vielen Datenfragmenten, die ein Mitarbeiter jeden Tag hinterlässt. Die Betroffenen wussten häufig nicht mehr, was sie wann und mit wem getan hatten, wenn sie vor Gericht befragt wurden. Wir wussten es aber. Vor Gericht wissen heute andere sehr viel besser über Sie Bescheid als Sie selbst. Daraus folgt eine neue Deutungshoheit über Personen.

          Man muss sich vor Gericht also gegen allwissende Maschinen verteidigen?

          Vor Gericht heißt es beispielsweise nicht mehr: „Was haben Sie dann und dann gemacht?“ Sondern: „Warum haben Sie damals aufgehört, freitags mit Kollege X essen zu gehen?“ Sie wissen im Zweifel gar nicht, was die Frage bedeutet. Sie kommen in eine Situation der Verlegenheit und durchschauen das Spiel nicht mehr, das über Ihr Schicksal entscheidet.

          Ihre ehemalige Chefin schrieb in ihrem Buch, Menschen seien Maschinen, deren Betriebssystem man verstehen müsse, um sie steuern zu können. Zeigt das Verständnis und Wille heutiger Datenanalysten?

          Sie glaubt daran, dass es eine überschaubare Typologie der Menschen gibt, die man verstehen und steuern kann.

          Ist Überwachung inzwischen eine Methode für das Management geworden?

          Genauso wie Unternehmen so viel wie möglich über ihre Kunden wissen möchten, möchten manche Arbeitgeber so viel wie möglich über ihre Angestellten wissen. Wie hoch ist der Stresslevel, wie kommunizieren die Mitarbeiter untereinander, wie oft und wie lange geht jemand auf die Toilette, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand krank wird - all das sind Fragen, die gestellt werden. Aus dem gläsernen Konsumenten wird der gläserne Mitarbeiter. Wir stehen „nackt“ da, ohne es zu wissen.

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