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Veröffentlicht: 07.01.2016, 09:15 Uhr

Chefredakteur von „Charlie Hebdo“ „Wir scheißen auf euch“

Vor genau einem Jahr stürmten zwei Islamisten die Redaktion der Satirezeitung und ermordeten zwölf Menschen. Wie konnte „Charlie Hebdo“ danach überhaupt noch erscheinen? Ein Gespräch mit dem Chefredakteur Gerard Biard.

von Bertrand Pecquerie
© Catheline/Charlie Hebdo „Wahrlich, ich sage euch, wir werden noch lange gemeinsam lachen“: „Charlie Hebdo“ erinnert an das Attentat mit einem Bild wie beim letzten Abendmahl. Die Lebenden und die Toten der Redaktion sind alle versammelt, mittendrin der Chefredakteur Stéphane Charbonnier, der ebenfalls am 7. Januar 2015 ermordet wurde.

Ein Jahr nach dem Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ – was möchten Sie heute nicht mehr hören?

Ich fürchte, ich werde es hören: Als Reaktion auf Terroranschläge kommen die Leute oft mit Erklärungen und Begründungen, die wie Rechtfertigungen klingen. Das ist nicht akzeptabel. Eine totalitäre Ideologie, die auf religiösem Dogma beruht, kann man aus meiner Sicht nur ablehnen. Etwas anderes ist nicht möglich.

Aber nicht alle Erklärungen sind Rechtfertigungen.

Stimmt, aber die Terrorgruppe Daesh (der IS) hat tausend Gründe, uns zu hassen. Die Suche nach Erklärungen ist ein endloses Unterfangen, welches das Risiko birgt, dass man nach „guten Gründen“ sucht. Die gibt es aber nicht, denn diese Leute wollen nichts anderes, als unserer demokratischen Gesellschaft eine fundamentalistische religiöse Ideologie aufzuzwingen.

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Würden Sie von einem islamischen Faschismus reden?

Da ich italienischer Abstammung bin, würde ich den Begriff „Faschismus“ nicht gern verwenden, da er sich zu sehr auf einen spezifischen historischen Kontext bezieht. „Totalitarismus“ scheint mir passender zu sein, dieser Begriff umfasst viel mehr als den Stalinismus und den Faschismus des vergangenen Jahrhunderts. Leider haben wir es im einundzwanzigsten Jahrhundert mit neuen Formen von Totalitarismus zu tun.

Wo waren Sie am vergangenen 13.November? Sind die Anschläge, bei denen Islamisten in Paris 130 Menschen ermordeten, die Fortsetzung dessen, was am 7.Januar 2015 in den Redaktionsräumen von „Charlie Hebdo“ passiert ist?

37931086 © AFP Vergrößern „Charlie Hebdo“-Chefredakteur Gerard Biard

Ich war in der Redaktion von „Libération“, zur Feier ihres Umzugs in die Nähe des Bataclan und der Cafés im elften Arrondissement. Wir waren dreihundert Journalisten, wir wollten feiern und waren alle entsetzt. Wir konnten nicht glauben, was wir auf den Bildschirmen sahen. Wir wollten dann bei „Charlie Hebdo“ nur von den Mordtaten sprechen, nichts sonst. Unsere Botschaft war ganz einfach: „Wir scheißen auf euch.“ Das ist unsere Botschaft, von „Charlie Hebdo“ und all den Franzosen, die weiter in Restaurants gehen und Konzerte besuchen. Und das „euch“ meint natürlich alle Fanatiker, die Frankreich und der ganzen Welt einen neuen religiösen Totalitarismus aufzwingen wollen. Frankreich ist ein Symbol, aber es ist nicht das einzige Land, das bedroht ist.

Seit Januar 2015 haben Sie zahlreiche internationale Preise bekommen, aber auch Kritik erfahren. Was sagen Sie all denen, die nicht „Charlie“ sind?

Sie meinen die PEN-Awards in Amerika, wo einige Jurymitglieder die Haltung von „Charlie“ nicht akzeptieren wollten. Das ist eine Kontroverse, die in der angelsächsischen Kultur begründet ist, aber die Debatte ist sinnvoll und wichtig, da „Charlie“ eine internationale Leserschaft hat. Wir müssen erklären, was französische Karikatur ist und in welchem Kontext sie im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert entstanden ist: Laizität, Meinungsfreiheit, antiklerikale Bewegung.

© afp Ein Jahr nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“

Wie erklären Sie Nicht-Franzosen den Begriff „laïcité“, der oft mit „Säkularismus“ wiedergegeben wird?

Ich weise vor allem darauf hin, dass es keine adäquate Übersetzung gibt. „Säkularismus“ reicht nicht aus. Man muss auch bedenken, dass es unterschiedliche Auffassungen vom Verhältnis zwischen Staat und Kirche gibt. In Frankreich hat die Kirche in politischen Fragen nichts zu sagen, während in Ländern wie den Vereinigten Staaten sich der Staat nicht in religiöse Angelegenheiten einmischen darf. Das sind zwei entgegengesetzte Standpunkte, und deshalb ist es so schwer, in angelsächsischen Ländern über den Begriff „laïcité“ zu diskutieren.

Verschiedene Titel von „Charlie Hebdo“ haben Kontroversen ausgelöst, etwa das Bild des kleinen Aylan Kurdi, der leblos an einem türkischen Strand liegt.

Ja, weil uns abermals Blasphemie vorgeworfen wurde. Dieses Foto, das in unseren Augen etwas „Frommes“ angenommen hatte, haben wir bewusst verzerrt. Wir sind stolz darauf, dass wir diese Tradition der politischen Karikatur fortführen.

Hat sich die Haltung von „Charlie Hebdo“ seit Januar 2015 verändert?

Grundsätzlich wollen wir nichts ändern. Aber wir berücksichtigen, dass siebzig Prozent unserer Leser uns vor dem 7.Januar 2015 nicht kannten. Das sind Franzosen, aber auch Europäer, denen wir erklären müssen, was eine Satirezeitung ist, da es anderswo auf dem Kontinent kein wirkliches Äquivalent gibt. Wir wollen pädagogischer sein, aber wir werden immer das tun, was wir schon immer getan haben.

Sie haben die Website charliehebdo.fr wieder geöffnet. Wie sehen die Kommentare aus?

Manche Leute sind mit uns einverstanden, andere kritisieren uns, zum Teil vehement. Dank Internet kann jeder seine Ansichten frei äußern, keine Frage. Zum Glück hat es Twitter in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch nicht gegeben. Stellen Sie sich die Millionen anonymer Anzeigen vor, die wir uns eingehandelt hätten!

Es sollte eine Charlie-Hebdo-Stiftung eingerichtet werden. Wie weit sind Sie mit diesem Projekt?

Das Projekt liegt vorerst auf Eis. Das ganze Jahr 2015 haben wir uns auf das wöchentliche Erscheinen von „Charlie“ konzentriert. Wir hatten einfach nicht die Zeit, uns um die Stiftung zu kümmern.

Wird „Charlie Hebdo“ weiter existieren?

Das wird sich im Februar, März dieses Jahres erweisen, wenn die Jahresabonnements erneuert werden. Natürlich werden manche Leser abspringen, aber wir hoffen, dass neue Leser hinzukommen.

Das Gespräch führte Bertrand Pecquerie, Vorsitzender des „Global Editors Network“, einer Non-Profit-Initiative, der mehr als tausend Redakteure und weitere 1300 Medienschaffende aus aller Welt angehören.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Quelle: F.A.Z.

 

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